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Jubiläum in Thüringen

Am Sonntag, den 01. Juni 2014, fand in dem jetzt zur Gemeinde Grabfeld gehörenden Ortsteil Berkach ein heutzutage sehr seltenes Ereignis statt: gefeiert wurde hier das 160. Jubiläum der Einweihung der Synagoge und der Schule der im 17. Jahrhundert im Ort entstandenen Jüdischen Gemeinde…

Von Israel Schwierz

Zu diesem Festakt hatte die Gemeinde Grabfeld/Thüringen und die Jüdische Landesgemeinde Thüringen zusammen mit der Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Berkach, der Arbeitsgemeinschaft Kirchen und Judentum in Thüringen, Vertretern der beiden christlichen Kirchen, dem Projektbeirat Franko-Judaikum im Grünen Band, der Jüdischen Gemeinde „Temple Israel“ in Orlando/Florida (USA), der Freiwilligen Feuerwehr Berkach und dem örtlichen Seniorenclub eingeladen. Erfreulich ist die Tatsache, dass viele Interessierte nicht nur aus dem Ort Berkach selber, sondern auch aus ganz Deutschland und darüber hinaus sogar aus Übersee der Einladung Folge leisteten.

Das Fest begann mit einem Gottesdienst in der evangelischen Ortskirche, in dessen Verlauf Frau Pastorin Koch und Frau Pröpstin i.R. Marita Krüger über das für eine lange Zeit tolerante Zusammenleben der fränkisch-jüdischen und fränkisch-christlichen Bevölkerung von Berkach, aber auch über die Zerstörung der jüdischen Gemeinde durch die Nationalsozialisten berichteten. Musikalisch umrahmt wurde die Feier durch einige von der Meininger Sopranistin Anna Gann vorgetragenen jüdischen Lieder. Danach berichteten heute noch lebende betagte Zeitzeugen aus Berkach über ihre Erinnerungen an die letzten Jahre jüdischen Lebens im Ort.

Nach einem Imbiss auf dem Gelände vor der Synagoge und ehemaligen Schule wurden die in- und ausländischen Gäste im Berkacher Gemeindehaus vom Ortsteilbürgermeister von Berkach, Herrn Ansorg, dem Bürgermeister der Gemeinde Grabfeld, Herrn Seeber und durch die Geistlichen der beiden christlichen Konfessionen begrüßt. Danach schloss sich die Einweihung des neu gestalteten Rundweges zu den jüdischen Stätten Berkachs – einem in Thüringen einmaligen Ensemble – an. Durchgeführt wurde die äußerst interessante Führung durch die Vertreterin der ev. Gemeinde, die als Fremdenführerin tätige Frau Gundela Bach, den stellvertretenden Vorsitzenden der Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Herrn Meier und den Bauforscher, Herrn Lieberenz. Zunächst besichtigten die Festteilnehmer den „Ankunfstort der jüdischen Gemeinde“ – das ehemalige Rittergut der Freiherren von Stein, wo sich 1626 die erste schriftlich erwähnte jüdische Familie niedergelassen hatte. Danach führte ihr Weg über die Synagoge, die ehemalige jüdische Schule (heute ist hier der Sitz der Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Berkach – GBBB) und die ehemaligen jüdischen Wohnhäuser im Hinterdorf zum vollständig erhaltenen jüdischen Ritualbad (Mikwe). Im Garten der Mikwe führten Schüler der 9. Klasse der Grabfelder Regelschule „Hans Hut“ unter Leitung ihrer Lehrerin Frau Winkel in Zusammenarbeit mit Hartmut Walther, einem Gemeinderatsmitglied von Grabfeld, der für die Jugendarbeit zuständig ist, sehr eindrucksvoll Sketche aus dem christlich-jüdischen Leben ihrer Region vor. Nach der Besichtigung des Ritualbades führte der Rundweg weiter zum jüdischen Friedhof am östlichen Dorfrand – hier war der Zugang zum Friedhof wegen der unmittelbar am Eingang verlaufenden Grenze DDR/BRD und dem Todesstreifen bis zur Wiedervereinigung Deutschlands unmöglich. Auf dem Friedhof wurde aller Toten der jüdischen Gemeinde gedacht – derer, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben und auch derer, die ihr Leben in einem der Vernichtungslager Nazi-Deutschlands ausgehaucht hatten und die daher kein Grab und keinen Grabstein haben. Zunächst trug Chasan (Kantor) Zakharenko sehr einfühlsam das „El male rachamim“ vor, danach sprach Landesrabbiner Konstantin Pal das Kaddisch.

