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Augsteins nächster Anfall

War es ein Wutanfall oder ein akuter Schub von Delirium? Bei Jakob Augstein spielt das letztlich keine Rolle: sein Feindbild bleibt das gleiche…

Von Detlef zum Winkel

Im April 2012 feierte er das sogenannte Israel-Gedicht von Günter Grass als eine Zäsur. „Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: ‚Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.’ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt“. Jetzt erleben wir die nächste Etappe seines langen Marsches gegen Israel. Wird die P5+1 Vereinbarung von Lausanne, wie Kritiker befürchten, dem Iran einen Weg zur Atombombe eröffnen? „Na und?“, findet Augstein (SPON, 9.4.2015). „Damit verabschieden wir uns lediglich von einer Jahrzehnte alten Anomalie: dass Israel die einzige Atommacht in Nahost ist.“ Für ihn ist das ausdrücklich keine Katastrophe.

Fangen wir mit dem Ende des Satzes an: Ist Israel Atommacht? Die meisten werden mit Ja antworten und phantasieren sich gleich 200 bis 400 israelische Atombomben zusammen. Für Israel ist es nützlich, dass die Öffentlichkeit, vor allem im Nahen Osten, das glaubt. Also dementiert es nicht. Mehr läßt sich dazu nicht sagen, wenn man nicht spekulieren will. Es gibt nur ein verläßliches Kriterium dafür, dass ein Land Atommacht ist: der „rauchende Colt“ (smoking gun), d.h. dass es einen erfolgreichen Atomtest durchgeführt hat. Das ist bei Israel nicht der Fall. Nun wird man sagen, Mordechai Vanunu habe doch schon 1986 alles bezeugt. Das behaupten natürlich diejenigen, die erstens seine Aussagen nicht im Original gelesen haben und zweitens von Nuklearphysik nichts verstehen. Israel ist eine vermutete, latente oder virtuelle Atommacht. Dieser Status ist im konfliktreichen Nahen Osten ein Problem unter ferner-liefen. Er spielt für das Sicherheitsgefühl der BürgerInnen Israels eine große Rolle. Für seine Nachbarn ist er von untergeordneter Bedeutung. Einigen Leuten im fernen Deutschland macht das von Augstein enthüllte „Dilemma“ allerdings schwer zu schaffen, sind wir doch selber nukleare Habenichte. Der Grimm fängt am Stammtisch an und hört bei Nobelpreisträgern für Literatur nicht auf.

Bei Augstein kann man nicht sicher sein, was ihn mehr umtreibt: der Zorn über Israels vermeintliche Atommacht oder die Genugtuung über das Atomprogramm der Mullahs. Man beachte zunächst das Adverb lediglich. Wenn’s weiter nichts ist als eine iranische Atombombe? Na, dann kommt sie halt. Das ist ein cooler Standpunkt. Er erinnert mich an einen Beitrag „Der Tag nach dem ersten iranischen Atomtest“ auf der Webseite der Revolutionsgardisten: „Es ist sieben Uhr morgens und ein schöner Tag. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, doch es leuchtet überall. Heute ist die erste Morgendämmerung nach dem iranischen Atombombentest. Es ist ein ganz normaler Tag.“ Ja, es strahlt überall. Na und?

Sodann lesen wir den Begriff der Anomalie. Augstein junior meint damit, es sei nicht normal, dass Israel Atomwaffen besitze, der Iran aber nicht. Folglich sei es konsequent, dass der Iran diese Anomalie aufhebt. Wenn Deutsche die Kategorie des Normalen einsetzen, steckt fast immer faschistisches Denken dahinter, aber selten springt es einem so ins Auge wie hier. Augstein findet eine Bedrohung Israels durch Atomwaffen normal. Mehr noch: er findet es akzeptabel, dass die nukleare Drohung von einem Staat ausgeht, der sich die Zerstörung Israels auf seine Fahnen geschrieben hat. Man könnte jetzt erwidern: Augstein, das ist nicht normal, das ist pervers! Wäre das die richtige Antwort, die man dem Mann geben müsste? Nein: Augstein macht politische Vorlagen. Diese liegen in der Tradition des Nationalsozialismus. Der Populist steht damit nicht allein. In den Kommentarspalten des Internets findet das iranische Atomprogramm in diesen Tagen bemerkenswert viele Befürworter. Friedensbewegtes und atomfeindliches Deutschland? Nicht, wenn’s gegen Juden geht.

Ich hätte erwartet – und akzeptiert -, dass ein sich als links verstehender Kommentator den Besitz von Atomwaffen anomal findet. Dass er deswegen die USA, Russland, China, Frankreich, England, Indien, Pakistan, Nordkorea und von-mir-aus auch Israel geißelt. Aber Augsteins Argumentation ist das Gegenteil. Ganz Realpolitiker akzeptiert er den Atomwaffenbesitz und fordert eine nicht weiter begründete Form von Gleichberechtigung. So sieht es auch der deutsche Michel: was der eine hat, darf der andere auch haben. Wenn das so ist, gibt es auf der Welt eine Menge nuklearer Anomalien. Mit welchem Recht wird Südkorea verweigert, was Nordkorea besitzt? Wenn Südkorea aufrüstet, kann Japan nicht zusehen. Wenn Japan Atommacht wird, müsste Australien gleichziehen. Na und? Jede zusätzliche Atombombe vergrößert die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes.

