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Die Barriere der muslimischen Vorstadt

Beim Anti-Terror-Marsch stand die ansonsten eher rührige muslimische Jugend aus den Randvierteln abseits…

Von Danny Leder, Paris

Noch nie, und dieses nie reicht bis in die vorvorige Jahrhundertwende zurück, hatten in Frankreich derartig viele Menschen demonstriert wie Sonntag gegen den dschihadistischen Terror. Das war „das Volk“. Und trotzdem fehlte ein diesbezüglich relevanter Teil des Volks. Wie passt das zusammen?

Die Erklärung erschließt sich nur, wenn man sich auf eine verstörende Problematik einlässt, für die es auch keine schnelle Patentlösung gibt. An den Pariser Märschen beteiligten sich „die Pariser“, also eine überwiegend weiße Mittelschichte. Ihr Kern ist die so genannte 1968er-Generation und ihre unmittelbaren Nachfolger, also Menschen, die zumindest in ihrer Jugend von einem linksgerichteten und anti-rassistischen Elan geprägt wurden (und für die die gleichaltrigen Charlie-Karikaturisten meistens aus den Augen verlorene, aber verehrte Ikonen darstellten). Unter den Demonstranten befanden sich natürlich auch Personen aus muslimischen Familien, oft Atheisten, die, ein wenig widerwillig, als Parademuslime wirkten. Muslimische Würdenträger hatten ebenfalls mobilisiert.

Aber das „Volk“ der Sozialbau-Siedlungen, in denen die meisten muslimischen Franko-Araber und Franko-Afrikaner leben, war kaum präsent. Vor allem in der jüngeren  Generation, zwischen 16 und 25, die bei Schülerdemos mit Begeisterung mitzieht, und die auf brave Würdenträger kaum und auf ihre Eltern nur gelegentlich hört, gab es eine kollektive Barriere gegen die Demo-Teilnahme.

In einigen Fällen kam es zu Parteinahmen für die Dschihadisten: Jugendliche provozierten Polizeistreifen mit dem Victory-Zeichen (auch in der Nähe des überfallenen jüdischen Supermarkts, wo vier Kunden erschossen worden waren). Sie riefen den Beamten Drohungen zu (etwa: „Ihr kommt als nächstes dran“). Eine Stufe darunter rangierte der Boykott der Schweigeminute für die Opfer der Dschihadisten in Schulklassen durch einzelne Schüler. Dazu erklärten die einen, sie würden der Tatbeschreibung der „offiziellen Medien nicht glauben“, hinter den Anschlägen stünde „ein von Israel gesteuertes Komplott“. Die anderen (und manchmal die selben) meinten sinngemäß, „Charlie“ habe sich diese „Strafe“ selber zuzuschreiben.

Nur wenige gingen so weit, aber viele muslimische Jugendliche konnten die Mohamed-Karikaturen nicht verwinden. Diese hatten sie als eine gezielte Kränkung ihrer Gemeinschaft empfunden, weil sie sie in Verbindung mit der allgemeinen Diskriminierung brachten, die sie etwa als Jobsucher erleben. Und weil sie das Engagement von „Charlie“ gegen  Diskriminierungen und die in dieser Zeitschrift übliche generelle Religionsverulkung nicht wahrnehmen konnten oder wollten.

Dazu kommt die Klage seitens muslimischer Jugendlicher, man würde mit zweierlei Maß messen, weil sich die Staatsführung bemüht (bisher vergeblich) den Auftritten des franko-afrikanischen Kabarettisten Dieudonné einen juristischen Riegel vorzuschieben. Der Vergleich hinkt freilich ganz gewaltig: Charlie Hebdo ist ein linkes Pazifistenblatt, das sich gegen jeden Rassismus erhebt, während Dieudonné den Holocaust leugnet und mit perfiden, gewaltschwangeren Andeutungen eine potentiell tödliche Hetze gegen Juden betreibt.

Viele junge Muslime können sich gegenüber jüdischen Nachbarn reizend zeigen und angesichts von antijüdischen Gewalttaten betroffen und beschämt fühlen, aber viele wollen nicht verstehen, weswegen die laufende Bedrohung in Gegenden mit starker muslimischer Präsenz die Juden in andauernde Angst versetzt. Und dass dieses Phänomen inzwischen als einer der gefährlichsten Angriffe auf die französische Demokratie wahrgenommen wird.