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„Verpiss dich, Hitler!“

Ein 10-jähriger Junge bekommt von einem Erwachsenen ein Kaninchen in den Arm gesetzt und blickt es liebevoll an. Doch Zweck dieses Vorgangs ist nicht, mit einem niedlichen Tier zu schmusen, sondern dem Kaninchen den Hals umzudrehen. Der 10-jährige Johannes ist ein Nazi in der Ausbildung. Er nimmt an einem Jungvolk-Wochenende der HJ teil, das ihn zum Mann schmieden soll. Jetzt soll er beweisen, dass er schon mutig genug ist, um töten zu können. Er ist es nicht. Er setzt das Kaninchen ab und will es zur Flucht bewegen, aber das versteht den Ernst der Lage nicht. Einer der erwachsenen Aufsichtspersonen packt sich das arglos-lethargische Tier, dreht ihm den Hals um, schleudert es lässig hinter sich. Jojo ist blamiert, alle haben gesehen: Er kann nicht töten. Ab jetzt wird er spöttisch „Jojo Rabbit“ (in der deutschen Übersetzung: „JoJo Hasenfuß“) genannt. Aber er wäre doch so gerne ein guter Nazi, denn sein engster Vertrauter ist sein imaginärer Freund, der Führer selbst…

Von Miriam N. Reinhard

Der Kinofilm „Jojo Rabbit“ von Taika Waititi ist eine Komödie, die die nationalsozialistische Diktatur parodiert. Der Film hat ernsthafte Elemente, die in eindringlicher Weise auf etwas Wichtiges hinweisen – die dann aber leider im karnevalesken Spektakel untergehen.

Der 10jährige Johannes Betzler (Roman Griffin Davis), der JoJo genannt wird, lebt mit seiner Mutter Rosie (Scarlett Johannson) in einer fiktiven deutschen Kleinstadt; der Vater ist im Krieg, sehr wahrscheinlich ist er als Deserteur im Widerstand aktiv. Auch seine Mutter Rosie ist im Widerstand tätig und verteilt in der Stadt Flugblätter gegen die NSDAP. Jojo aber ist davon überzeugt, ein Nazi zu sein. Weil ihm der Vater fehlt und sein bester Freund Yorki (Archie Yates) nicht immer eine geeignete Bezugsperson für alle Lebensfragen ist, die einen 10-jährigen Jungen bewegen, hat er als imaginären Freund Adolf Hitler. Dieser wird von Regisseur Waititi selbst gespielt.

Hitler erscheint Johannes in kritischen Situationen seines Lebens, er baut ihn auf und gibt ihm Ratschläge. Zwischen Johannes und Hitler ist alles in bester Ordnung; der verständnisvolle Diktator nimmt es dem bedrückten Jungen nicht mal übel, dass er nicht den Hasen erledigt hat, sondern rät ihm „selbst der Hase“ zu werden.

Eines Tages hört Johannes Geräusche auf dem Dachboden. Seine Mutter hat hier die 17-jährige Elsa Korr (Thomasin McKenzie) versteckt, ein jüdisches Mädchen, eine ehemalige Schulfreundin von Tochter Inge, die schon verstorben ist. „Du weißt, was ich bin“, sagt Elsa als der verschreckte Junge vor ihr steht: „Sag es!“

Mit Elsa gerät das geschlossene Weltbild von Johannes aus den Fugen. Dieses unbekannte Mädchen Elsa ist sympathisch und zugewandt, sie ist schön und witzig – wie nur kann sie dann ein Feind des Volkes sein? Johannes – in Beratung mit seinem imaginären Freund Adolf – beschließt, mit ihr zu verhandeln: Er wird sie nicht verraten (nicht nur deswegen nicht, weil Elsa ihm schon erklärte, dass es auch ihn den Kopf kosten würde), sondern auch, weil er etwas von ihr lernen will. Elsa soll ihm alles über Juden erzählen. Als er sie das erste Mal darum bittet, ein Bild davon zu zeichnen, wo Juden leben, zeichnet sie ein Bild von seinem Kopf: „Das ist ein Bild von meinem Kopf“, stellt Johannes fest; „Richtig“, antwortet Elsa, „hier leben wir.“ Im Laufe der Zeit wird Johannes dies auch begreifen können.

Johannes wird Elsa vertrauen, sich in sie verlieben, wie sich 10-Jährige verlieben können, wird natürlich für sie nie mehr als ihr kleiner Bruder sein – aber das ist eine Menge, wenn niemand sonst da ist, außer einem imaginären Freund, dessen reale Fassung sich dann auch noch suizidiert. Doch dass Hitler kein zuverlässiger Vertrauter sein kann, beginnt Johannes schon vorher zu ahnen.

