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„Was Juden zur AfD treibt“

Die AfD instrumentalisiert Antisemitismus unter Muslimen in einem Sammelband zur Selbstbeweihräucherung…

Von Armin Pfahl-Traughber

Die AfD gibt sich offiziell gern „pro-jüdisch“, wofür auch jüngste Erklärungen von Jörg Meuthen stehen. Demgegenüber warnt der Zentralrat der Juden ausdrücklich vor der Partei. Eigen- und Fremdwahrnehmung klaffen hier weit auseinander. Doch was beabsichtigt die AfD mit den erwähnten Bekundungen? Sie lenkt erkennbar vom Antisemitismus in den eigenen Reihen ab und schiebt die Judenfeindschaft den Muslimen zu. Die Bundesvereinigung „Juden in der AfD“ (JAfD) steht als Organisation für diese Strategie. Davon kann man sich auch mit Blick in einen Sammelband überzeugen. Er trägt den Titel „Was Juden zur AfD treibt. Neues Judentum und neuer Konservatismus. Jüdische Stimmen aus Deutschland“, der von der JAfD-Vorsitzenden Vera Kosova und ihren Stellvertretern Arthur Abramovych und Wolfgang Fuhl herausgegeben wurde und im Gerhard Hess-Verlag in Bad Schussenried erschien.

Im Anhang ist auch die Grundsatzerklärung der JAfD abgedruckt. Die darin enthaltene Linie, die den Sammelband prägt, ergibt sich schon aus den Zwischentiteln: „Muslimischer Antisemitismus“ und „Linker Antizionismus“. Beides gibt es, beides ist problematisch. Nur vermisst man weitere Titel wie „Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft“ oder „Rechter Antisemitismus“. Auch in den anderen Beiträgen sind die damit gemeinten Phänomene kein Thema. Man merkt bereits daran, dass nicht der Anti-Antisemitismus, sondern die Muslimenfeindlichkeit im Zentrum steht. Das berechtigte Anliegen, auf Judenfeindschaft unter Migranten aufmerksam zu machen, wird um einer Selbstbeweihräucherung willen politisch instrumentalisiert. Dem entsprechend ziehen sich auch harsche Formulierungen gegen den Zentralrat durch die Texte. Da heißt es etwa, der „schranzenhafte Zentralrat der Hofjuden“ sei eine „senile, teils extrem islamophile Truppe“ (S. 48).

Auch ansonsten sind die Beiträge nicht von Differenzierungsvermögen oder Sachlichkeit geprägt, wirkt doch vieles wie Gepoltere vom Stammtisch. Da ist vom „völlig von linksgrünen Clowns gekaperten Fernsehen“ (S. 40) die Rede. Es wird auch mal behauptet: „Unzählige deutsche Politiker wurden vom KGB engagiert …“ (S. 43). Für all dies führen die Autoren keine Belege an, fehlt es doch an nötigen Quellenhinweisen. Dafür kursieren eindimensionale Aussagen wie etwa „Doch seit 2015 fällt ein dunkler Schatten auf das Leben von Juden in Deutschland“ (S. 76). Demnach gab es zuvor offenbar keinen Antisemitismus, hätte man den doch im eigenen politischen Kontext sehen müssen. Und durchgängig geht es gegen den Zentralrat: „Authentische jüdische Stimmen hat man außerhalb des ZdJ zu suchen“ (S. 83). Bereits in der Grundsatzerklärung hieß es „Politisches Sprachrohr anstelle institutioneller Vertretung mit sinkender Legitimation“ (S. 148).

Wie es bei den JAfD um die Legitimation steht, ist verständlicherweise kein Thema. Zwar thematisieren die Autoren beachtenswerte Fragen, wozu das einseitige Bild von Israel in den Medien oder die kursierende Judenfeindschaft unter Muslimen als Themenkomplexe gehören. Nur die AfD selbst wird in diesem Kontext nicht thematisiert, kam es doch in deren kurzer Geschichte regelmäßig zu einschlägigen Skandalen. Wolfgang Gedeon kommt im Personenregister etwa gar nicht vor. Immerhin hielt er die antisemitische Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ für wohlmöglich echt. Auch ist bekannt, dass der Antisemitismus bei keiner anderen Partei in der Wählerschaft so stark verankert ist. Der Blick in den Spiegel wird hier nicht geworfen. Die damit einhergehende Doppelmoral hielt wohl viele Juden davon ab, sich in der AfD als politischer Partei zu engagieren. Gleichwohl treibt sie mit solchen Diskursen ein überaus zynisches Spiel.

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