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Eilat, Sinai und Kant

Eilat muss man besucht haben. Mehrmals am besten. Die Restaurants bieten hervorragende Speisen an. Die Bedienung ist freundlich und polyglott. Möglichkeiten zum Baden, Surfen und Schnorcheln gibt es reichlich. Besonders das Unterwasser-Observatorium mit Blick auf das bunte Korallenriff vor Eilat ist sehenswert…

Von Wolfgang Frindte
Aus meinem israelischen Tagebuch

Besser aber noch ist ein Besuch des 1,2 kilometerlangen Strands, an dem sich das Riff befindet. Mehr als 300 verschiedene Korallen soll es hier geben. Wie ich kürzlich las, haben Forscher/innen des Interuniversity Institute for Marine Sciences in Eilat herausgefunden, dass die Korallen im Golf von Akaba, dank der besonderen Bedingungen im Roten Meer, dem Klimawandel zu trotzen scheinen (Die Zeit, 2020).

Auch Delfine und viele bunte, mir unbekannte Fische kann man dort beobachten.

Ein Fisch über Korallen (aufgenommen 2004).

Früher konnte man auf dem abenteuerlichen J. Hozman Airport landen. Abenteuerlich deshalb, weil der Flughafen im Stadtzentrum von Eilat liegt. Die Landebahn ist gerade mal 1900 Meter lang und man hatte beim Anflug das Gefühl, direkt am Strand zu landen. Dieser ausschließlich für Inlandflüge genutzte Flughafen wurde im März 2019 geschlossen. Der neue, moderne Flughafen, der Ramon International Airport, liegt nun in der Nähe von Timna.

Die Reise mit dem Auto ist aber auch heute noch angenehmer, etwas umweltfreundlicher und viel spannender.

Meine erste Reise nach Eilat unternahm ich im September 1995. Mit Freunden waren wir auf dem Weg in den Sinai. Ich erwähnte es an früherer Stelle bereits. Diese und eine spätere von Ende Dezember 1999 bis Mitte Januar 2000, die uns ebenfalls in den Sinai führte, wurde von meinem Berliner Freund Jacob organisiert (auch das habe ich schon erzählt) und von unserem israelischen Guide Jake B. geführt.

Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die erste Wanderung im Sinai im September 1995. Es war die eindrucksvollste, schönste und friedlichste.

Nachdem wir uns mühsam in Lotan an das Wüstenklima anzupassen versuchten (Stichwort: Magenverstimmungen), fuhren wir mit dem Bus nach Eilat und übernachteten in einem kleinen Hotel mit Blick auf Akaba, der einzigen jordanischen Stadt mit einem Überseehafen.

Akaba vom Hotelfenster aus (aufgenommen 1995)

Bis 1917 war Akaba fest in osmanischer Hand. Im Juli 1917 wurde sie dann durch arabische Stämme unter der Führung von Thomas Edward Lawrence (Sie wissen schon: Lawrence von Arabien) erobert. Danach war die Stadt bis 1946 Teil des britischen Mandatsgebiets. Während der Suezkrise (von Oktober 1956 bis März 1957) und dem nachfolgenden Krieg, bei dem auch der Sinai durch israelische Truppen besetzt wurde, geriet Akaba kurzzeitig ebenfalls in israelische Hand.

Übrigens: Miriam Rieck, die es ansonsten ja nicht so mit Hollywood-Movies hatte, fand den Film „Lawrence von Arabien“ aus dem Jahre 1962 mit Peter O’Toole in der Hauptrolle gar nicht so schlecht. Ich finde ihn hervorragend.

Eilat bei Nacht (aufgenommen 2013).

In Eilat saßen wir am Abend in einem kleinen Restaurant an der Strandpromenade, aßen Kebabs und dazu einen süffigen Rotwein vom Carmel. Es sollte für drei Wochen unser letztes ausgelassenes Mahl werden.

