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Jean-Marie Le Pen musste sich – vorerst – seiner Tochter beugen

Marine Le Pen zwang ihren Vater zum Verzicht auf seine Kandidatur bei den kommenden Regional-Wahlen. Eine eindeutige Trennung vom Gründer des „Front National“ scheint aber weiterhin ausgeschlossen…

Von Danny Leder, Paris

Die erste Runde im spektakulären Schlagabtausch zwischen der Vorsitzenden des „Front National“ (FN), Marine Le Pen, und ihrem Vater, Jean-Marie Le Pen, endete mit einer vorläufigen Niederlage des letzteren. Der 86 jährige Parteigründer gab am Montag (13. April) bekannt, dass er auf seine ursprünglich vorgesehene Kandidatur als FN-Listenführer bei den Regionalwahlen im Dezember im Südosten Frankreichs verzichte. Nachsatz: „Obwohl ich glaube, dass ich der beste Kandidat gewesen wäre.“ Er würde sich aber „für die Zukunft der Bewegung opfern“, jammerte der rechtsrechte Einpeitscher.

Marine Le Pen hatte die längste Zeit auch die provokantesten Sprüche ihres Vaters durchaus akzeptiert. Erst in den letzten Jahren, nach ihrem Amtsantritt als Parteivorsitzende 2011, hatte sie eine gewisse Distanz durchblicken lassen, vor allem wenn ihr Vater den Holocaust herunterzuspielen versuchte. Dabei war sie allerdings bemüht, einen offenen Bruch mit dem Parteigründer zu umschiffen.

Zuletzt aber intensivierte der FN-„Ehrenpräsident“ seine einschlägigen Erklärungen: Erst bekräftigte er in einem TV-Interview seinen verächtlich-relativierenden Sager über die Gaskammern als „Detail des Kriegs“. Anschließend gewährte er einem antisemitischen Blatt, „Rivarol“, ein ausführliches Interview. Darin rezitierte er das gesamte Repertoire des  historischen französischen Rechtsradikalismus: so äußerte er Verständnis für Philippe Pétain, den Chef des französischen Kollaborationsregimes während der deutschen NS-Besatzung, der bei der Judenverfolgung beflissene Hilfe geleistet hatte. Er klagte, Frankreich würde heute „auf allen Ebenen von Migranten oder Kindern von Migranten regiert“, wobei er namentlich auf den in Spanien geborenen sozialistischen Premierminister Manuel Valls attackierte. Das Interview gipfelte im Bekenntnis: „Ich verstehe, dass man die Demokratie bekämpft, das Gerede über die Republik geht mir auf dem Keks“. Seiner Tochter und ihrer Entourage, die um eine gewisse Neupositionierung des FN bemüht ist, warf er sinngemäß „Verrat“ vor.

Im Vorfeld der landesweiten Regionalwahlen, die Marine Le Pen als Probelauf für ihre Präsidentschaftskandidatur 2017 betrachtet, war dieser Auftritt ihres Vaters zu Viel des Schlechten. Nach so einer geballten Ladung an Provokationen wäre die Spitzenkandidatur von Jean-Marie Le Pen im Südosten Frankreichs, sowohl historische Bastion als auch Hoffnungsgebiet des FN, ein vertane Chance aus der Sicht von Marine Le Pen gewesen.

Das erklärt auch, warum Marine Le Pen jetzt quasi gezwungenermaßen gegen ihren Vater losschlug. Bei einem TV-Auftritt in der Vorwoche verkündete sie, ihr Vater werde für ein Disziplinarverfahren vor das Exekutivbüro des FN zitiert – es sei denn er würde „sich weise zeigen und von sich aus seine politischen Ämter zurücklegen“. Als Listenführer bei den Regionalwahlen im Südosten Frankreichs käme er jedenfalls nicht mehr in Frage, betonte Marine Le Pen.

Marine Le Pen über ein Antisemitenblatt: „Ekelhafter Drecksfetzen“

Bei diesem TV-Gespräch bezeichnete Marine Le Pen das antisemitische Blatt „Rivarol“, dem Jean-Marie Le Pen sein Interview gewährt hatte, als „ekelhaften Drecksfetzen“. Freilich musste sie sich umständlich herauswinden, als Reportagen aus der Vergangenheit eingeblendet wurden, in denen die Provokationen ihres Vaters und ihre vormalige Loyalität ihm gegenüber gezeigt wurden („Der Mann meines Lebens, dem ich beim besten Willen nichts vorzuwerfen habe“, wie sie einst schwärmte.) Aber als der TV-Journalist darauf verwies, dass ihr Vater wegen hetzerischer Sprüche achtzehn mal gerichtlich verurteilt worden war, reagierte Marine Le Pen diesmal ungewöhnlich deutlich: „Das nennt man einen Wiederholungstäter“.

