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Paraschat haSchawua: Emor

Das dritte Buch Moses wird auch als das Priesterbuch bezeichnet. Es widmet sich in seiner Hauptbotschaft den Opfern, die vom Volk dem Heiligtum gebracht werden, den Opferungsriten und den Aufgaben der Priester, die das alles bewachen müssen. Selbstverständlich werden auch die Vorschriften für die Handlungsweisen der Priester, ihre Kleidung, ihre Stellung im Volk und ihre Familienverhältnisse (Ehe etc.) festgelegt…

Wochenabschnitt Emor; Schabbat, 9. Mai 2020

Dr. Gabriel Miller

Bei der Behandlung von ethisch-moralischen Verhaltensweisen lenkt das Priesterbuch sein Augenmerk auch auf das Geschlechtsleben nicht nur der Priester, sondern des Volkes insgesamt, wobei es auf einige Praktiken ziemlich genau eingeht. Einige sollen hier genannt werden.

Alle Zitate sind dem Kapitel 20 entnommen:

Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben…
Wenn jemand bei einem Manne schläft wie bei einer Frau…. und sollen des Todes sterben…
Wenn jemand bei einem Tier liegt, der soll des Todes sterben und auch das Tier soll man töten.
Wenn eine Frau sich irgendeinem Tier naht, dass es sie begattet, so sollst du sie und das Tier töten.
Wenn jemand seine Schwester… sieht ihre Scham und sie sieht seine… sie sollen ausgerottet werden…
Wenn jemand bei der Frau seines Vaters schläft… beide sollen des Todes sterben…

Ähnlich werden auch Beziehungen mit Onkel, Tante Cousins und anderen Familienmitgliedern verboten und bestraft. Auch wenn man über den wahren Grund dieser Verbote spekulieren kann, so nennt die Bibel einen Grund, der gewiss eine Rolle gespielt hat: Und wandelt nicht in den Satzungen des Volkes, das ich vor euch her vertreiben werde. Denn das alles haben sie getan, und ich ekelte mich vor ihnen.

Offensichtlich ist jedenfalls, dass sexuelle Praktiken dieser Art bereits vor dreitausend Jahren manchen Kulturen nicht fremd waren. Umso erstaunlicher mutet es an, wenn in unserer Zeit manche Menschen erschüttert sind, wenn von solchen Praktiken berichtet wird.

In den 50. Jahren des 20. Jh. wurde die amerikanische Öffentlichkeit durch einen Sexualforscher schockiert, der über das Sexualverhalten der US-Bürger zwei Berichte veröffentlichte (über den Mann und über die Frau in zwei getrennten Studien), den sogenannten Kinsey-Report. Die Enthüllungen waren skandalös: So hieß es, Jede zweite Braut gehe nicht unschuldig in die Ehe, jede vierte Ehefrau sei ihrem
Mann untreu, 62% onanierten, und außerdem machte der Geschlechtsverkehr den Frauen Vergnügen! Die Amerikaner mussten erfahren, dass 67% bis 98% der Männer vorehelichen Geschlechtsverkehr hatten, dass 92% der Männer Selbstbefriedigung gestanden, dass 37% von ihnen mindestens eine homosexuelle Erfahrung hatten. In Zeiten, in denen außereheliche Beziehungen, Oralverkehr und Homosexualität in weiten Teilen Amerikas strafbar waren, war das revolutionär und für die gängigen Moralvorstellungen inakzeptabel.

Die Probleme resultieren möglicherweise daher, dass die Menschen nicht immer Verständnis für triebhafte Bedürfnisse hatten. Die Gelehrten der Talmudzeit waren offener für die Triebe, die man nur schwer unterdrücken kann. Es heißt: Wenn ein Gelehrter merkt, dass er sich nicht mehr beherrschen kann, soll er in eine fremde Stadt gehen und das notwendige tun und zurückkehren. Von der Ehefrau von Rabbi Bnaa erzählt der Talmud, dass sie zu ihrer Tochter sprach: Warum treibst du deine Lüste nicht im Verborgenen. Siehe, ich habe zehn Söhne, aber nur einer von ihnen ist von deinem Vater.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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