Am nächsten Tag liefen wir, vier Frauen und sechs Männer, mit unseren Rucksäcken über die Grenze bei Taba, unweit von Eilat, in den Sinai. Nachdem wir die Passkontrolle mit reichlich mürrischen ägyptischen Grenzpolizisten hinter uns gebracht hatten, warteten drei etwas ramponierte, weiße Taxis mit Beduinen als Fahrer auf uns. Die Beduinen brachten uns in rasender Fahrt auf der Straße 55 nach Nuwaiba. Für die Nikotinabhängigen unter uns Wanderern war ein kurzer Aufenthalt in Nuweiba die letzte Möglichkeit, um sich mit entsprechenden Tabakprodukten zu versorgen. Dann ging es – wieder mit hoher Geschwindigkeit – in die Wüste der Sinai-Halbinsel. Irgendwo in der Nähe des White Canyon. Dort warteten andere Beduinen, die uns auf unserer Wanderung führen sollten und Kamele bzw. und treffender Dromedare auf uns. Ich bekam das Größte und hoffte auch das Schnellste.

Rast Nähe des White Canyon (aufgenommen von Jacob S., 1995).4

Letzteres war ein Irrtum. Mein Dromedar musste neben meiner Habe, mich selbst und meinen Rucksack, auch noch die Kochutensilien (ein großes Blech zum Brotbacken, eine Pfanne und einen Kochtopf) tragen. Gemächliches Reiten war angesagt. Gemeinsam mit unseren Beduinen-Guides ging es los, hinein in den White Canyon, einer beeindruckenden Schlucht mit hellen Felswänden aus Kalk- und Sandstein. Auf meinem Kamel, sorry: Dromedar, kam ich mir nun auch wie Lawrence von Arabien vor. Auch wenn mein Dromedar auf meine Rufe „Yallah, yallah!“ (schnell, schnell!) nur bedingt reagierte.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit machten wir Halt und suchten uns ein Fleckchen zwischen den Felsen.

Das erste Nachtlager (aufgenommen mit einer Einwegkamera, 1995).

Besser gesagt: Die Beduinen suchten einen Übernachtungsplatz, während wir deutschen Wanderer Ausschau nach guten Übernachtungsplätzen hielten. Jede und Jeder von uns wollte möglichst weit ab von den anderen seinen Schlafsack aufschlagen. Es sollte ja in der Nacht, falls ein dringendes Bedürfnis zu befriedigen war, sich niemand gestört fühlen.

Am Lagerfeuer, bei Tee und Spagetti mit Tomatensauce erzählte uns Jake, unser israelischer Guide, seine Geschichte. Es war eine Geschichte, wie sie von etlichen Männern und Frauen in Israel erzählt werden kann. Jake B. wurde in Tel Aviv geboren. Später wanderten er und seine Eltern nach Deutschland aus. Dort fehlte ihm nicht nur der Tel Aviver Strand, aber der ganz besonders. Also ging Jake wieder nach Israel zurück, studierte und machte einen Masterabschluss.

Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 zog es ihn in den Sinai. Die Halbinsel wurde bis zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel im Jahre 1979 von den Israelis kontrolliert. Nicht nur israelische Truppen waren im Sinai stationiert, auch für viele junge Israelis, eben auch für Jake B., wurde der Sinai zu einem Sehnsuchtsort (vgl. auch Jüdische Allgemeine, 2019). Vor allem die Küsten der Halbinsel entwickelten sich zu Tourismuszentren. Hier konnte man tauchen, schnorcheln, einfach nur in der Sonne liegen, Cocktails trinken und, wem es passte, ein bisschen Gras rauchen. Auch israelische Siedlungen entstanden im Sinai, im Norden der Halbinsel und auch am Golf von Akaba. Die Israelis bauten die Straße von Eilat über Taba, Nuweiba bis nach Sharm El Sheikh aus. Hotels entstanden oder wurden modernisiert. Bars, Beach Clubs, Diskotheken und Tauchschulen schossen aus dem Boden. Und israelische Hippies feierten, weit ab von den Konflikten im Nahen Osten, wilde Partys und liebten sich am Strand. Andere ließen sich im Gebirge der Halbinsel, rund um das Katharinenkloster nieder, schlossen Freundschaften mit den Beduinen und bauten ihnen Wasserleitungen, mit denen noch heute die Beduinengärten rund um das Kloster bewässert werden. Auch Jake B. gehörte zu den Aussteigern, deren Spezies der israelische Schriftsteller und Bialik-Preisträger Aharon Megged (1920-2016) „Homo Sinaiticus“ nannte (Der Spiegel, 2017). Im Jahre 1982 mussten die letzten Vertreter dieser Spezies den Sinai verlassen. Ein Teil der Siedler ließ sich im Gaza-Streifen nieder. Die Hippies aus dem Süden der Halbinsel zogen nach Eilat, so wie auch Jake B. Von hier aus und auf Grund seiner freundschaftlichen Beziehungen zu den Sinai-Beduinen organisierte er bis weit in die 2000er Jahre touristische Reisen in den Sinai. Und nun waren wir mit ihm hier im White Canyon und es war spät geworden.