Um eine Verdopplung und Verdreifachung der Zahl der Atommächte zu verhindern, gibt es den Atomwaffensperrvertrag, zu dem sich auch die Bundesrepublik bekennt. Er kommt in Augsteins Artikel nicht vor. Der Kolumnist hält ihn für unerheblich, weil man ein Land wie den Iran, das zur nuklearen Rüstung entschlossen ist, ohnehin nicht aufhalten könne. Das ist ein Standpunkt, den die deutsche Industrie – exportorientiert, aber nicht besonders links – immer schon vertreten hat. Weil das Proliferationsverbot ohnehin keinen Sinn mache, könne man auf lästige Exportbeschränkungen und Sanktionen liebend gern verzichten.

AutorInnen, die im Unterschied zu Augstein über Sachverstand verfügen, haben herausgearbeitet, dass kein Land ohne die Hilfe anderer in den Besitz von Atomwaffen gelangt ist. Im amerikanischen Manhattan-Projekt war eine Avantgarde von Physikern versammelt, die aus Europa emigriert waren. Von Los Alamos erhielten die Sowjetunion und China das knowhow über ihre Atomspione. England und Frankreich bekamen es als Verbündete von den USA. Indien wurde von der Sowjetunion unterstützt, um die „Anomalie“ im Fernen Osten zu beseitigen. Besonders deutlich sind die Beispiele Pakistans und Nordkoreas. Niemals hätten diese Länder aus eigener Kraft Atommächte werden können.

Wenn die Atombombe des Iran unvermeidlich kommt, wie Augstein meint, dann liegt es an den scheinbar unvermeidlichen Exporten deutscher Unternehmen. Betrachten wir die maßgeblichen Komponenten des iranischen Atomprogramms: das Atomkraftwerk Buschehr ist zu 25% mit deutscher Technologie bestückt. Die iranischen Zentrifugen gehen auf ein Modell zurück, das der österreichische Ingenieur Gernot Zippe für deutsche Unternehmen entwickelt hat. Die Steuerung der Urananreicherungsanlage in Natanz ist von Siemens. Der Schwerwasserreaktor von Arak orientiert sich an einem früheren Forschungsreaktor des Karlsruher Kernforschungszentrum.

Mit ihrer Vorliebe für Deutschland, die proportional zu ihrem Leugnen des Holocausts verläuft, würden die Iraner am liebsten auch ein Atombombendesign von hier beziehen. Das dürfte ihnen allerdings schwer fallen. Dieses knowhow ist in Deutschland nicht mehr vorhanden. Aber der Iran hat schon vor 20 Jahren von Pakistans Abdul Qadir Khan Bombenpläne erhalten.

Nichtsdestotrotz wäre eine iranische Bombe auch eine deutsche Bombe, da Made in Germany bei der Produktion von waffenfähigem Uran und Plutonium im Iran entscheidend beteiligt ist. Deutsche Unternehmen haben dem Iran geholfen und wollen ihm weiter helfen, ein sehr reales Vernichtungspotential gegen Israel aufzubauen. Na und?! Wenn es ein Nazi wäre, der jenen „Spiegel“-Kommentar verfasst hätte, dann wäre es nicht weniger empörend – aber weniger verwunderlich. Diese Leute haben wir bekanntlich in unserem nationalsozialistischen Untergrund. Bisher jedoch nicht in den Leitartikeln der Alphamedien.

Henryk Broder schrieb einmal, Jakob Augstein bereite propagandistisch eine zweite Endlösung der Judenfrage, diesmal in Palästina, vor. Dafür entschuldigte er sich später. Vielleicht kam die Entschuldigung zu schnell? Zu schnell hat jedenfalls Augstein die Gelegenheit kommen sehen, bahnbrechende Ansichten eines Deutschen über den Weltfrieden zu vermarkten. In der trügerischen Sicherheit, ein Atomabkommen mit dem Iran sei unter Dach und Fach und das Land könne nun ungeachtet seiner Rekordzahlen an Todesurteilen und Hinrichtungen in den Salon der „normalen“ Staaten aufgenommen werden, wollte er wieder einmal Israel und besonders Netanyahu als Störenfried und nicht ernst zu nehmenden Außenseiter brandmarken, dem es nur recht geschehe, wenn er mit einer iranischen Bombe bestraft wird. Doch es kam wieder einmal anders. Praktisch zeitgleich widersprach Irans Revolutionsführer Khamenei den Abmachungen von Lausanne. Der Imam ist es, der den „Purzelbaum“ (Augstein über Netanyahu) schlägt.

Die Lage ist also schon wieder eine andere. Augsteins beschämende Ressentiments sind freilich immer die gleichen. Als das Simon Wiesenthal Center vor zwei Jahren Augstein-Zitate in die Jahresliste der schlimmsten antisemitischen Äußerungen aufnahm, hagelte es Proteste von allen Seiten. Ehrenwerte und namhafte PublizistInnen nahmen ihren Kollegen in Schutz. Was werden sie heute sagen? Na und?