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Choreographien des Daseins – Die Wurzeln des Glücks

Der Regisseur David Rosenmerck sitzt vor einer Bühne; dort finden Proben für eine Performance statt, die er selbst choreographierte; in ihr geht es um sein Leben, seine Identität, die zerrüttete Ehe seiner Eltern. Die Tanzenden durchmessen den Raum mit ihren Bewegungen, der kein klares Zentrum zu haben scheint. Die Bewegungsabläufe wirken flüchtig und bestimmt zugleich, als würden sie eine Suche markieren, die radikal verlaufen wird. Doch der Regisseur sieht seinem Ensemble nicht aufmerksam zu, er ist selbst durch Anderes bewegt, beschäftigt mit Gedanken, die ihn einholen. Er ist dabei, einen Brief zu verfassen – einen Brief an seinen Vater, der als Schweinezüchter in Israel lebt…

Von Miriam N. Reinhard

„Dad, ich werde dir weiterhin schreiben, obwohl Du schweigst. Damit das Band nicht zerreißt. Damit ich nicht eines Tages einem Fremden begegne, der mein Vater sein könnte. Damit ich Dich nicht vergesse. Bist Du immer noch zornig? Darüber, dass ich es so unumwunden ausgesprochen habe? Eine Abfolge von Worten, die mein Leben veränderte. Deins jedoch nicht. (…) Ich hoffe, Dein merkwürdiges Abenteuer macht Dich glücklich. Schweine züchten? In Israel? Kannst Du nicht Golf spielen, wie alle anderen? Willst Du G’tt damit provozieren? Damit er Dir eine Antwort gibt? Ich hoffe, Du findest eine. (…).“

Dieser Brief erreicht Harry Rosenmerck (James Caan) auf seiner Schweinefarm in Israel. Hierhin hat sich der pensionierte Arzt zurückgezogen, hat sein New Yorker Leben hinter sich gelassen und den Kontakt zu seiner Familie fast ganz abgebrochen. Schweinezucht – das ist ohne Frage ein ungewöhnliches Hobby für einen Rentner, und Israel ist ein außergewöhnlicher Ort, um ihm nachzugehen. Vermutlich ist es Harry im Vorfeld schon klar gewesen, dass er damit nicht nur seine unmittelbare Nachbarschaft provozieren wird. Doch vielleicht will er auch genau das erreichen, will provozieren, denn auch ihn hat das Leben provoziert: Da ist Annabell (Efrat Dor), seine 34jährige Tochter, die immer noch Geld von ihm braucht, ihre Zeit mit Therapien verbringt, denen sie selbst nicht so recht zu trauen scheint, und die sich weigert, erwachsen zu werden. Da ist sein Sohn David (Jonathan Rhys-Meyers), der ihm gestanden hat, schwul zu sein und mit dem er auch deswegen nicht mehr reden will. Schließlich gibt es noch die Mutter seiner Kinder, seine Ex-Frau Monica (Rosanne Arquette), die er verlassen hat und die ihn auch jetzt nicht in Ruhe lassen wird – denn ausgerechnet jetzt ist sie sterbenskrank geworden, sie hat Krebs und wird nur noch ein Jahr zu leben haben.  

Doch Harry kann und will auf all das nicht reagieren. Den Brief seines Sohnes wird er nicht ungelesen, aber unbeantwortet lassen und auch einen Zweiten, der ihn ein wenig später erreicht; hier schreibt David seinem Vater:

„Lieber Dad, Annabel hat endlich den Mut aufgebracht, die Photos zu entwickeln, die sie am 11. September gemacht hatte; an diesem Tag habe ich zum ersten Mal mit einem Mann geschlafen. Es fühlte sich ganz und gar richtig an und gleichzeitig vollkommen falsch. Seltsam, wie Menschen dazu neigen, die Weltgeschichte mit ihrer eigenen durcheinanderzubringen. Wie selbstbezogen wir sind! Sogar im Angesicht des Grauens. Damals fühlte ich mich selbst am Einsturz der Türme schuldig. Als ob mein Schreien und Stöhnen all die Menschen übertönt hätte, die unter dem Schutt begraben wurden. Und als ob mein Körper, der an den Körper eines anderen Mannes gepresst war, eine Rolle in dieser unaussprechlichen Tragödie gespielt hätte…“

