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Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen!

Shahak Shapiras erzählt, wie er der deutscheste Jude der Welt wurde…

Rezension von Andrea Livnat
Die Rezension erscheint im aktuellen DIG Magazin

Um es gleich vorweg zu nehmen, Shahak Shapira hat ein brilliantes Buch geschrieben, witzig und persönlich und doch komplex. Ein Buch, das man zur Pflichtlektüre in der Oberstufe machen sollte, um das schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und den Juden zu erklären.

Seinen Anfang hat es in der Sylvesternacht 2015. Shahak Shapira ist mit Freunden unterwegs, quetscht sich in eine überfüllte Berliner U-Bahn. Im Wagon schallt es: „Fuck Israel! Fuck Juden!“. Eine Gruppe von sieben Männern gröhlt lautstark diese antisemitischen Parolen. Das will er sich nicht anhören, Shapira ist Jude und Israeli, lebt in Berlin, ist seit 12 Jahren in Deutschland. „In diesen zwölf Jahren musste ich einiges hinnehmen: Beleidigungen, Drohungen, Schläge – nur weil ich Jude bin. Das hört heute auf. Den Scheiß lass ich mir keine Minute länger gefallen.“ Er wird auch in dieser Sylvesternacht beleidigt, bedroht, bespuckt, kommt mit einigen Schrammen und einer leichten Gehirnerschütterung davon. Die Täter werden tatsächlich gefasst, für diese Tat aber nicht belangt.

Der Fall fand nicht nur in Deutschland, sondern auch international große mediale Beachtung. Für Shahak Shapira brachte er ganz überraschende Konsequenzen – einen Buchvertrag und damit die Chance für eine groß angelegte Abrechnung mit seiner Wahlheimat Deutschland.

Als er im Sommer 2002 nach Deutschland kam, war er 14 Jahre alt. Seine Mutter hatte beschlossen, mit ihren beiden Söhnen ihrer neuen Liebe zu folgen. Die lebte nicht etwa in Berlin, sondern ausgerechnet in Thüringen, in der zutiefst braunen Provinz, in Laucha an der Unstrut.

Und hier beginnt die Geschichte von Shahak, der dem Leser schonungslose Einblicke in sein Aufwachsen gewährt. Von seiner ersten Bifi, über die Schwierigkeiten beim Deutsch lernen, seinem ersten Kontakt mit deutschen Brotdosen („das Vollkornbrot exakt in einem 45-Grad-Winkel mit dem täglich geschliffenen Präzisionsbrotmesser geschnitten“) bis zu den Realitäten in einem Ort, in dem der Fussballtrainer rechtsradikal ist. Lutz Battke „wirkt wie eine erfundene Figur, so peinlich genau, wie er dem Klischee eines Neonazis entspricht“. Tatsächlich gibt es ihn, und Battke war nicht nur im Stadt- und Bezirksrat von Laucha für die NPD, sondern auch Bezirksschornsteinfeger und außerdem Gründer und Trainer des örtlichen Fußballvereins, wo Shahak seine Freizeit verbrachte.

In kleineren und größeren Exkursen schweift Shapira ab und berichtet von seinem Aufwachsen in Israel, „das sich nicht gerade durch hohe Lebensqualität auszeichnete. (…) Allein im März 2002, vier Monate vor unserem Umzug, starben über 130 israelische Zivilisten durch Selbstmordattentate“.

Ausführlicher erzählt er die Geschichte seiner beiden Großväter, die von den Traumata der israelischen Gesellschaft zeugen. Großvater Amitzur Shapira war einer der besten Kurzstreckenläufer Israels. Er wurde während der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972, zu denen er als Cheftrainer der Leichtathletikmannschaft fuhr, ermordet. Seine Frau und Kinder, unter ihnen Shahaks Vater, oder besser, sein Erzeuger, wie er ihn konsequent nennt, blieben in Israel und sollten ihn nie wieder sehen.

Der andere Großvater war Schoah-Überlebender. Bei Kriegsausbruch gerade sieben Jahre alt, musste er sich, nachdem die Mutter verhungerte und die Großmutter und Schwester nach Treblinka deportiert wurden, alleine durchschlagen. Eine Überlebensgeschichte, die seine Familie erst sehr viel später durch ein Video-Testament erfahren sollte. Doch auch diese schweren Exkurse erzählt Shahak Shapira in leicht zugänglicher, humorvoller Weise.

Bei all diesen Geschichten, ausführlich von seinen Date-Erfahrungen garniert, spart er nicht mit einer guten Portion augenzwinkernder Selbstkritik, wenn er etwa erwähnt, dass er schon in Israel als Kind häufig gehänselt wurde, dort weil er sehr hellhäutig ist („wer zuletzt lacht, lacht in der Flughafenkontrolle“), von seiner hartnäckigen Akne oder misslungenen Annährungsversuchen an blonde deutsche Mädchen erzählt.

Doch bei allem Humor, der sich durch jede Seite des Buches zieht, ist es doch auch ein zutiefst ernstes. Es handelt vom Zustand einer Gesellschaft, in der fremdenfeindliche und antisemitische Beleidigungen an der Tagesordnung sind. Wo Jugendliche zum Spaß den Abtransport nach Auschwitz androhen. Shahaks Mutter ist in Laucha geblieben, sein Bruder wurde dort vor einigen Jahren auf offener Straße als Judenschwein beschimpft und zusammengeschlagen. Alltag in Deutschland.

Und so hat Shahak Shapira sein Buch auch gewidmet an „alle, die unermüdlich gegen Hass und Rassismus kämpfen und nicht wegschauen – in Laucha, Berlin und der Welt.“

Und natürlich zuletzt der Horde Antisemiten, die ihn angegriffen haben, und ohne die das Buch nicht entstanden wäre…

Shahak Shapira: Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen! Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde, Rowohlt Tb 2016, 240 S., Euro 14,99, Bestellen?