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Überwältigende Willensbezeugung für die Republik

Die Teilnehmerzahl der Märsche gegen den dschihadistischen Terror brach alle Rekorde…

Von Danny Leder, Paris

Es ist nicht so, als wäre die Präsenz im Pariser Mega-Umzug am Sonntag von über 40 Staats- und Regierungschefs, darunter elf aus der EU und eine zumindest ebenso große Anzahl aus der muslimischen Welt nicht wichtig gewesen wäre. Und auch die Tatsache, dass sich der palästinensische Präsident Mahmud Abbas und der israelische Premier Benyamin Netanjahu bei dieser Gelegenheit die Hand gaben, ist alles andere als bedeutungslos. Aber all diese Prominenz  musste sich angesichts der Masse der „Citoyens“ (wie in Frankreich die Staatsbürger seit der Revolution genannt werden) gestern mit einer Nebenrolle bescheiden. Die Hauptrolle hatte eindeutig die Menge, die auf den zwei großen Demo-Routen  mehr stand als gang, obwohl es sich um Boulevards handelte, die um etliches breiter als die Wiener Ringstraße sind.

Der Andrang war derartig, dass eine nicht abebbende Flut von Parisern immerzu aus allen Stadtteilen herbei strömte, um dann doch kilometerweit noch vor dem Versammlungsorten stecken zu bleiben, weil bereits alle weiterführende Straßen und Gassen vor Demonstranten überquollen.

Aber Paris war nicht alles: in zahllosen Städten, Siedlungen, Dörfern in ganz Frankreich versammelten sich Schweigemärsche mit gigantischen Teilnehmerzahlen, in mehreren Orten  waren mehr als die Hälfte der Einwohner unterwegs.

Der am häufigsten und wohl nicht zufällig zitierte Vergleich mit vorhergehenden Massenmärschen betraf 2002, als Jean-Marie Le Pen, der Chef des rechten „Front National“ (der inzwischen von seiner Tochter Marine geleitet wird), in die Stichwahl für das Präsidentenamt gelangt war. 2002 demonstrierten rund 1,3 Millionen gegen Le Pen. Diesmal waren noch mehr Menschen unterwegs. Der Effekt blieb damals nicht aus: in der Stichwahl stagnierte Le Pen, seine Partei rutschte in eine mehrere Jahre andauernde Durststrecke. FN-Aktivisten gestanden, der Umfang der Aufmärsche habe sie demoralisiert.

Diese Erfahrung kann nicht mechanisch auf die jetzige Situation übertragen werden, schon allein weil es sich bei den Dschihadisten um einen äußeren Feind Frankreichs und seiner Demokratie handelt. Aber wie gerade die jüngsten Terrorakte zeigen, liegt die Stärke der Dschihadisten darin, dass sie Personen, die in Frankreich geboren sind, rekrutieren. Diese Leute mögen winzige Gruppen bilden und aus bizarren Persönlichkeiten bestehen, sie gedeihen doch in einem breiteren Umfeld radikalisierter junger Muslime.

Die Demo-Teilnahme von Jugendlichen aus muslimischen Familien war relativ gering. Aber die zahlenmäßig überwältigende Willensbezeugung der Franzosen für die Republik, die Freiheit und das respektvolle Zusammenleben aller Konfessionen ist ein erheblicher Dämpfer für die Dschihadisten und sonstigen Gegner der europäischen Demokratien, die den „Verfall des Westens“ laufend diagnostizieren. So eine Machtdemonstration der Bevölkerung kann auch im potentiellen Umfeld der Dschihadisten für Zweifel sorgen. Die französische Justizministerin Christiane Taubira (sie stammt aus der Karibikinsel Guadeloupe und ist auch eine Wortführerin der schwarzen Bevölkerung Frankreichs) sagte: „Sie (gemeint waren die Dschihadisten) werden nicht das letzte Wort haben“. Sie wird wohl rechtbehalten.