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Israeliut – Stein für Stein aufgebaut

Was bedeutet Israeliut für mich? Das ist so selbstverständlich, dass ich mir kaum jemals Gedanken darüber gemacht habe. Mit der Muttermilch habe ich es in mir aufgenommen und durch die Füße eingeprägt. Meine Fußsohlen haben den In-print des Landes in sich aufgesogen. Hier möchte ich versuchen den Wurzeln meiner Israeliut nachzuspüren, wo ihr Ansatz ist, wie es dazu kam, dass ich mich so tief verwurzelt in meiner Israeliut fühle…

Von Ester Golan, Jerusalem 2008

Meine Identität ruht auf einigen Säulen. Geprägt bin ich von klein auf als Jüdin, durch den Zionismus und Hechaluz zur Pionierin und zur Liebe zu meinem Land. Die Shoa, so wie die Staatsgründung und der Aufbau des Landes, haben das ihrige zu dem Gefühl meiner Israliut getan. 1933 kam Hitler zur Macht, ich war gerade mal 10 Jahre alt. Meine Mutter sagte mir oft, dass ich stolz darauf sein könne dass ich jüdisch sei. Diese Tatsache unter den damaligen Umständen, war für ein Kind weder leicht noch selbstverständlich.

Als Familie waren wir gern jüdisch, traditional jüdisch, hielten die Feiertage und Freitagabend machten wir Kiddusch. Oft ging ich mit meiner Großmutter am Shabbat in die Synagoge, an den Feiertagen ging die gesamte Familie. Ich muss eingestehen, dass mein Wissen über das Judentum zur damaligen Zeit sehr gering war. Ich fühlte mich einfach jüdisch und der Gemeinde zugehörig.

Meine Mutter, eine gute Freundin von Recha Freier, war seit ihren jungen Jahren eine begeisterte Zionistin. Sie sorgte auch dafür dass es in Glogau/Schlesien, meiner Geburtsstadt, eine zionistische Jugendbewegung gab. Ich konnte es kaum abwarten ihr beizutreten. Zusammen mit meinem 2 Jahr älteren Bruder trat ich bereits 1932 mit 9 Jahren in den Makkabi ein. Im Jahre 1934 besuchte uns Giora Josefthal und erklärte dass Habonim Noar Chaluzi ein geeigneterer Weg für uns sei, der uns auf Erez Israel und für das Pionierleben in einem Kibbutz vorbereiten würde. So trat die gesamte Gruppe geschlossen dem Habonim bei. Wir hatten Heimabende, sangen hebräische Lieder (ich hatte keine Ahnung was die Worte bedeuteten) man brachte uns Palästina Kunde bei und wir gingen oft auf Ausflüge und Sommerlager.

Meine Eltern versuchten einen Weg für die ganze Familie zu finden um nach Palästina aus zu wandern. Jedoch 1929 in der Wirtschaftkrise hatten sie all ihr Hab und Gut verloren. Mein Vater hatte zwar eine gute kaufmännische Ausbildung in der Hansastadt Pirna genossen und wurde Versicherung Inspektor, aber nach 1933 wurde er bald arbeitslos. Für eine 6 Personen Familie ohne genügend Geld, meine Schwester, die damals noch ein kleines Baby war, meine Großmutter, eine alte Frau, die bei uns lebte, da war keine Aussicht ein Kapitalisten Zertifikat für Palästina für alle zu erhalten.

Mein Bruder konnte 1937 mit 16 Jahren mit der Jugend Aliya nach Palästina einwandern. Ich war sehr eifersüchtig auf ihn, weil er schon gehen konnte und ich noch nicht. Oktober – November 1938 war ich in Rüdnitz in einem Vorbereitungslager für die Jugend Aliya, wurde jedoch wegen Untergewicht abgelehnt.
Zu meinem Glück gelang es Recha Freier, Anwärter für die Jugend Aliya mit einem Kindertransport nach England auf Hachshara zu schicken.