Am Lagerfeuer (aufgenommen von Jacob S., 1995).

Das Lagerfeuer war niedergebrannt. Die Beduinen rollten sich in ihre dicken Kamelhaardecken und wir krochen in unsere Schlafsäcke.

Mein Schlafsack war auf minus 20 Grad Kälte ausgelegt. Aber in der Nacht brauchte ich ihn nur als Unterlage. Auch gegen 22.00 waren es noch immer mindestens 25 bis 30 Grad plus. Unter einem sternenklaren Himmel und beim Schein des Halbmondes schlief ich ein.

In den darauffolgenden Tagen wanderten wir zu Fuß in das Gebirge. Die Dromedare gingen mit unserem Gepäck leichtere Wege.

Wir bestiegen in den nächsten zwei Wochen den Jebel Abu Alda (2165 Meter hoch), den Jebel Katrina (den Katharinenberg, den mit 2.637 Metern höchsten Berg im Sinai), den Jebel Abbas Basha (2.382 Meter hoch mit den Ruinen des Abbas Hilmi Pasha) und natürlich den Jebel Musa (den Choreb, den Mosesberg, 2.285 Meter hoch) in der Nähe des Katharinenklosters. Und manch andere, deren Namen ich vergessen habe.

Zwischen den Bergtouren genossen wir die Gastfreundschaft der Dschabaliya-Beduinen und schliefen in deren Gärten, die im Naturpark St. Katharina am Fuße des Choreb zu finden sind.

Der Kaffee ist fertig (aufgenommen von Jacob S., 1995).

Die Dschabaliya-Beduinen leben seit zirka 1.500 Jahren im Sinai. Ihre Vorfahren sollen Untertanen des römischen Kaisers Justinian gewesen sein, der seine Bediensteten in den Sinai geschickt haben soll, um das Kloster zu errichten und zu beschützen. Sie kamen mit ihren Familien und waren zunächst christlichen Glaubens. Jahrhunderte später konvertierten sie zum Islam, pflegen aber auch heute noch enge freundschaftliche und geschäftliche Beziehungen zu den Mönchen im Katharinenkloster. So arbeiten einige als Bäcker, Zimmerleute oder Gärtner im Kloster (Schieve, 2001, S. 23f.). Und sie beschützen das Kloster immer noch, wenn Gefahr droht. Als der damalige ägyptische Präsident Mohammed Mursi 2013 gestürzt wurde und viele Polizeistationen auch im Sinai zunächst verwaist waren, haben die Dschabaliya-Beduinen den Schutz der Mönche von St. Katharina übernommen (Die Tagespost, 2014).

