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Eine Demonstration der Besorgnis und der Solidarität mit Israel

Ein wunderbarer, sonniger Frühabend in Köln. Gegen 17.30 Uhr haben sich erst 25 Menschen auf dem vor dem WDR gelegenen Kölner Wallraffplatz versammelt, eine kleine Bühne, eine Lautsprecheranlage. Einige Organisationen und Privatpersonen haben zu einer Solidaritätsdemonstration für Israel eingeladen, Beginn 18 Uhr. Eine sehr friedliche Stimmung. Der Platz füllt sich langsam. Um 17.45 verändert sich die Atmosphäre schlagartig: Sieben schwerbewaffnete Polizisten betreten den Platz, sichern die Seitenwege…

Von Sigrid Deutschmann

Zeitgleich brüllen in Berlin auf einer Demo hunderte von mehrheitlich arabischstämmigen Menschen: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“. „Kindermörder Israel“ und „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“ ist gleichfalls ein beliebter Ruf. Wunderbare Beiträge für eine friedliche Konfliktlösung. In Berlin wird auf Facebookseiten eine gezielte Störung einer pro-Israel-Demo gefordert: „Das wird aber eskalieren – Aber nicht wenn Frauen und Kinder dabei sind – ja die nehmen wir nicht mit.“

80 km entfernt, in Essen, haben sich zwischenzeitlich Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren vor dem Kulturinstitut Alte Synagoge postiert. Aus Angst vor Störungen und Gewalt wurde in Köln deshalb nur in internen Kreisen für die Demonstration geworben. Manche sind auch nicht gekommen, aus Angst.

Es sollte am Donnerstag in Köln jedoch absolut friedlich bleiben. Auch auf dem abschließenden Demonstrationswegweg durch die Kölner Innenstadt gab es keinerlei Störungsversuche.

Ich sehe Peter Finkelgruen, 1942 als jüdisches Flüchtlingskind in Shanghai geboren. Seit 50 Jahren lebt er als Journalist und Schriftsteller in Köln. In den 1980er Jahren hatte er in Israel als Vertreter der Naumann Stiftung noch zahlreiche Treffen zwischen Israelis und Palästinensern vermittelt. Es war die Phase der Hoffnung. Frieden, eine Zwei-Staaten-Lösung schien in greifbarer Nähe. 30 Jahre später ist von der Hoffnung nichts mehr geblieben. „Ich hätte mir eine größere Teilnehmerzahl gewünscht. Weniger wegen der Lage in Israel als wegen der antiisraelischen und antijüdischen Stimmung in Europa. Die Ansprachen der deutschen und nicht – israelischen Teilnehmer haben mich sehr beeindruckt“, bemerkt er.

Ich gehe 100 Meter weiter, auf den Domvorplatz. Ja, der ins Alter gekommene, verwirrt wirkende Dauerdemonstrant Walter Herrmann mit seiner hetzerischen „Klagemauer“ steht dort – seit 15 Jahren. Nun verfolgt er wieder das Hauptobjekt seiner zerstörerischen Obsession: Hass auf Juden und Israel. Stundenlang steht dieser Deutsche da, bewegungslos, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, einem Plakat in der Hand – und den allgegenwärtigen Nazivergleichen der Antisemiten: „Weltweites Entsetzen über die nazi-mäßige Brutalität der Israelis.“ Vom Domvorplatz aus vermag man die Situation in Israel und Palästina gewiss gut zu beurteilen. Anklang findet er nicht.

