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Antisemitismus im Anarchismus: Michail Bakunin als Beispiel

In der gegenwärtigen Rassismus-Debatte wird auch auf problematische Auffassungen historischer Persönlichkeiten verwiesen. Dabei kommentiert man mal ahistorisch, mal berechtigt. Eine ähnliche Auseinandersetzung kann auch zum Antisemitismus geführt werden, finden sich doch ebenso judenfeindliche Einstellungen bei historischen Figuren, wo man es vielleicht nicht erwartet hätte, etwa bei dem Anarchisten Michail Bakunin…

Von Armin Pfahl-Traughber

Anarchisten stehen für Freiheit und Gleichheit. Können dann Anarchisten auch Antisemiten und Rassisten sein? Eigentlich nicht, würde eine Antwort lauten, die auf die Grundlagen des politischen Selbstverständnisses bezogen ist. Gleichwohl doch, lautet eine Antwort, die sich die Auffassungen der Gemeinten genauer ansieht. Das gilt zumindest für Michail Bakunin (1814-1876), der unter heutigen Anarchisten als Klassiker weiterhin geschätzt wird. Er stritt vehement für die Gleichheit der Menschen und für die Negierung von Staatsinstitutionen. Dabei kritisierte Bakunin auch die Lehren von Marx in einem prophetischen Sinne, stellte er doch auf die autoritären und freiheitsfeindlichen Folgen von dessen Weltanschauung ab. Indessen belegte diese Auseinandersetzung auch, dass Bakunins persönliches wie politisches Denken von judenfeindlichen und rassistischen Stereotypen durchzogen war. Aufgearbeitet wurde dies von seinen Anhängern nur selten, indessen kann man derartigen Einsichten bei der Lektüre seiner „Gesammelten Werke“ schwerlich entgehen.

Hierzu gehören zunächst Äußerungen, die in starker Überspitzung einen Einwand gegen den Charakter von Marx formulierten und diesen dabei auf die ursprüngliche religiöse Ausrichtung seiner Eltern bezogen. Ein Beispiel dafür stellt folgende Passage aus Brieffragmenten von 1872 dar: „Diese von Natur schon sehr große Eitelkeit schwoll bedeutend durch die Kriecherei von Freunden und Schülern vor ihm. Sehr persönlich, eifersüchtig, empfindlich und rachsüchtig wie Jehova, der Gott seines Volks, leidet Marx nicht, dass man einen anderen Gott neben ihm selbst anerkennt, – was sage ich?, dass man nur einen anderen sozialistischen Schriftsteller oder in der Bewegung tätigen in seiner Gegenwart Gerechtigkeit widerfahren lässt.“ Hier artikulierte sich keineswegs nur eine ironisierende Anmerkung gegen einen behaupteten Erkenntnismonopolanspruch oder ein falsches Wissen von der Religion des Judentums, wie die folgenden Beispiele mit Kommentaren zu unterschiedlichen Themen deutlich zeigen.

Denn es fanden sich bei Bakunin auch Formen des politischen Antisemitismus, also Behauptungen von einer jüdischen Dominanz hinter den Kulissen der offiziellen Politik, wie sie sich etwa in den entsprechenden Verschwörungsideologien artikuliert. Nachdem er behauptete, die Juden neigten aufgrund ihrer Natur mehr zum Bürgertun und weniger zum Sozialismus und wären daher „vorzugsweise Ausbeuter der Arbeit anderer“, schrieb Bakunin in einem Brief an die Pariser Zeitung „Le Réveil“: „Ich weiß wohl, dass ich mich einer ungeheuren Gefahr aussetze, wenn ich so offen meine intimen Gedanken über die Juden ausspreche. Viele Leute teilen dieselben, aber sehr wenige wagen es, sie öffentlich auszusprechen, denn die jüdische Sekte, wie furchtbarer als die der katholischen und protestantischen Jesuiten, bildet heute in Europa eine wahre Macht. Sie herrscht despotisch im Handel, in der Bank, und sie ist in drei Viertel des deutschen Journalismus und einen sehr beträchtlichen Teil des Journalismus der übrigen Länder eingedrungen.“

Diese Auffassung verknüpfte Bakunin auch mit seiner Marx-Kritik, wie folgende Stelle aus dem Text „Persönliche Beziehungen zu Marx“ von 1876 zeigt: „Nun, diese ganze jüdische Welt, die eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hin, sondern auch über alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg, – diese jüdische Welt steht heute zum großen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung. Ich bin sicher, dass die Rothschild auf der einen Seite die Verdienste von Marx schätzen, und dass Marx auf der anderen Seite intensive Anziehung und großen Respekt für die Rothschild empfindet.“ Und weiter: „ … der Kommunismus von Marx will die mächtige staatliche Zentralisation, und wo es eine solche gibt, muss heutzutage unvermeidlich eine zentrale Staatsbank bestehen, und wo seine solche Bank besteht, wird die parasitische jüdische Nation, die in der Arbeit des Volkes spekuliert, immer ein Mittel zu bestehen finden …“.

Mit dieser Aussage unterstellte Bakunin ernsthaft ein verschwörerisches Kooperieren von Kapitalisten und Kommunisten in Gestalt der Rothschilds und von Marx. Aber nicht nur der verschwörungsideologische Aspekt des Antisemitismus zeigt sich hier offenkundig, sondern auch der soziale Bezug mit dem Vorwurf der finanziellen Ausbeutung und die rassistische Variante mit der Bezeichnung der Juden als „Blutegelvolk“. In der vergleichenden Betrachtung muss daher konstatiert werden, dass sich bei Bakunin nahezu alle antisemitischen Stereotype bis hin zu rassistischen Komponente im Sinne wie bei den Völkischen finden. Indessen forderte er dazu keine praktische Politik, etwa zur konkreten Diskriminierung von Juden, worin dann doch wieder Unterschiede bestehen. Beachtenswert ist indessen schon, dass Anarchisten derartige Auffassungen eines ihrer Klassiker kaum näher thematisiert haben. Wenn Antisemitismus und Rassismus als ideengeschichtliche Konstanten betrachtet werden, dürfen derartige Fälle um der Glaubwürdigkeit willen nicht ausgeblendet werden.

(Quellenbelege in der Reihenfolge der Zitate: Michail Bakunin, Gesammelte Werke, Berlin 1975, Bd. 3, S. 115, 127, 209).