„Befreiung des deutschen Volkes“ am 8. Mai 1945

Zur schiefen Dimension eines Verständnisses…

Ein Kommentar von Armin Pfahl-Traughber

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Das ist der wohl bekannteste Satz aus einer Rede, die der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker vor genau 35 Jahren hielt. Er bewertete damit erinnerungspolitisch den 8. Mai 1945. Dies löste seinerzeit wie später Anerkennung wie Verdammung aus. Der damalige konservative CDU-Flügel sah das gemeinte Ereignis eher als Niederlage an. Davon sprechen heute nur noch Rechtsextremisten. Bekannt ist die Aussage des AfD-Politikers Björn Höcke aus seiner „Denkmal der Schande“-Rede, worin er meinte, der damalige Bundespräsident habe sich damit gegen das Volk gestellt. Ansonsten gibt es einen breiten Konsens darüber, den genannten historischen und politischen Tag eben als einen „Tag der Befreiung“ anzusehen. Gleichwohl ist diese Bezeichnung nicht ganz unproblematisch.

Denn befreit wird jemand, der gefangen oder unterdrückt ist. Er ist dabei das Opfer eines Täters. Doch wie angemessen ist diese Begriffsbedeutung für die gemeinten Ereignisse? Man könnte die Formulierung auch wie folgt deuten: War da das deutsche Volk selbst ein Opfer der Nationalsozialisten und musste von Hitler und anderen NS-Funktionären befreit werden? Diese Auffassung legte übrigens auch die offizielle DDR-Bezeichnung für das Gemeinte nahe, war doch etwa ab 1950 vom „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ die Rede. Doch diese Auffassung suggeriert, dass fast alle damaligen Deutschen nicht das NS-Regime unterstützten oder unterstützt hatten und sie selbst eben von diesem betrogen und unterdrückt worden seien. Davon kann wohl schwerlich die Rede sein, blickt man auf die Einstellungen und Handlungen der damaligen Deutschen. Die „Befreiung“-Formulierung wurde auch als moralische Entlastung wahrgenommen.

Dieser Einwand will nicht eine „Kollektivschuld“ behaupten, ein Begriff, der ohnehin unsinnig ist, kann doch Schuld immer nur individuell sein. Es geht hier auch nicht um eine „Kollektivverantwortung“. Allein der Gesichtspunkt, dass die Deutschen nahezu als erstes Opfer der Nationalsozialisten erscheinen, soll problematisiert werden. Damit kann alles Böse der NS-Elite zugeschrieben werden, scheint es doch sonst keine Verantwortlichen oder Zustimmenden gegeben zu haben. Die historische Forschung hat diese Interpretation schon längst widerlegt. Gleichwohl kommt eine solche Auffassung mit der „Befreiung“-Formulierung wieder auf. Diese Denkungsart dominierte auch in der DDR, wie die oben erwähnte Formulierung veranschaulicht. Dort waren fast nur „Hitler-Faschisten“ und „Monopolkapitalisten“ an allem schuld. Die heute kursierende Bezeichnung „Befreiung“ kann, muss aber nicht in einem solchen entlastenden Sinne verstanden werden.

Es kommt bei allem auch darauf an, ob man das Gemeinte subjektiv oder objektiv versteht und wer jeweils gemeint ist. Denn, dass die Deutschen am 8. Mai 1945 objektiv von der „nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ befreit wurden, wie Weizäcker formulierte, ist sicherlich richtig. Doch wie viele wollten es auch subjektiv, weil sie ein solches System ablehnten? Oder sollte nur der Krieg mit all seinen Leiden vorbei sein? Mangels empirischer Daten kann man eine solche Frage nicht beantworten, gleichwohl gehörten derartige Auffassungen auch zu den kursierenden Einstellungen. Befreit wurden subjektiv und objektiv verständlicherweise alle Gefangenen in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, auch die Menschen in den besetzten Ländern wurden subjektiv und objektiv befreit. Doch sollte klar sein, dass dies in einer solchen Pauschalität nicht für „das deutsche Volk“ gilt. Insofern hat die einst fortschrittlich gemeinte Bezeichnung mitunter auch eine schiefe Dimension.

Bild oben: Die bedingungslose Kapitulation der faschistischen deutschen Wehrmacht wird am 8. Mai 1945 in Berlin – Karlshorst unterzeichnet. Als Vertreter des Oberkommandos der Roten Armee unterzeichnet Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow die Kapitulationsurkunde, links daneben der stellvertretende sowjetische Außenminister A. J. Wyschinskij, rechts Armeegeneral W. D. Sokolowski. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R83900 / CC-BY-SA 3.0