Harry schweigt auch zu diesen Zeilen, am Ende bekommen wir eine Ahnung, warum. Auch er trägt Bilder in sich, die er nicht entwickeln kann, die übermächtig in seine Gegenwart hineinragen – erst am Ende des erzählten Jahres wird er seinem Sohn schließlich von ihnen schreiben: „Ich bin böse auf Dich, weil meine Mutter die Lager überlebte, in denen mein Vater umkam, weil sie mich inmitten der Schrecken gebar, weil das kränkliche Kind, das ich damals war, ums Überleben kämpfen musste. Und weil ich Dich dann in die Welt brachte, damit du all dem Schmerz sofort ein Ende bereitetest. So als ob Du selbst dem Tod Sinn verleihen würdest.“ Auch Harry trägt Bilder der Geschichte in sich, die ein Trauma seiner Geschichte markieren, und findet zum Schluss Mut, sie anzusehen.  

Doch zunächst hat er, um sich nicht den Bildern seines Sohnes stellen, um sich nicht mit dem, was in ihm ist, konfrontieren zu müssen, hinreichend für Ablenkung gesorgt. Die Schweinezucht provoziert erwartbare Konflikte, die tagesfüllend sind: mit dem Rabbiner Moshe Cattan (Tom Hollander) und mit einem katholischen Geistlichen (Sébastien Castro). Doch während Moshe immer wieder das Gespräch mit Harry sucht und sich zwischen den beiden Männern schließlich eine Freundschaft entwickeln kann, ist der katholische Geistliche nicht fähig, sich auf sein Gegenüber einzulassen. Moshe lässt wie Harry schließlich eine Entwicklung zu; die beiden Männer schaffen es, einen Ton für einander zu finden, der unkonventionelle Harry findet einen Draht zu den Kindern des Rabbiners und öffnet sich schließlich auch ihm. „Manchmal werden wir von unseren eigenen Mauern umzingelt, als hätten wir uns selbst begraben!“ sagt er zu Harry an einem gemeinsamen Schabbat, und wer weiß das besser als dieser, der die Schweine wie Wachhunde über seine Einsamkeit um sich gescharrt hat. 

Der Film „Die Wurzeln des Glücks“ von Amanda Sthers ist ein Ensemblefilm; er hat keine geschlossene, auf eine Person zentrierte Handlung, sondern erzählt die Geschichten von vier Familienmitgliedern im Zeitraum eines Jahres. Er erzählt sie so fragmentiert, wie eben auch die Familie nicht mehr als Einheit mit einer gemeinsamen Geschichte, einem gemeinsamen Alltag existiert, sondern in Form von Geschichten, die durch die verschiedenen Erinnerungen ihrer Mitglieder zusammengehalten werden, vor allem durch die Briefe, die sie aneinander richten.

Briefe, die immer auch schreibend denjenigen mit hervorbringen, an den sie adressiert sind und dessen Absender als Interpretation des Empfängers ihm entgegentritt: Ein Briefverkehr ist kein Dialog, der sich zwischen festen Identitäten abspielt, sondern er bedeutet eine Dialogisierung der Identität selbst, die damit ihre Geschlossenheit verliert. Die Identität der im Briefkontakt Stehenden ist die hybride Identität von literarischen Figuren, die angewiesen auf Interpretation und Antwort bleiben –vielleicht ließe sich sagen, dass der Brief das Medium ist, in dem Dasein am deutlichsten Zeugnis von seiner Konstitution ablegt. So erzählt „Die Wurzeln des Glücks“ vereinzelte und doch aufeinander bezogen bleibende Geschichten; er erzählt über ihre Begegnungen miteinander in den Zwischenräumen, die die Geschichte dem Dasein für die eigene Erzählung lässt. Von den großen Narrationen markiert, mit den Geschichten der Anderen konfrontiert und in sie verstrickt, suchen wir nach einer eigenen Narration, entwerfen uns immer wieder neu, vermessen die Räume, an denen wir uns befinden und lassen uns von ihnen prägen – wie die Tanzenden in Davids Choreographie. Das Dasein selbst kann nicht nur choreographisch tätig werden, sondern befindet sich immer schon in einer Performanz, ohne dass es Klarheit über den Choreographen besitzt. In diesen Choreographien des Daseins sind wir kompromisslos und verweigernd zugleich wie Annabell, selbstironisch, konfrontativ und introvertiert in einem wie Harry; auf der Suche bis zu dem Moment unseres Sterbens, wie Monica auf der Suche bleibt, nach einem Platz, nach einem Sinn, mit dem sie in ihrer Familie erinnert werden kann.