April 1939 war ich in der ersten Gruppe, die mit einem Transit Visa direkt von Berlin nach Whittingehame in Scotland auf Hachshara fuhr. Doch bald brach der Krieg aus und unsere Weiterreise nach Palästina wurde leider von sechs Monaten auf sechs Jahre verschoben. Während dieser Zeit war ich auf Hachshara im Rahmen des Hechachutz, lernte Landwirtschaft und Gartenbau und war Mitglied einer Aliya Gruppe des Habonim. Unmittelbar nach Kriegsende im Mai 1945 kamen 200 Zertifikate nach England. Unserer Gruppe wurden 25 Zertifikate zugeteilt.

Die „Mataror“, war das erste Schiff, das wieder durchs Mittelmeer fuhr. In Neapel stiegen bei Nacht und Nebel Überlebende aus Bergen Belsen und Buchenwald hinzu. Am 2.Juli 1945 lief das Schiff im Hafen von Haifa ein. Dort standen Britische Soldaten mit ihren Gewehren und verluden uns auf Frachtwaggons und brachten uns nach Atlith in das britische Internierungslager.

Von dem Tag an nannte ich mich nicht mehr Ursula, sondern Ester. Ich war endlich in dem Land angekommen, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte.

Nach einiger Zeit wurde unsere Gruppe aus dem Lager entlassen, und für ein Jahr gingen wir nach Kfar Blum. 1946 besuchte ich zum ersten mal Jerusalem, die Altstadt, das jüdische Viertel, die Klagemauer, damals noch eine ganz enge Gasse, das Hadassa Krankenhaus auf dem Scopus Berg, das einen Eindruck eines Palastes auf mich machte, und fuhr bis Kalia am Toten Meer. Ich kam mir wie eine Fürstin vor, dass ich das alles mit eigenen Augen sehen durfte.

Bei dem nächsten Ausflug, der für Neueinwanderer organisiert wurde, hielten wir auf dem Weg zwischen Akko und Zfat an einer Aussichtstelle unmittelbar über dem Drusendorf „Rami“ an. Mein Blick schweifte vom Mittelmeer bis zum See von Geneseret, so wie es in der Bibel steht: „Und das Land das du vor dir siehst . . . “ An Ort und Stelle verliebte ich mich in das Land.

Am 2.November 1947, 30 Jahre nach der Balfour Deklaration, war ich sehr stolz, dass ich mich beim Aufbau des neuen Kibbutz „Dovrat“, im Rahmen von „Choma Umigdal“ (Zaun und Wachtturm) beteiligten durfte. Das empfand ich als eine große Ehre. 29. November 1947 lauschten wir im Kibbutz angespannt dem Radio bei der Abstimmung der UN zu. Im Nu brachen wir in Gesang und Tanz aus. Es war eine unheimliche Freude, dass uns nun doch ein jüdisches Palästina zu gesprochen wurde. Leider brachen bereits schon am nächsten Tag die Schießereien aus. Das war unerwartet und grausam.

1948 meldete ich mich zur „Palmach“ um an unserem Befreiungskrieg mitkämpfen zu können und später war ich noch einige Monate bis zu meiner Entlassung von der Armee bei der Givati Einheit. Im Frühjahr 1949 wurde Eilat von unseren Truppen eingenommen. Wo heute die Stadt Eilat aufgebaut ist, stand damals ein kleines vereinsamtes Gebäude, Um-Raschrasch, auf dem die selbstgebastelte Israelische Flagge gehisst wurde. Viele, besonders die Offiziere, eilten zum Roten Meer und so auch ich. Das war ein Erlebnis wie kein zweites. Ich fand einen Jeep der bereit war, mich mitzunehmen. Vom Roten Meer ging es zu den Säulen von Timna und weiter nach Sdom am Toten Meer.

Die „Gadna“ (Para-Militär Einheit) war gerade dabei, eine Feier zu halten. Sie hatten einen Weg von Sdom, zu dem durch den Krieg abgeschnittenen Ejn Gedi, von Steinen und Geröll befreit und somit eine Fahrmöglichkeit dorthin freigelegt. Einige der Offiziere waren mit einem Dakota Flugzeug eingeflogen. Ich fragte den Piloten, ob ich mit ihnen zurück nach Tel Aviv fliegen könnte. Er meinte vom ihm aus gerne, warum nicht, wenn es mir gelänge, an dem Militär Polizei Wachposten vorbei zu kommen. Ich flog das erste mal in einem Flugzeug und konnte das Land auch von oben sehen.