Die Gärten, die die Beduinen am Fuße des Choreb bewirtschaften, haben sie 99 Jahre von den Mönchen gepachtet. In den Gärten finden sich meist raffiniert angelegte Wasserbecken, um die Obstbäume und die kleinen Erdbeer- und Gemüsefelder zu versorgen. Das Wasser kommt also tatsächlich aus den Felsen und wird über elastische Rohrleitungen in die Wasserbecken geleitet. Diese Technik haben die Israelis den Beduinen hinterlassen. Aber wie wir wissen, ist die Sache mit dem Wasser, das da aus dem Felsen kommt, viel älter:

„Er sprach zu Mosche: Schreite dem Volk entlang, nimm mit dir von den Ältesten Jisraels, und nimm deinen Stab, mit dem du auf den Fluss schlugst, nimm in deine Hand und geh! Da, ich stehe dort vor dir auf dem Felsen am Choreb, du schlägst an den Fels, Wasser fährt aus ihm hervor, und das Volk trinkt. Dort drüben auf dem Felsen am Choreb werde ich vor dir stehen. Dann schlag an den Felsen! Es wird Wasser herauskommen, und das Volk kann trinken“ (Namen, 17, 5-7, in der Übersetzung von Buber & Rosenzweig, 1987, Band 1, S.198).

Im Sinai-Gebirge, wo auch immer (aufgenommen mit einer Einwegkamera, 1995).

An einem der ersten Tage erkletterten wir den Jebel Abu Alda. Bei wolkenlosem Himmel und brennender Sonne, es war ein Tag im September, erreichten wir den Gipfel.

Auf dem Weg zum Gipfel (aufgenommen mit einer Einwegkamera, 1995).

Ein nicht zu beschreibendes Panorama war der Lohn unseres mühevollen Aufstiegs. Wir konnten bis zum Golf von Suez und bis zum ägyptischen Festland sehen. Es war berauschend und mir kamen die Tränen. Ein Freund wollte mich trösten, aber ich wollte gar nicht getröstet werden. Ich wollte von den Gefühlen zwischen Demut und Einzigartigkeit ergriffen werden. Demut gegenüber der Größe der Natur und Einzigartigkeit, als Mensch Teil dieser Natur zu sein. Leserinnen und Leser werden Ähnliches sicher auch schon erlebt haben, auf Bergen, am Meer, in der Wüste oder einfach auf einer Wiese liegend und in den Himmel schauend.

Auf dem Gipfel (aufgenommen von Jacob S., 1995).

Ich musste an Petrarca denken, den italienischen Frühhumanisten, der wahrscheinlich einer der erste Bergsteiger war, der nur aus Lust und Laune einen knapp 2000 Meter hohen Berg, den Mont Ventoux in der Provence, bestieg (Seidl Mayer, 1958). In einem Brief an einen väterlichen Freund, dem Augustiner Mönch, Francesco Dionigi, schildert Petrarca den Aufstieg. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Gherardo, zwei Dienern und den autobiografischen Betrachtungen des Kirchenlehrer Augustinus im Gepäck soll die Besteigung des Berges am 26. April 1336 stattgefunden haben. Über die Faktizität der Bergbesteigung wurde und wird von Expert/innen hinlänglich gestritten. Sicher scheint indes zu sein, dass Petrarca das Erlebnis, den Gipfel erreicht zu haben, nutzte um sich im Angesicht der beeindruckenden Bergwelt seiner eigenen Fähigkeiten und deren Grenzen bewusst zu werden. Selbstreflexion und Selbstverwirklichung nennt man das heute.

Die Krönung unserer Bergwanderung im Hoch-Sinai sollte natürlich der Aufstieg auf den Jebel Musa, den Choreb, den Mosesberg werden. Wir übernachteten zuvor nicht in einem Beduinengarten, sondern in einem Hostel in der Nähe des Katharinenklosters. Gegen 3.50 Uhr in der Frühe machten wir, mein Freund Jacob, eine Mitwanderin und ich, uns auf, um rechtzeitig bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Berges zu sein. Zirka 700 Höhenmeter galt es zu überwinden. Der erste Teil unseres Weges ging über einen ausgebauten Kamelweg. Jacob ging voran und gab uns mit seinen gleichmäßigen Schritten das Tempo vor. Häufig wurden wir von Kamelen überholt. Geführt von einheimischen Beduinen transportierten die Kamele, also die Dromedare, Touristen und Pilger, die entweder nicht laufen wollten oder nicht laufen konnten. Auch eine Schweizer Wandergruppe überholte uns im eilenden Schritt der Alpinerfahrenen. Auf der Kamelroute zum Gipfel kommt man etlichen Teehäuschen vorbei. Am dritten oder vierten hatten wir die Schweizer wieder eingeholt, die dort nach Luft schnappend heißen Tee genossen. Wir gingen frohen Mutes und mit Stolz erhobenem Haupte weiter. Tja, manchmal lohnt sich ein gleichmäßiger Schritt, also kein Gleichschritt, doch.

