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Mickriger „Die Rechte“-Aufzug in Kassel

Den 110 Neonazis standen rund 15.000 Gegendemonstranten gegenüber – an der Spitze des braunen Demozugs ein Plakat mit NS-Anspielungen…

Von Jennifer Marken
Zuerst erschienen bei: blick nach rechts, 23.07.2019

Vor drei Wochen saß der Dortmunder Neonazi Sascha Krolzig noch mit weißem Hemd reumütig auf der Anklagebank im Dortmunder Amtsgericht und beteuerte leutselig seine Reue: Sein zweieinhalb Jahre zurückliegender Angriff mit Bierkrug auf einen „migrantischen“ Besucher einer Gaststätte sei seinem Wesen „absolut fremd“, sein Verhalten sei ihm „heute absolut peinlich“.  Der 1987 in Hamm Geborene, der sich bereits mit 15 Jahren als Nationalsozialist verstand, wurde zu einer 14-monatigen Haftstrafe verurteilt.  

In Kassel wurde die Neonazi-Kundgebung selbstredend für den 20. Juli angemeldet. Der „Die Rechte“-Funktionär Krolzig genoss den medialen Rummel: Insgesamt 15.000 Gegendemonstranten versammelten sich in Kassel, 150 örtliche Organisationen hatten zu den äußerst bunten Protesten aufgerufen, um gegen 110 Neonazis zu protestieren. Die Empörung in Kassel war groß, Anfang Juni war in dort in der Nähe der Regierungspräsident Walter Lübcke auf seiner Terrasse ermordet worden.  Erschienen war diesmal ein noch kleineres Häufchen an Neonazi als bei ihren zurückliegenden Demonstrationen in Wuppertal, Duisburg und Dortmund. (bnr.de berichtete hier und hier)

Verbotsversuch gescheitert

Am 5. Juli hatte Krolzig auf dem bierfreien Neonazi-Festival in Themar für diese erneute zynische Neonazi-Inszenierung getrommelt: In gewohnter Täter-Opfer-Umkehrung sprach der mehrfach Verurteilte von einer „Hetze gegen Rechts“ und von der „Sippenhaft“, in die das gesamte rechte Lager genommen werde.

Sein Parteifreund Christian Worch hatte die Kundgebung angemeldet. Kassel selbst ist dem langjährigen führenden Neonazi-Funktionär nicht unvertraut: Als die Urne des verstorbenen Neonazi-Idols Michael Kühnen am 3. Januar 1992 unter massivem Polizeischutz auf dem Kasseler Westfriedhof beigesetzt wurde war Worch dabei.

Der Versuch der Stadt Kassel, ein Verbot der Kundgebung durchzusetzen, scheiterte juristisch: Das Verwaltungsgericht Kassel entschied am 17. Juli, dass „Anhaltspunkte für eine unmittelbare Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ nicht erkennbar seien. Zu Straftaten werde von den Anmeldern nicht aufgerufen.

Massive Gegenproteste

Die Gegenproteste in der gesamten Stadt waren massiv. Um 10:20 Uhr ging der erste Demonstrationszug mit über 3000 Teilnehmern los, eine Stunde später folgte eine zweite, noch größere Demo. Die gesamte Stadt war mit Kundgebungen aus dem gesamten politischen Spektrum gefüllt, auch CDU Fahnen waren zu sehen. Am Demonstrationszug selbst wurden nur teilweise, aus größerer Entfernung, Gegenproteste zugelassen, diese fielen jedoch sehr stimmgewaltig aus, teils waren überdimensionale Lautsprecher aufgebaut. Die Fuldabrücke in Kassel, als Übergang zum Versammlungsort der Neonazis, wurde früh gesperrt. Auch zahlreichen Journalisten und einzelnen Abgeordneten wurde der Zugang zu den Neonazis anfangs verwehrt.

(c) Felix Mai

Der hafterfahrene Christian Worch hielt ab 12.15 Uhr am Samstag Hof, gab diverse Interviews, genoss seinen Auftritt. Dabei war auch der selbst ernannte „Kameradschaftsführer“ Dieter Riefling, in den 1980er Jahren FAP-Aktivist, der jüngst auch auf Platz vier der Europawahlliste von „Die Rechte“ vertreten war. Der wegen einschlägiger Delikte vorbestrafte Niedersachse gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten als einer der führenden Neonazi-Kader. Aus seinem Bekenntnis zum „Dritten Reich“ hat er nie ein Geheimnis gemacht. Via Twitter vermeldete Riefling gegen 13.00 Uhr dann verschwörungstheoretisch: „Neben Staatsmedien und Lizenzpresse auch wieder FuckAfD mit Kameras vor Ort.“. Und: „Kamerad Worch spricht mit der Feindpresse.“

Abmarsch nach zwei Stunden Herumstehen

Kurz vor 13.00 Uhr trafen 60 Neonazis aus Dortmund mit einem gelben Bus ein, nahezu nur Männer. Alle sind seit Jahren bei den Demos dabei, darunter auch Siegfried Borchardt mit Krückstock. Viele Teilnehmer trugen das obligatorische rote Haverbeck T-Shirt. Zwei Stunden verharrten sie an diesem Ort. Einer ließ es sich nicht nehmen und war, unbeanstandet, mit einem blauenT-Shirt mit dem Schriftzug der neonazistischen Terrorgruppe „Combat 18“ bekleidet. Als ein Journalistenteam mit Kamera in die Demogruppe ging, um Interviews zu führen. wurden sie bedrängt.