Gegen 18 Uhr hat sich der Wallraffplatz mit 200 Menschen gefüllt, größtenteils aus der jüdischen Gemeinde, aber auch einige Leute aus der Antifa-Szene und weitere interessierte Kölner. Einige junge Antifa-Leute haben am Rande des Platzes drei große Transparente entfaltet: “Kein Frieden mit Antisemitismus – Free Gaza from Hamas“, „Für ein Leben vor dem Tod, gegen religiösen Fundamentalismus und Antisemitismus“ und „Antisemitismus bekämpfen: In Köln und überall. Es gibt ein Leben vor dem Tod. support Israel!“ Als ich sie frage, ob ich schreiben kann, welche Gruppe sie sind verneinen sie dies. „Wir sind aus der autonomen Szene, mehr nicht.“ Von der vor einem Jahr gegründeten Kölner Aurora-Gruppe sind etwa 15 junge Leute gekommen. Gutgelaunt, interessiert. Die Stimmung bleibt fröhlich, trotz der spürbaren Anspannungen. Einige israelische Fahnen, Plakate „Befreit Gaza von der Hamas“. Ein hebräisches Plakat: „Das Volk Israel lebt“ lautet die Übersetzung. Eine englischsprachige Touristin lässt ihren Koffer am Rande der Kundgebung stehen, begibt sich in die Menschenmenge. Ihr Gesicht spiegelt Sympathie für die Kundgebung wieder. Ich gehe zu ihr hin, weise sie auf die Gefahr durch den unbekannten Koffer hin. Dann kommt auch schon ein Polizist, sie zeigt ihren Ausweis und den Kofferaufkleber. Sie kommt direkt vom Flughafen, hat Verständnis für die Situation.

Israelsolidarität in Köln, 17.7.14
(c) Peter Finkelgruen

Dann der Beginn der Kundgebung, Chana Bennett von der Synagogengemeinde führt gekonnt durchs Programm, zwischendurch immer wieder kleine Gesangseinlagen einer jungen Kölner Sängerin. In „Od javo Schalom aleinu“ stimmen Viele ein. Gleich zu Beginn fällt die Lautsprecheranlage aus, eine kleine Ersatzanlage tut´s aber auch. Die Reden bleiben durchgehend dem Anlass angemessen, mahnen zur Zurückhaltung, betonen aber auch die schwierige Gesamtsituation Israels und die eindeutig Verantwortlichen: Hamas und ihr nahestehende terroristische Gruppierungen. Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Kölner Synagogengemeinde, fordert eine Isolierung der Hamas. Ökonomisch und machtmäßig stand sie vor wenigen Wochen noch vor dem Ende, darum entfachte sie mit Hunderten von Raketen diesen selbstmörderischen Krieg gegen Israel. Sie nehme ihre eigene Bevölkerung als Schutzschild, als menschliche Geisel. Jeder getötete Palästinenser sei für sie ein propagandistisches Hilfsmittel. Sie nötigt die eigene Bevölkerung, Häuser aufzusuchen, deren Zerstörung Israel zuvor angekündigt hat – weil aus ihnen zuvor Raketen abgeschossen wurden. Die Hamas könne für Israel kein Verhandlungspartner sein. Trotz des erlittenen Terrors: Die israelische Bevölkerung sehne sich weiterhin nach Frieden, sei jederzeit zu einem Abkommen bereit. Die Realität bestätigt seine Analysen. Zeitgleich sehen wir im israelischen Fernsehen 13 Schwerstbewaffnete, die durch einen selbstgebauten Tunnel kommen, um einen nahegelegenen Kibbuz zu überfallen, Kibbuzniks zu ermorden oder als Geiseln zu nehmen. Die israelische Armee hat sie rechtzeitig entdeckt, sie ziehen sich wieder in den Gazastreifen zurück. Wenige Stunden zuvor hat Israel den durch die arabische Liga vermittelten Waffenstillstandsvorschlag angenommen – die Hamas lehnt ab. Selten waren die Verantwortlichkeiten so eindeutig. Alle Redner gehen darauf ein. Dann spricht der Kölner Grünen- Bundestagsabgeordnete Volker Beck, zugleich Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe. Volker Beck hat viele Freunde in der Kölner Synagogengemeinde, bleibt bis zum Ende der Demonstration. Auch er betont das Recht, die Pflicht der israelischen Regierung auf Selbstverteidigung. Er spricht die Kontrolle der Baustoffimporte nach Gaza durch das israelische Militär an: Der heutige Überfallversuch habe leider gezeigt, dass diese Vorsichtsmaßnahmen keineswegs willkürlich, sondern – leider – notwendig seien. Beck kritisiert auch eine einseitige Berichterstattung in der deutschen Presse. Es falle offenkundig schwer, die existenzgefährdende Lebenssituation in Israel zu verstehen. Großer Beifall aus dem Publikum. Der Gazastreifen habe unter der Herrschaft der Hamas keinerlei ökonomischen Fortschritte gemacht, sondern sich in einen hochgerüsteten Militärapparat verwandelt. Erneut Beifall aus dem Publikum. Selbst in diesen Tagen habe die israelische Regierung 600.000 Liter Treibstoff in den Gazastreifen geliefert. Er hoffe immer noch auf eine friedliche Lösung, die Verantwortlichen müssten einen kühlen Kopf bewahren.