Auf den letzten 150 bis 200 Höhenmetern endet der Kamelweg und es geht weiter über 740 Stufen aufwärts. Die Touristen und Pilger, die sich den Luxus des Kameltransports gegönnt hatten, mussten nun auch absteigen und laufen. Einige von ihnen wurden allerdings von Beduinen auf den Gipfel getragen.

Dort, gegen 5.00, war es noch kalt, windig und schon reichlich übervölkert, falls man das so sagen darf. Wir suchten nach einem Platz, um den bevorstehenden Sonnenaufgang zu genießen. Ich fand ein besonders gutes Plätzchen mit einem wunderbaren Blick über die Bergwelt. Allerdings, so stellte Jacob bald fest, roch es dort recht unangenehm. Wir standen über der öffentlichen Toilette.

Nun gut, der Sonnenaufgang, so zwischen 5.30 und 6.00, war wirklich schön und erhaben, trotz der zahlreichen Menschen, die laut rufend und betend die aufgehende Sonne begrüßten. Es mögen 500 bis 600 Menschen gewesen sein, die sich auf dem Gipfel drängten. Vielleicht auch mehr. Die umliegenden Berge wechselten ihre Farben im Minutentakt, von Grau, über Rot, hin zu Ocker. In meiner Einwegkamera war allerdings kein Film mehr. Fotos konnte ich also nicht mehr machen.

Um nicht den vielen Menschen in die Quere zu kommen, die eine Stunde später vom Gipfel ins Tal wollten, nahmen wir für den Rückweg nicht den Kamelweg, sondern die zirka 3000 Stufen durch den Garten des Elijahu (oder Elias). Dort, irgendwo, hatte er, Elijahu, sich nach seinem Sieg über die Anhänger des Baal, in eine Höhle zurückgezogen und von dort hatte ER ihn nach Damaskus gesandt usw.. Naja, Sie wissen schon (siehe auch Könige, 19, in der Übersetzung von Buber & Rosenzweig, 1994, Band 2, S. 406f.).

Kurz und gut: Wir stiegen die Stufen hinab. Nach etwa Zweidritteln unseres Weges, das Katharinenkloster war schon in Sicht, meldete sich der Meniskus in meinem rechten Knie. Eine alte Geschichte aus meiner Jugend, als ich meinte, mal Olympiasieger im Judo werden zu können, aber dann doch nicht die körperlichen Voraussetzungen besaß.

Auf jeden Fall hatte ich wirklich Mühe, die Klostermauern zu erreichen. Dort trafen wir auf die anderen Teilnehmer/innen unserer Wandergruppe. Sie wollten nun schnell das Kloster besichtigen, den Dornenbusch sehen und vielleicht dem EWIGEN begegnen. Ich verzichtete auf die Begegnung und suchte im Schatten der Mauern in meinem Rucksack nach Schmerztabletten. Mein deutscher Hausarzt hatte mich ja gut ausgestattet, allerdings auch darauf hingewiesen, eine und wirklich nur eine Tablette bei großen Schmerzen einzunehmen. Ich nahm zwei.

