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Pessach in Corona Zeiten

Jedes Jahr wünschen wir uns Pessach kascher wesameach. Beide Attribute bleiben nach wie vor wichtig, dennoch ist das zweite Attribut dieses Jahr wichtiger denn je. Wir müssen dawka feiern. Und wir wollen feiern. Auch wenn ganz anders, und für viele in der sozialen Isolation…

Der existenzialistische Philosoph Albert Camus begründet, warum auch ein Sklave frei sein kann. Wir sind alle im Moment durch die Weltumstände versklavt. Aber wir werden versuchen, uns beim Seder zu befreien. Auch wenn erst mal nur mental und emotional. Ke´ilu, als ob. Dieses parasitäre Wort vieler Israelis ist ein Teil der für mich schönsten Melodie in der Haggada: Bechol dor wador, in jeder Generation, auch im April 2020, chajaw adam lir´ot, sind wir alle sogar verpflichtet, ke´ilu hu jaza mimizrajim, als ob wir den aktuellen Engpass schon überwunden hätten.

Wein oder Traubensaft sollen unser Herz erfreuen. Viermal nacheinander. Maror wird zwar bitterer als sonst, aber umso tiefer werden wir Maror in das süße Charosset eintauchen, und umso tiefer wird unser Wunsch nach der Befreiung von der Plage empfunden. Kein Unterschied zwischen Benej Jissrael und den anderen. Unser Mitgefühl gilt weniger den Mizrim in der Haggada und mehr den Menschen in der ganzen Welt in ernsthafter oder kritischer Gesundheitssituation. Und unsere dankbare Anerkennung allen Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, die helfend und unermüdlich behandeln.

Dann das sehnsüchtige Dajenu, es ist genug für uns. Auch wenn es erst in ein paar Monaten in Erfüllung gehen wird, werden wir von der Vorwegnahme ergriffen und laut Dajenu singen. Die ermutigendsten Worte kommen in der letzten Zeile: baschana haba, im nächsten Jahr … Dann wird alles in Ordnung sein. Es wird alles wieder besseder.

Chag sameach,
Rabbiner Tom Kučera
Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München