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„Sie fühlen sich vergessen und verlassen“

Juden als „heimatlose Ausländer“ im Flüchtlingslager Valka…

Von Jim G. Tobias

„Dieses Camp ist der letzte Ort, wo Juden leben sollten“, berichtete ein Sozialarbeiter der jüdisch‐amerikanischen Hilfsorganisation JOINT im Frühjahr 1953 nach einem Besuch des Valka‐Lagers in Nürnberg. Es war zu diesem Zeitpunkt die größte noch existierende Massenunterkunft für sogenannte Displaced Persons (DPs). Tausende von Menschen aus allen Nationen lebten hier, darunter zeitweise bis zu 50 Juden. Viele von ihnen waren Rückkehrer aus Israel, die mit den ungewohnten klimatischen Bedingungen in der neuen Heimat nicht zurechtgekommen waren oder dort einfach keine Zukunft sahen.

Während des Nationalsozialismus hatte das Lagergelände mit seinen Baracken als Unterkunft für die Teilnehmer der NS-Reichsparteitage gedient; in den Kriegsjahren waren Tausende von Soldaten der Alliierten dort gefangen gehalten. Im April 1945 befreiten US-Truppen das Lager. Im Anschluss internierte die Militärregierung dort Angehörige der SS und NSDAP-Funktionäre. Der von der jüdischen Rächergruppe „NAKAM“ im April 1946 ausgeführte Giftanschlag auf die Insassen sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Noch im selben Jahr verwandelte sich das Internierungslager in eine Sammelunterkunft für heimatlose Ausländer. Da es sich bei den neuen Bewohnern mehrheitlich um Balten handelte, erhielt das Lager den Namen der lettisch-estnischen Grenzstadt Valka. Doch auch Ukrainer, Tschechoslowaken oder Ungarn wurden hier einquartiert. Sie hatten ihre Länder nach der Machtübernahme der Kommunisten verlassen oder waren ehemalige osteuropäische Zwangsarbeiter, die nicht in ihre unter sowjetischer Kontrolle stehende Heimat zurückkehren wollten. Andere sahen das DP‐Camp auch als „goldene Brücke“ an, über die sie in die Vereinigten Staaten von Amerika oder nach Kanada gelangen konnten.

„Sechs jüdische DPs haben sich während meines Besuchs an mich gewandt“, notierte der bereits erwähnte JOINT-Sozialarbeiter. „Sie fühlen sich vergessen und verlassen.“ Zudem fürchteten sie sich vor einer Gruppe „ehemaliger slowakischen SS‐Angehörigen“, die ebenfalls im Lager lebte. Zeitnah kümmerte sich der JOINT um seine Schützlinge; die jüdischen DPs erhielten Zuspruch, sie bekamen ein monatliches Taschengeld und zusätzliche Sachmittel. Dennoch waren die Bedingungen im Valka-Lager sehr spartanisch. Oft lebten mehrere Personen in einem Raum – ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen. Außerdem war die überwiegende Mehrheit der Bewohner arbeitslos und hatte kaum Aussicht auf Ausbildung oder Qualifizierungsmaßnahmen. Der Alltag war geprägt durch Tristesse und Hoffnungslosigkeit machte sich breit.

Einigen jüdischen Entwurzelten gelang es jedoch mithilfe des JOINT in die USA, nach Kanada, Australien oder andere Länder zu emigrieren. Manche konnten aber auch in Deutschland Fuß fassen. Immer wieder suchten Juden zeitweise Unterschlupf im Flüchtlingslager Valka. Im Herbst 1958 etwa kamen zwölf jüdische Familien aus Polen im Camp an. Einige wenige waren deutschstämmig und wollten in Deutschland bleiben, manche hofften auf Familienzusammenführungen mit Angehörigen in Übersee, andere gaben Israel als Ziel an. Doch bis alle Formalitäten erledigt waren, dauerte es oft monatelang.

Vom Valka-Lager nach Kanada oder Norwegen, Karteikarten des JOINT Emigration Service

Im Frühjahr 1959, kurz vor dem Pessachfest, wandten sich die jüdischen Camp‐Bewohner mit folgender Bitte an die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland: „Es wäre für uns sehr umständlich, sich zum Seder in die jüdische Gemeinde Nürnberg oder Fürth zu begeben, denn in den späten Abendstunden hätten wir keine Omnibus‐Verbindung mehr zum Lager. Wir verfügen über eigenes Geschirr, Kochgelegenheit, genügend Raum und bitten Sie, uns zu ermöglichen, das Fest im Lager unter uns feiern zu können.“

Die Zentralwohlfahrtsstelle überwies den zehn Familien eine Spende von 300 DM. Es muss ein fröhliches Fest gewesen sein, denn sieben der Familien hatten zu diesem Zeitpunkt schon ihre Einwanderungserlaubnis für die USA erhalten. Für die anderen sollte dagegen der traditionelle Pessach-Wunsch „Nächstes Jahr in Jerusalem“ bald in Erfüllung gehen – sie standen kurz vor ihrer Übersiedlung nach Israel.

Im Mai 1960 wurde das Valka-Lager endgültig geschlossen. 14 Jahre war die Notunterkunft ein temporäres Heim für Tausende von Menschen aus rund 30 Nationen. Einige blieben in Deutschland, doch für die meisten Bewohner war das Camp ein Wartesaal zur Auswanderung nach Übersee.

Bild oben: Camp Valka – Lagerstraße mit Holzbaracken, Repro: Geschichte Für Alle – Institut für Regionalgeschichte