Paraschat haSchawua: baMidbar

“Das sind die Gemusterten der Kinder Israel nach ihren Sippen; alle gemusterten der Lager nach ihren Heerscharen: 603550 Mann” (4. Moses 2, 32). Da fragt sich mancher, wie das möglich sein sollte. Wenn allein die kriegsfähigen Männer über eine halbe Million zählten, dann sollen etwa über zwei Millionen Menschen 40 Jahre durch die Wüste Sinai gewandert sein?…

Wochenabschnitt Bamidbar, 4. Moses, Kap. 1 – 3; Schabbat, 23. Mai 2020

Dr. Gabriel Miller

Merkwürdige Stellen dieser Art befinden sind zahlreich in der Tora: Die Spaltung des Meeres durch Moses; der brennende Dornbusch; die zehn Plagen über die Ägypter, und nicht zuletzt die Schöpfungsgeschichte in sechs Tagen, und die Liste könnte noch weitergeführt werden. Für die an Wunder glaubenden Menschen ist das alles kein Problem. Mit Wundern kann man alles Unverständliche erklären.

Probleme verursachen gutmeinende Menschen oder auch Naive, Esoteriker, Pseudowissenschaftler, die aus gutem Glauben, oft gepaart mit Ignoranz oder auch Selbstüberschätzung versuchen, die sonderbaren Ereignisse historisch, astronomisch, oder auch angeblich logisch zu erklären. So als seien sie von Gott ernannt worden, seine Taten durch eine plausible Erklärung zu untermauern. Und manchmal, wenn diese Gottesadvokaten extrem fromm sind, versuchen sie es sogar mit Gewalt; eine echte Gottes-Kosakentruppe.

All diese Eiferer haben die Bibel nicht verstanden. Die Bibel ist kein Geschichtsbuch und auch kein Lehrbuch für Astrophysik oder andere Wissenschaften. Das erkannten die jüdischen Gelehrten bereits vor über tausend Jahren, seit RASCHI, dem ersten große Kommentator der Bibel und bis zu dem einflussreichen Rabbiner Abraham Isaac Kook in unserer Zeit.

Die hebräische Bibel beinhaltet den Gründungsmythos des jüdischen Volkes und Grundsätze des jüdischen Glaubens und der jüdischen Religion. Als solches enthält dieses Werk auch Religionsgesetze, Verhaltensregeln und insbesondere ethisch-moralische Botschaften, auf die es dem Gott Israels wesentlich ankommt. Wie z.B.: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Moses, 19, 18), oder Wenn du siehst, wie der Esel deines Feindes unter seiner Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe (2. Moses 23, 5).

Es ist aber doch nicht alles so einfach wie es sich anhört. Deshalb haben die Alten Weisen eine ganze Reihe von Interpretationsregeln, eine Hermeneutik, formuliert. Eine der wichtigsten Regeln lautet: Die Tora sprach in der Sprache der Menschen. Was bedeutet, dass man nicht versuchen sollte, zu viel hineinzuinterpretieren, nicht jedes Wort und jeden Satz zu deuten; was Esoteriker, Mystiker und Eiferer sehr gerne tun. Gott oder Moses und wer immer auch die letzte Hand zur Redaktion der Bibel ansetzte, wollte den Israeliten kein Rätsel vorlegen, die von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich gedeutet werden sollen.

Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken und bedrängen (2. Moses 22). RASCHI erklärt hierzu, dass ein Fremdling jemand ist, der aus dem Ausland gekommen ist, um hier zu leben. Manche Rabbiner in Israel sagen, dass man die Araber in Israel bestehlen darf. Ob sie sich wohl darauf berufen, dass diese im Lande geborenen Nichtjuden nicht Fremdlinge im Sinne der Bibel sind?

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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