„Jojo Rabbit“ hat mehrere komische Szenen, diese ergeben sich zum Teil aus dem Inhalt der Dialoge: So zählt zum Beispiel Elsa prominente jüdische Persönlichkeiten auf und schließt ihre Reihe mit einem triumphalen „Und der König von allen: Jesus Christus“. Der verdatterte 10-Jährige antwortet ihr: „Jetzt zählst du einfach irgendwelche Namen auf, ich hab nie von denen gehört – also mir reicht’s jetzt.“

Es ist witzig, wenn der imaginierte Hitler zu dem verzweifelten Johannes tröstend sagt: „Sollen sie doch über dich sagen, was sie wollen, über mich haben die Leute haufenweise fiese Dinge gesagt: Hach, der Kerl ist wahnsinnig, guckt euch diesen Psycho an, der wird uns noch alle umbringen…“.

Komik ergibt sich auch in der szenischen Gestaltung: Etwa wenn Johannes und Yorki in zugeknöpften Ganzkörperpyjamas auf ihren Matratzen im Feriencamp liegen und darüber plaudern, wie sie töten könnten, wie sich kleine Jungs in Schlafanzügen Gutenachtgeschichten erzählen.

Nicht zuletzt erfüllt sich der Anspruch des Komödiantischen durch die eindrucksvolle schauspielerische Performance selbst, vor allem durch die Hitler-Darstellung Waititis, der auch ein professioneller und erfolgreicher Comedy-Darsteller ist.

„Jojo Rabbit“ löst also das Versprechen ein, eine Komödie zu sein – und es ist kein außergewöhnlicher Ansatz, dem Schrecken in dieser Weise zu begegnen.

Friederich Dürrenmatt ist davon ausgegangen, dass der Welt nur noch mit Hilfe der Komödie beizukommen ist; das Theater solle als Mausefalle konzipiert sein, das den Zuschauenden Gelächter entlockt und sie damit überlistet – bis die Falle zuschnappt und es todernst zu werden beginnt. In der Falle sitzend, kann das Publikum dann mit Themen konfrontiert werden, die es sonst nicht ertragen will, und wird damit als dieses Publikum erst konstituiert. Während die Tragödie bereits eine Übereinkunft voraussetzt, sich das Publikum als klar mit diesem Bühnengeschehen adressierte Gemeinschaft im Zuschauerraum versammelt, erschafft die Komödie ihr Publikum erst im Augenblick des Bühnengeschehens, in das es durch die Komik verwickelt wird.

Waititi verdoppelt in „Jojo Rabbit“ die Komödie, denn Hitler wird nicht als a priori komische Figur präsentiert, sondern er ist die komische Figur in der Phantasie eines ulkigen Kindes. Damit gelingt es „Jojo Rabbit“ zwar, das Publikum an den Film zu binden, doch dies verstrickt den Zuschauer in die Komödie auf eine Weise, dass die Konfrontation mit der Ernsthaftigkeit vom Publikum verweigert werden kann. In der Phantasie des Jungen, in der Hitler vom verklärten Superhelden absteigt, er also fällt, zu einer fragwürdigen Gestalt wird, von der man sich besser fernhalten sollte, tritt er eben dann auch als tragische Figur hervor: ohne Geschichte, ohne Entscheidungen; er ist eine Vor-Stellung, wie das Schicksal des tragischen Helden bereits durch den Mythos imaginiert ist, in dem er keine Handlungsfreiheit besitzt. Hitler in der komödiantischen Verdoppelung als Phantasiegestalt eines Kindes schafft Nähe, ohne dabei konfrontativ zu sein, und distanziert so von der Geschichte, die der eigentliche Gegenstand der Handlung ist.

Wenn argumentiert wird – so etwa von Andreas Platthaus in der FAZ – dass „Jojo Rabbit“  zu den filmischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus gezählt werden kann, die in der Veralberung der NS-Ideologie „Waffen gegen den Totalitarismus“ sind, sich damit also auch gegen die Humorfreiheit der Totalitären wenden, dann kann festgestellt werden, dass dies nicht in derselben Weise wie in dem dargestellten totalitären System Waffe des Publikums sein kann. Dies kämpft heute nicht gegen diese Totalitären, über die der Film ihm das Gelächter entlockt. Der Kampf heute findet unter andere Voraussetzungen statt. Die Totalitären müssen zunächst erkannt werden, bevor man sich im vereinten Gelächter gegen sie wenden kann. Dazu kann auch satirische Darstellung einen Beitrag leisten, wenn sie strukturelle und inhaltliche Ähnlichkeiten sichtbar werden lässt. Eine solche Satire muss aber nicht nur diejenigen treffen können, die der explizite Gegenstand ihrer Darstellung sind (denn sie werden sich meist ohnehin nicht adressiert fühlen), sondern sie muss eine mögliche Nähe zwischen dem Dargestellten und dem Rezipienten entlarven. So kann sie auf eine Gefahr hinweisen, ohne dabei im reinen Modus moralisierender Anklage zu sein. Das wäre eine Komödie als Falle, die schmerzt, wenn gelacht wird; sie entlockt das Lachen, mit dem die Darstellung verwickelt und kann mit der eigenen Verstrickung ins Geschehen konfrontieren.

