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Deutsche Gemütlichkeit im Vernichtungslager

Das private Foto-Album des stellvertretenden Kommandanten von Sobibor…

Zwischen Jahresende 1941 und Sommer 1942 ließ Heinrich Himmler im polnischen Distrikt Lublin die Vernichtungslager Belzec, Treblinka und Sobibor errichten. In diesen „Gaskammern mit Gleisanschluss“, wie der Historiker Stephan Lehnstaedt die Todesfabriken nennt, sollte die gesamte jüdische Bevölkerung des „Generalgouvernement“ ermordet werden – letztlich wurden in den drei Lagern mehr als ein Viertel aller Opfer der Shoa liquidiert.

Noch immer sind diese Mordstätten in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt – wie auch die Namen der Täter. Einer dieser Mörder war der stellvertretende Kommandant von Sobibor, Johann Niemann. Er begann seine Laufbahn als Wachmann im Konzentrationslager Esterwegen und führte sie in Sachsenhausen weiter. Anschließend war der SS-Mann im Rahmen der Krankenmorde – der sogenannten Euthanasie – tätig, wo er in den Tötungsanstalten Grafeneck, Brandenburg und Bernburg an der Ermordung von nach nationalsozialistischer Sichtweise „unwertem Leben“ mitwirkte. Es folgten Einsätze im Vernichtungslager Belzec und schließlich als stellvertretender Lagerleiter in Sobibor.

Seine gesamte NS-Laufbahn ist fotografisch dokumentiert. Über 360 Bilder zeigen den Lageralltag sowie Wochenendaktivitäten mit Kollegen und sogar eine Visite in die Reichshauptstadt, die Niemann und Kollegen als Belohnung für ihr mörderisches Handwerk erhielten. Trotz strenger Verbote der nationalsozialistischen Führung lichteten die privaten Knipser auch das tägliche Leben im Konzentrationslager oder in den „Euthanasie“-Vernichtungsstätten ab und erlauben nun heute unbekannte Einblicke in verschiedene Tatorte der Shoa. Diese fehlten bislang, da neben der geringen Zahl von Überlebenden und einer erfolgreichen Spurenbeseitigung durch die Mörder auch kaum bildliche Überlieferungen zu diesem Kapitel der NS-Massenverbrechen vorliegen.

Johann Niemann (3. v. l.) mit Kameraden und Küchenangestellten beim fröhlichen Gelage. © United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)

Auf 146 Fotos ist Niemann selbst abgelichtet. Da stellt sich die Frage, wer hat die Bilder aufgenommen? Mit Sicherheit waren es mehrere Fotografen, die ihre Kameraden mit den entsprechenden Abzügen versorgten. Im Gegensatz zu dem thematisch wohl am engsten mit der Niemann-Sammlung verbundenem Album des stellvertretenden Kommandanten von Treblinka, Kurt Franz, der seine Fotos aus dem KZ handschriftlich mit der Zeile „Schöne Zeiten“ überschrieben hatte, zeigen Niemanns Bilder keine Verbrechen oder deren Opfer. Er sammelte eher Fotos, die neben der vermeintlichen Lager-Idylle Kameradschaft, Dienstalltag und die nationalsozialistischen Rituale dokumentieren. Auf einem der Fotos inszeniert sich Niemann hoch zu Ross als schneidiger deutscher Offizier, als Herrenmensch, der an der Rampe über Tod und Leben entscheidet.

Johann Niemann: inszenierte Aufnahme an der Rampe von Sobibor, Sommer 1943, © United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)

Am 14. Oktober 1943 wagten die jüdischen Gefangenen etwas nahezu Unmögliches: einen Aufstand in Sobibor. Unter dem Vorwand, Johann Niemann einen neuen Mantel zu zeigen, lockten die Aufständischen ihn in die Schneiderei-Baracke. „Wir sahen, wie Niemann durch das Tor herbeigeritten kam, vom Pferd absprang und die Werkstatt betrat“, berichtete der sowjetische Kriegsgefangene Semion Rozenfeld. „Und fünf Minuten nachdem er hineingegangen war, begann das Pferd plötzlich zu wiehern und sich aufzubäumen.“ In diesem Moment versetzten die Aufständischen dem verhassten SS-Mann einen nicht sofort tödlichen Axthieb. Offensichtlich hatte das Pferd seinen Schrei gehört. Weitere SS-Männer liefen zur Schneiderei und wurden sofort getötet. Der Aufstand nahm seinen Lauf. Etwa 300 Gefangene konnten fliehen; die meisten und viele derer, die im Lager verblieben, wurden jedoch ermordet. Nur etwa 50 Entflohene erlebten das Kriegsende.

Mit der Niemann-Sammlung liegt nun die mit Abstand umfangreichste visuelle Überlieferung zu den Tötungsfabriken Sobibor, Belzec und Treblinka vor. 70 Jahre lang befanden sich die Fotos unbeachtet in Familienbesitz, bis der Enkel von Niemann sie dem Bildungswerk Stanisław Hantz e. V. übergab. Mit der Veröffentlichung eines Großteils des Bestandes wird das Wissen über die etwa 1,8 Millionen in diesen Vernichtungslagern getöteten Juden durch wertvolle Erkenntnisse erweitert. Sobibor als der bislang am wenigsten dokumentierte Tatort ist allein mit 62 Abzügen und 49 unterschiedlichsten Motiven die am besten visualisierte der drei Todesfabriken.

Den Autoren des Bandes „Fotos aus Sobibor“ gelingt es, das einzigartige Bildmaterial mit sicherer Hand einzuordnen und zu interpretieren. Zudem führen renommierte Historiker wie etwa Martin Cüppers (Forschungsstelle Ludwigsburg) oder Steffen Hänschen, der erst 2018 seine vielbeachtete Publikation zum Transitghetto Izbica vorlegte, fachkundig in das System der Vernichtungslager ein. – (jgt)

Bildungswerk Stanisław Hantz/Forschungsstelle Ludwigsburg (Hg.), Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus, Berlin 2020, Metropol Verlag 382 Seiten, 29 €, Bestellen?

Bild oben: Dörfliches Idyll im Vernichtungslager Sobibor. Die Unterkünfte der deutsche Wachmannschaften. Dahinter befanden sich die Lagerbaracken und Gaskammern. © United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)