Stürmischen Beifall erntet die SPD-Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier für ihren lebendigen, kurzen Redebeitrag. Israel leide seit Jahren unter dem Dauerbeschuss insbesondere aus dem Gazastreifen. „Wir stehen an der Seite Israels. Wir haben keinen Bock mehr auf Nazis. Wir haben keinen Bock mehr auf Antisemiten und Rassisten!“ Sie versicherte den Mitgliedern der Kölner Synagogengemeinde ihre Unterstützung: „Wir machen das zusammen, Volker Beck sowieso.“ Viel Anklang fand auch der Redebeitrag von Michael Polonskij, der für eine Gruppe jüdischer Studenten spricht. Er bedauerte den Tod vieler Menschen im Gazastreifen – und spricht moslemische Studenten direkt an: „Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel! Israel möchte Frieden. Setzt ein Zeichen gegen Hamas – damit Frieden möglich ist.“

Der anschließende Demonstrationsweg führt auf Seitenwegen durch die Innenstadt bis zum Neumarkt. Zwischenstationen sind durch bewaffnete Polizisten abgesichert. Zwischendurch israelische Gesänge, keinerlei Demosprüche. Passanten in Eiscafes wirken überrascht, einige verständnislos, einige nehmen kleine israelische Flaggen, schwenken sie. Ein Afrikaner ruft im Vorbeigehen: „Verbrecher seid ihr!“ Zu Störungen kommt es nicht.

Die Sonne scheint weiterhin, als wir am Neumarkt ankommen. Sieben Polizeiwagen auf dem weitgehend leeren Platz. Ansprachen gibt es nicht mehr. Es wird empfohlen, den Platz nicht allein zu verlassen und die Israelfahnen einzupacken.

Links:

In Essen haben einen Tag nach der Kölner pro-Israel-Demonstration eine pro-Israel-Demo sowie eine Palästina/Hamas Demo stattgefunden: Die Ruhrbarone berichten über die Eskalation: Liveticker: Essen, Demonstrationen für und gegen Israel…: http://www.ruhrbarone.de/liveticker-essen-demontrationen-fuer-und-gegen-israel/84091

“Israel-Kritik” revisited: Die Judenhasser lassen die Maske fallen. http://www.publikative.org/2014/07/18/israel-kritik-revisited-die-judenhasser-lassen-die-maske-fallen/

Videoaufnahmen: Gelsenkirchen: Anti-Israel-Demo: https://www.youtube.com/watch?v=AixPXzvRyBI

Antisemitische Volksverhetzung bei Pro-Hamas-Demo in Berlin (17.7.2014): https://www.youtube.com/watch?v=TbYTUUZLGus#t=1m12s

Video von der parallel stattfindenden Essener Linksjugend- und Hamas-Demo. Das Video wurde von einem Linksjugend-Vertreter auf Facebook veröffentlicht und innerhalb eines halben Tages 1000 mal verlinkt – mit brutalsten Kommentaren: https://www.facebook.com/photo.php?v=10152636241928338&fref=nf