Die parodistische Darstellung des Nationalsozialismus von Waititi scheitert aber als eine solche Komödie auch deswegen, weil die komischen Charaktere konsequent ins Aberwitzige überzeichnet sind: Die drolligen Nazis, die homoerotische Kostümierungen entwerfen, um mit ihnen in den Endkampf zu ziehen, entstellen den mörderischen Fanatismus zum Karnevalsgag. Die durchgedrehte BDM-Führerin Fräulein Rahm (Rebel Wilson), die dem Führer 18 Kinder gebar, ist ebenso jenseits des Realen, wie die smarte Gestapo-Gruppe, die sich erst einmal einige lange Minuten mit fröhlicher Sinnlosigkeit „Heil hitlert“, bevor sie mit einer Hausdurchsuchung beginnt. Hitler, der in der Phantasie des Jungen ein Einhorn (wie einen Schweinebraten) verspeist, ist eben eine tragisch-komische Phantasiegestalt, die aber darüber hinaus nichts mehr auslösen kann.

Die Komik ist so übermächtig, dass sie auch jene eindrucksvollen Szenen des Films überblenden kann, die dann alles andere als zum Lachen sind: Johannes sieht, wie die Nazis ihre Gegner mitten in der Stadt aufhängen, er will sich wegdrehen, doch seine Mutter dreht ihn zurück: „Sieh hin!“ befiehlt sie dem entsetzen Kind. „Was haben die getan?“ fragt Johannes und seine Mutter antwortet ihm: „Was sie konnten“. Auch sie wird tun, was sie kann … schließlich findet Johannes seine eigene Mutter von den Nationalsozialisten erhängt in der Stadt.

Ernsthaft ist der Film auch an den Punkten, wo er sein Genre selbst zu reflektieren beginnt und die Satire als List auf der Ebene der Handlung zeigt: Elsa zeichnet für Johannes Bilder von Juden, denn er möchte bald mit seinem neu erworbenen Wissen ein Buch über Juden verfassen, das er Hitler schenken und zudem publizieren will. Doch Elsa zeichnet überhaupt keine Bilder von Juden – sie zeichnet die nationalsozialistische Sicht auf die Juden, sie karikiert eine Perspektive, die sich im Moment der Rezeption dieser Bilder gegen ihre Betrachter wendet. Die Gestapo, die das Buch bei der Haudurchsuchung findet, kann nicht erkennen, dass sie in diesen entstellten Bildern ihre eigene Entstellung sehen müsste, sie kann nicht erkennen, dass sie in ihrem Gelächter über die ihr witzig erscheinenden Bilder, sich selbst demaskiert. Nirgendwo tritt so deutlich die grausame Fratze der Nationalsozialisten hervor, wie sie in den lachenden Gesichtern der Gestapo in dieser Szene erscheint. Die betrachteten Bilder tragen die Geschichte ihrer Entstehung in sich; sie bergen jene List, die Walter Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen den Kunstwerken zugesprochen hat – sie haben ihre Betrachter schon übertroffen, weil sie Zeugnis ihrer Produktionsbedingungen sind; damit bleiben sie widerständig gegen ihre Vereinnahmung: Sie sind immer auch Dokument ihrer Geschichte, die die Bedeutung punktueller Perspektive übersteigt.

Doch Waititis Film realisiert als Film eine solche List nicht. Er schafft mit der Art und Weise, in der er uns Geschichte erzählt, eine so große Distanz, dass auch diejenigen entlastet lachen können, die es schmerzen sollte, in den irren Gestalten eine Ähnlichkeit mit sich selbst zu erkennen. Solche Verrückten, wie der Film sie zeigt, so können sie sich beruhigt suggerieren, sind sie sicher nicht – und solche sind auch nirgends in Sicht. „Verpiss Dich, Hitler“- sagt Johannes schließlich zu seinem imaginären Freund Adolf und verbannt ihn endgültig aus seinem Denken. Der Film macht es möglich, eine Komödie zu sehen, die nicht ohne die Beteiligung komödiantischer Profis auskommen kann, und die ohne jede potentielle Fortsetzung ist, denn der irre Hitler hat sich längst verpisst. Der Film schafft die Distanz der absolut Unbeteiligten, weil er Nähe, die er herstellt, nicht mehr zu übersetzen, nicht zu aktualisieren vermag.

Doch die Irren von heute schleichen sich ohne ausgesprochen groteske Kostümierung in die Köpfe und Parlamente zurück. Sie sind sehr gewöhnlich, sie sind uns sehr nah. Um damit zu konfrontieren, müssten sie als Teil des Eigenen erkennbar bleiben– diese Chance hat „Jojo Rabbit“ jedoch leider im Gelächter ver-spielt.