Von der „Reisemücke“ gestochen reiste ich per Anhalter weiter bis nach Metulla und Chalsa, das heutige Kiryat Schmonah. Nun hatte ich das Land kreuz und quer und auch von oben gesehen.

Meine Schwester, die mit Kindertransport nach England kam und dort auf Hachshara ging, konnte leider erst nach der Staatsgründung einwandern. So sind wir alle drei Kinder hier und verwirklichen den Traum unserer Eltern, die es leider nicht geschafft haben und in Theresienstadt und Auschwitz umgekommen sind.

1949-50 arbeitete ich als Säuglingsschwester in der Maabara (Flüchtlings Zeltstadt) Rosh Haayin mit Neueinwandern aus dem Jemen und später in anderen ähnlichen Einrichtungen. In Tirat Hacarmel, in einer der vielen Entwicklungsstädte Israels, diente ich im Laufe vieler Jahre als Scout Master. Pfadfinder ist eine der Pionier Jugend Bewegungen in Israel. Einwanderer aus Nichteuropäischen Ländern waren es nicht gewöhnt, dass man der Jugend ein Mitsprachrecht einräumt. Hierin sah ich meine Aufgabe.

So habe ich immer wieder als Volontärin mit verschieden Neueinwanderern, ob aus Marokko, Irak, Russland, Äthiopien, oder wo auch immer sie herkamen, gearbeitet, mit ihnen die Liebe zu unserem Land geteilt, und ihnen der Natur, Landeskunde und der lokalen Geschichte nähergebracht. 1960 beteiligte ich mich an einem der ersten Kurse für Touristenführer. Ich lernte viel über Land und Leute, über die Flora und die Fauna des Landes, Archäologie, jüdische Geschichte, Bibelkunde und die Heiligen Stätten der verschiedenen Religionen. Im Laufe der Jahre habe ich unzählige Gruppen, Touristen so wie hiesige Schüler und Studenten mit unserem Land bekannt gemacht. Mit ihnen konnte ich die Liebe zu meinem Land teilen.

Als der Naturschutz-Verein sich noch in seinen Anfängen befand, gab es in seiner monatlichen Zeitschrift Information über neu entdeckte Orte. Mein Mann, ich und unsere Söhne, gingen dem nach und suchten so die schönsten Naturgebiete auf. Es gab kaum ein Wadi oder einen Berg, den wir nicht bestiegen.

1963-64 half ich unter der Leitung von Prof. Yigal Yadin bei den Ausgrabungen von Masada, später auch bei anderen Ausgrabungen. Die Vergangenheit ans Tageslicht zu bringen, als ob es gerade jetzt erst geschehen wäre, war ein besonderes Privileg.

Nach dem Sechs Tage Krieg 1967 hatte ich das Glück von Seev Vilnai selbst durch die für ihn nach 20 Jahren wieder zugänglich gemachte Altstadt geführt zu werden.

Meine Söhne setzen ihre Ausflüge auch ohne uns fort. So auch meine Enkel. Selbst mit den Urenkeln, die Jüngste kaum ein Jahr alt, wandern sie und schlafen im Zelt oder unter freiem Himmel.

Als die Söhne 1970 in die Armee gingen, fand ich endlich die Zeit mich meiner Weiterbildung zu widmen, und studierte an der Haifa Universität Soziologie und Erziehungswissenschaften. Im Rahmen weiterer Fortbildung beteiligte ich mich an Kursen in Beratung, Gerontologie und beschäftige mich bis heute mit Altenforschung.

Die Sehnsucht aus meinen Kindheitsjahren hat mir den Weg zu meiner Israeliut gewiesen. Vom jüdischen, zionistischen Pionier zur Israeliut, Stein für Stein habe ich sie aufgebaut. Mein Verhalten und meine Handlungen gehen daraus hervor.

Trotz veränderter Umstände, politisch, gesellschaftlich und anderweit, fühle ich mich auch heute weiterhin tief verbunden mit meiner Israeliut. Ich habe sie mir errungen, sie liegt in meinem Blut und ist unauslöschbar.

Ester Golan starb am 7. April 2013 in Jerusalem.