Es gibt in diesen Choreographien Dinge, die unwiderruflich versäumt bleiben: Monica und Michel (Patrick Bruel) können sich erst in den letzten Momenten in Monicas Leben annähern und müssen erkennen, dass sie eine gemeinsame Geschichte hätten haben können, für die nun keine Zeit mehr bleibt; so, wie Harry sich erst spät seinem Sohn öffnet, der all die Jahre Nähe zu ihm suchte: „Eines Tages wird man selbst zum Kind seiner Kinder. Dieser Tag ist jetzt gekommen…“ schreibt Harry nach dem Tod Monicas an seinen Sohn.

Es gibt Entscheidungen, die nie wieder gutzumachen sind: David lässt seine Wohnungstüre verschlossen, als seine Mutter ihn ein letztes Mal sehen und sich verabschieden will, er lässt die Türe verschlossen, weil er ihr Sterben nicht erträgt. Wir machen uns schuldig am Anderen und wissen davon.

„Die Wurzeln des Glücks“ ist mit seiner Frage nach Identität und Geschichte ein leiser, poetischer und melancholischer Film. Er ist dabei nicht an allen Punkten gleichermaßen überzeugend – so ist die Figur des katholischen Priesters, der mit einer fanatischen Anhängerschaft schließlich das Lieblingsferkel von Harry hinmetzelt, um ihn von einem Stück Land zu vertreiben, das er für heilig und Besitztum der Kirche hält, reine Satire und kein Handlungsgewinn; in der Ernsthaftigkeit, mit der die anderen Figuren sich ihre Entwicklung erkämpfen, wirkt er deplatziert, als habe man unbedingt noch einen Witz erzählen müssen, damit das Publikum so viel Unversöhntes auch erträgt.

Es gelingt dem Film, eine Geschichte zu erzählen, ohne dabei eine geschlossene Erzählung darzustellen; er erzählt die Bedingung der Möglichkeit aller Erzählungen: die Begegnung mit dem Anderen, die fragmentarisch bleibende Identität, die nicht zum Schlusspunkt kommt, und überzeugt auch damit, wo er die erzählten Geschichten in der von David inszenierten Performance zu verdoppeln beginnt.

Mit alledem zeigt „Die Wurzeln des Glücks“ nicht, wie wir vollkommen glücklich werden, sondern, wie wir uns zum Glück verhalten könnten. Zu den Wurzeln des Glücks kann man nicht gelangen, es gibt keinen Nullpunkt, von dem aus die eigene Erzählung beginnt; das Unglück, das dem eigenen Dasein eingeschrieben bleibt, ist zugleich die Bedingung, um vom Glück etwas erfahren zu können: Wir sind immer schon entwurzelt, wir sind immer schon in der Fremde; wir sind in die Geschichte des Anderen verstrickt, wenn wir im Eigenen sind. Wir sind immer auch suchend Tanzende in einer Choreographie, von der wir rein gar nichts verstehen.  

Vollkommenes Glück ist eine U-Topie, zu dem sich der Standpunkt des Daseins wie ein Exil verhält. Von diesem Ort aber lassen sich Geschichten erzählen.

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