Gegen 13:40 Uhr wurden 40 weitere Neonazis aus dem Kameradschaftsspektrum vom Bahnhof mit einem lokalen Nahverkehrsbus abgeholt. Um 14.40 Uhr verlas Worch die Auflagen, das Minitrüppchen der 110 Neonazis stellte sich nach zwei Stunden tatenlosen Herumstehens zum Abmarsch für die 1,6 Kilometer lange Demostrecke auf.

„Nationale Gegenofenssive“

Die Dortmunder Neonazis versuchten, ihre offen antisemitische Strategie der Shoah-Leugnung und des Stimmenfangs mit Judenhass noch einmal „zu toppen“: Anlässlich des 70. Geburtstages Israels hatten sie mit dem großformatigen antisemitischen Transparenten „Israel ist unser Unglück“ sowie „Euer Grundgesetz schützt auch Antisemitismus“ aufgemacht. Nun trugen sie an der Spitze ihres mickrigen Demozug ein „Die Rechte“-Plakat, das sowohl das Wort „Ofen“ als auch „SS“ enthielt und das sie – die ehemaligen Jura-Studenten – auf Nachfrage mit einem Rechtschreibfehler verklärten: „Schluss mit Pressehetze und Verbotsphantasien: NATIONALE GEGENOFENSSIVE“ stand dort. Sie durften diese NS-Anspielungen ungestört tragen, vor Dutzenden von Fernsehkameras und Hunderten von Fotojournalisten.

Beim demokratischen Gegenprotest gegen diese gezielten antisemitischen Verhöhnungen zeigte eine Polizeieinheit hingegen, wie ein neu aufgetauchtes Video dokumentiert, keine Zurückhaltung: Sie attackierte einen – juristisch von mehreren Gerichten als demokratisch zulässig angesehene – absolut passive Sitzblockade in absolut unverhältnismäßiger und brutaler Weise.

Eine Stunde dauerte die Inszenierung der braunen Mini-Demonstration. Die Parolen sind immer gleich: „Frei, sozial und national“, „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“ sowie „Ruhm und Ehre der deutschen Nation“ zu brüllen. Nur wenige Transparente waren zu sehen, so die obligatorischen der Minigruppe aus Zweibrücken sowie der „Kameradschaft Rheinhessen“. 

Lautstarke Empörung aus den Fenstern

Der Gegenprotest war dort, wo er nahe der Demostrecke zugelassen wurde, hundertfach stärker, selbst aus Hauseingängen und aus Fenstern war die Empörung angesichts der zynischen Inszenierung gerade nach der Ermordung von Walter Lübcke immer wieder lautstark zu vernehmen.

Christian Worch hielt am Ende noch einmal eine seiner Ansprachen. Die Zeit der „Leisetreter“ sei vorbei. An die Journalisten gewandt fügte der Selbstdarsteller hinzu: „Die Strafe wird kommen“, was angesichts der zuvor bitter beklagten mangelnden Unterstützung durch Neonazis äußerst bedrohlich anmutete.

„Die Volksgerichtshöfe werden ihre Arbeit aufnehmen“

In seinem Redebeitrag versuchte Sascha Krolzig, diesmal im schwarzen Partei T-Shirt, noch einmal einen theatralischen Auftritt – und wirkte dabei unfreiwillig peinlich: Er beklagte eine „Pressehetze“ und eine Diskreditierung des „nationalen Widerstandes“.  „Dieses System“ mache „sich selbst lächerlich“. Selbstredend versicherte der juristisch Erfahrene, lehne man Gewalt als Mittel der Politik ab, der „Umschwung“ werde legal gestaltet. Eines Tages jedoch, kündigte Krolzig am Ende mit bedrohlichem Unterton an, „werden wir eines Tages, wenn wir das Heft des Handelns in der Hand haben (…) werden wir diejenigen, die sich so schwer an unserem Volk versündigt haben, rechtstaatlich zur Verantwortung ziehen und die Volksgerichtshöfe ihre Arbeit aufnehmen“.

Gegen 16.20 Uhr war die gruselige Veranstaltung am 20. Juli offiziell vorbei. Die Neonazis stiegen wieder in ihren Bus ein, in Kassel selbst wurde noch den ganzen Abend gefeiert.

Hinweis: Das Fernsehmagazin FAKT hat soeben eine Dokumentation zum Thema gebracht, in der auch Ausschnitte aus den Kasseler Reden gebracht werden.

Bild oben: (c) I. Netz