Dann kam die Wandergruppe von ihren spirituellen Rundgängen zurück und wir liefen noch zirka zwei bis drei Stunden, um in einem Beduinengarten unser Nachtlager aufzuschlagen. An den Gesprächen am abendlichen Lagerfeuer beteiligte ich mich kaum. Ich fror, schlüpfte mit Schüttelfrost in meinen Schlafsack und nahm eine dritte Schmerztablette. Deshalb verpasste ich auch ein, nun ja, Erweckungserlebnis meines Freundes Jacob. Während ich in meinem Schlafsack entfernt vom Lagerfeuer lag, kam eine junge, israelische Frau mit einem Beduinen-Guide aus der Dunkelheit und setzte sich zu unserer Wandergruppe. Hagar, so hieß sie, wie ich später erfuhr. Diese Begegnung hatte Folgen. Jacob verliebte sich Hals über Kopf in die junge Frau und diese Liebe beruhte wohl auch auf Wechselseitigkeit. Beide, Hagar, die Fremde aus einem nordisraelischen Kibbuz, und Jacob, der Berliner Jude, wurden später ein Paar, zumindest für etliche Monate. „Für alles ist eine Zeit. …, eine Frist fürs Reden, eine Frist fürs Lieben“ (Prediger 3, 1-9, in der Übersetzung von Buber & Rosenzweig, 1994, Band 4, S. 393).

Zurück zum Beduinengarten. Am nächsten Morgen hatte ich noch immer Schüttelfrost und Magenverstimmungen. Weiterwandern war nicht möglich. So entschieden unsere Guides zwei Tage länger im Beduinengarten zu rasten und kurze Tagetouren mit denen zu unternehmen, die sich fit genug fühlten. Ich blieb im Lager, sinnierte über mein Schicksal und dachte an die Aufforderungen, die die Boten des EWIGEN an Elijahu richteten: „Erheb dich, iss, genug noch hast du des Wegs“ (Könige 19, 5-6, in der Übersetzung von Buber & Rosenzweig, 1994, Band 2, S. 406). Weder essen noch aufstehen funktionierten. Ich war halt nicht Elijahu und der EWIGE sprach auch nicht zu mir.

Am dritten Tag ging es mir wieder besser. Meniskusschmerzen hatte ich auch nicht mehr. Nachdem eine Mitwanderin einen Blick in die Beschreibung meines Medikaments geworfen hatte, war klar, was mit mir passiert war. Ich hatte alle Nebenwirkungen, die auf dem Beipackzettel aufgeführt waren. Sie waren die Folgen meiner übertriebenen Medikamenteneinnahme. Don’t worry, be happy!

Die Wanderung ging weiter und ich ging wieder mit. Wir blieben noch eine Woche im Gebirge des Sinai. Ich durfte noch mehrmals auf meinem starken Dromedar sitzen und mich wie Lawrence von Arabien fühlen. An den Abenden erzählten uns die Beduinen häufig Märchen und Geschichten aus dem Sinai. Mein Freund Jacob hat einige von diesen Geschichten aufgeschrieben (Jacob, 2004).

Mein starkes Dromedar (aufgenommen, 1995).

Nach unserer Sinai-Wanderung erholten wir uns noch drei Tage in einem Strandcamp in der Nähe von Nuwaiba am Golf von Akaba. Dann ging es zurück nach Eilat. Meine Mitwanderer flogen von dort nach Tel Aviv. Jacob machte sich auf in den Kibbuz von Hagar. Und ich wartete im Apartment von Jake, unserem israelischen Guide, auf die Abfahrt meines Buses nach Tel Aviv, um weiter nach Haifa zu reisen. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit Gesprächen über den zukünftigen Frieden im Nahen Osten. Dass wir dabei auch Zigaretten rauchten, die in Deutschland unter das Drogengesetz fallen würden, ist nicht der Rede wert. Im Nebel des Zigarettenrauchs verwies Jake auf den großen Immanuel Kant und seine kleine Schrift „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“. Ich weiß heute nicht mehr, ob Jake Kant wörtlich zitierte oder ob er nur auf Kants Vorschläge zur Friedenssicherung verwies. In sechs Präliminarartikeln entwickelt Kant bekanntlich seine Idee, wie ein dauerhafter Frieden in und zwischen Staaten hergestellt werden kann. Ich erinnere mich vage an einen Satz von Jake B., der ganz gut zum 6. Präliminarartikel aus Kants Schrift passen könnte: „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Capitulation, Anstiftung des Verraths (perduellio ) in dem bekriegten Staat etc.“  (Kant, 1977, S. 199, Original: 1795).