Das ist bemerkenswert in einer Partei, die von ihrem Gründer als eine Art Familienklan geführt wurde: ob Reihung in der Führungshierarchie, letztgültige Entscheidung oder Finanzen – in allem galt der Vorrang für die Familie Le Pen und ihren, die längste Zeit, allmächtigen Stammhalter. Dieser wohnte sogar mit seiner engsten politischen Gefolgschaft, also seinen drei Töchtern und ihren jeweiligen Lebensgefährten lange unter einem Dach, im selben Pariser Palais. Wer politisch in Ungnade fiel, musste ausziehen, wer sich scheiden ließ (unter den Schwiegersöhnen) fiel in Ungnade. Die jüngste und ursprünglich politisch treueste Tochter, Marine, bekam 2011 den Parteivorsitz zugeschlagen.

Die FN-Chefin ist jetzt umso mehr bemüht, das Image einer offen rassistischen oder antisemitischen Partei abzustreifen, als sie einen Regierungsantritt für nicht mehr ausgeschlossen hält. Tatsächlich hat der FN zuletzt beeindruckende Wahlerfolge erzielt: bei den EU-Wahlen 2014 und bei landesweiten Departement-Wahlen im vergangenen März errang die nationalpopulistische Partei jeweils auf 25 Prozent der Stimmen. Trotzdem konnte der FN keine einzige Departement-Verwaltung erobern, weil ihm, im zweiten Durchgang der Departement-Wahlen, eine Mehrheits-Barriere misstrauischer Wähler aus allen übrigen politischen Lagern widerstand.

Mehrheits-Barriere des Misstrauens gegen den FN bleibt bestehen

Marine Le Pen glaubt sie könne diese, in den letzten Jahren geschrumpfte Ablehnungs-Barriere weiter verringern, indem sie ihren Vater in die Schranken weist. Aber die Frage, inwieweit die Ziele des FN  wirklich mit den Grundwerten der französischen Republik vereinbar sind, ist jetzt wieder in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt und erscheint dabei einer Mehrheit der Franzosen immer noch unbeantwortet. Nur der Partei-Ausschluss von Jean-Marie Le Pen wäre ein eindeutiges Signal an jene Wähler, die dem FN aus demokratiepolitischen und menschenrechtlichen Erwägungen grundsätzlich misstrauen. Und zu einem solchen Ausschluss dürfte sich das geplante Disziplinargericht des FN wohl kaum durchringen.

Außerdem wird vorrausichtlich die Enkelin von Jean-Marie Le Pen, die 25 jährige FN-Politikerin Marion Marechal-Le Pen, an Stelle des Patriarchen bei den Regionalwahlen im Südosten Frankreichs antreten – also die von ihm empfohlene Ersatzkandidatin.

Jean-Marie Le Pen brachte diese Enkelin im FN in Stellung, als in den vergangenen Jahren seine Tochter Marine zunehmend flügge wurde. Marion Marechal-Le Pen brach im Vorfeld der Parlamentswahlen 2012 ihr Jus-Studium ab und wurde zur jüngsten Abgeordneten Frankreichs gewählt (insgesamt verfügt der FN nur über zwei Mandate in der aktuellen französischen Nationalversammlung). Sie gilt inzwischen als die eigentliche Politerbin des Parteigründers, weil sie ihm gegenüber nie Distanz anklingen ließ, und weil sie für traditionellere rechte Positionen einsteht. So beteiligte sie sich an den Demos gegen die Homo-Ehe, was Marine Le Pen vermied.

Marion Marechal-Le Pen ist unter den FN-Aktivisten beliebt, weil sie jung und attraktiv ist, und weil sie grundsatztreu aber dabei nicht sehr provokant wirkt. Für den Parteipatriarchen wäre ihre Kandidatur eine symbolische Rache gegenüber seiner Tochter und eine Garantie für seinen fortlaufenden prägenden Einfluss in den Reihen der französischen Nationalpopulisten.