Kants Vorschläge zeugen von einem großen Humanismus, weil sie – aus heutiger Sicht – auf globale Bedingungen verweisen, unter denen Menschen einen Ausweg aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit finden könnten. Aber solche Auswege sind – nicht nur im Nahen und Mittleren Osten – noch immer ziemlich utopisch.

Im nächsten Teil: „Für alles ist eine Zeit…“ – Palmsonntag in Jerusalem

Wolfgang Frindte ist Sozialpsychologe und war Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena. Von 1998 bis 2005 war er Gastprofessur für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Psychologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und 2004 Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören u.a. „Inszenierter Antisemitismus“ (2006), „Inszenierter Terrorismus“ (2010, mit Nicole Haußecker), „Der Islam und der Westen“ (2013), „Muslime, Flüchtlinge und Pegida“ (2017, mit Nico Dietrich) und „Halt in haltlosen Zeiten“ (2020, mit Ina Frindte).

Bild oben: Der Strand südwestlich von Eilat mit dem vorgelagerten Korallenriff (aufgenommen 2004)

Literatur

Buber, M. & Rosenzweig, F. (1987). Die Schrift. Band 1: Die fünf Bücher der Weisung (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Buber, M. & Rosenzweig, F. (1994). Die Schrift. Band 2: Bücher der Geschichte (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Buber, M. & Rosenzweig, F. (1994). Die Schrift. Band 3: Die Schriftwerke (Verdeutschung). Heidelberg: Lambert Schneider.
Decker, O., Kiess, J., & Brähler, E. (2012). Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012. Bonn: Dietz.
Der Spiegel (2017). Sinai, ein Sommermärchen. Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/israel-nach-dem-sechstagekrieg-als-hippies-den-sinai-entdeckten-a-1150143.html; aufgerufen: 14.06.2020.
Die Tagespost (2014). „… das hier ist heiliger Boden“. Quelle: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/das-hier-ist-heiliger-Boden;art312,149472; aufgerufen: 11.06.2020.
Die Zeit (2020). Ein trotziges Wunder. Die Zeit vom 18. Juni 2020, Seite 31.
Freud, S. (1969). Brief an Arnold Zweig 1927. In Ernst L. Freud (Hrsg.), Sigmund Freud – Arnold Zweig Briefwechsel. Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag.
Herzog, C. & Gichon, M. (2000). Die biblischen Kriege. Augsburg: Bechtermünz.
Jacob, S. (2004). Märchen und Geschichten von Beduinen aus dem Sinai. Erzählt von Hussein Musa Sale Gabali, aufgeschrieben und mit Tagebuchaufzeichnungen ergänzt von Steffen Jacob im April 2002. Berlin: KunstDienste Reinhard Weidauer.
Jüdische Allgemeine (2017). Die Tote vom Timna-Tal. Quelle: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/die-tote-vom-timna-tal/; aufgerufen: 8.06.2020.
Jüdische Allgemeine (2019). Sehnsucht nach dem Paradies. Quelle: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/sehnsucht-nach-dem-paradies/; aufgerufen: 14.06.2020.
Kant, I. (1977, Original: 1795). Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Werke in zwölf Bänden. Band 11. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Oberweis, M. (1995). Erwägungen zur apokalyptischen Ortsbezeichnung „Harmagedon“. Biblica, Vol. 76, 3, S. 305-324.
Schieve, Z. (2001). Schritte auf heiligem Boden. Köln: Verlag Islamische Bibliothek.
Seidlmayer, Michael (1958). Petrarca, das Urbild des Humanisten. Archiv für Kulturgeschichte40(jg), 141-193.