Nach dem Friedhofsbesuch begaben sich die Teilnehmer der Führung wieder zurück zur Synagoge, um hier in einem Festzelt vor dem Gebäude eine Kaffeepause einzulegen und danach die von Herrn Bauhistoriker Torsten Lieberenz aus Weimar an der inneren Rückwand der Synagoge mit großer Professionalität neu geschaffene Dauerausstellung – Informationstafeln, die über die Geschichte der Juden im Grabfeld Zeugnis geben – zu besichtigen. Danach folgte der wohl wichtigste und äußerst eindrucksvolle Teil des Festprogramms: der Festakt in der Synagoge. Begonnen wurde er mit einem einmaligen und sehr bewegenden Ereignis: dem Empfang der historischen Torarolle aus Berkach durch den Landesrabbiner und den Kantor. Diese Torarolle war während der Nazi-Zeit von einem Angehörigen der Jüdischen Gemeinde Berkach, Lothar Goldschmidt, in die USA gerettet worden, wo sie in den späteren Jahren von der jüdischen Gemeinde „Temple Israel“ in Orlando/Florida während der Schabath- und Feiertagesgottesdienste als Sefer Tora genutzt wurde. Der Berliner Unternehmer Rudolf Thomas, Mitglied des Projektbeirats „Ensemble Franco-Judaicum im Grünen Band „ und der „Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Berkach e.V.“,dessen Familie aus Berkach stammt, berichtete den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Orlando, von denen einige Nachkommen von Berkacher Juden sind, über das bevorstehende Jubiläum. Er lud sie ein, zusammen mit der Torarolle daran teilzunehmen. Und so machte sich eine Delegation der Gemeinde „Temple Israel“ unter Leitung von Harry Rein auf den Weg von Orlando nach Berkach, nicht jedoch ohne vorher die Torarolle einer gründlichen Restaurierung unterzogen zu haben.

Jubiläum in Berkach

Bis zur Einganstür der Synagoge trug der Delegationsleiter aus Orlando, Herr Harry Rein, die Torarolle, dort übergab er sie dem Landesrabbiner, der sie bis zum portablen Toraschrein vor dem früheren Ahron Hakodesch trug. Hier wurde sie – sozusagen an ihrer früheren Einsatzstätte – zuerst entkleidet und dann entrollt und allen Anwesenden in einer Art Hagbaha – gezeigt. Danach   wurde sie wieder angekleidet. Nach dem vom Kantor sehr einfühlsam gesungenen „Uwnucho iomar…“ – dem Lied, das beim Einheben der Torarolle in die heilige Lade gesungen wird – wurde sie wieder in den heutigen Toraschrein gestellt. Das Zeigen der aus der Synagoge Berkach stammenden Torarolle ließ wohl keinen der anwesenden Festtagsteilnehmer kalt – es berührte jeden sehr.

Im Anschluss an den Empfang der Torarolle begrüßte der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt, Herr Prof. Dr. Ing. habil. Reinhard Schramm zunächst alle Anwesenden sehr herzlich. Sein besonderer Gruß galt dem Delegationsleiter der jüdischen Gemeinde „Temple Israel“ aus Orlando/Florida, Herrn Harry Rein, der seinerseits auch eine kurze Ansprache hielt. Es folgten danach Grußworte des Justizministers des Freistaates Thüringen , Herrn Poppenhäger, des Landrates des Landkreises Schmalkalden-Meiningen, Herrn Heimrich und des Vorsitzenden der Thüringer Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum, Herrn Pfarrer Münnich. Danach erfolgte ein sehr interessanter, spannend vorgetragener kurzer Exkurs zum jüdischen Leben im Grabfeld durch den Leiter der Thüringer Staatsarchivs Meiningen, Archivdirektor Dr. Johannes Mötsch. Ein kurzer Exkurs zur Wiederbelebung des jüdischen Erbes von Berkach durch das Projekt „Franco-Judaicum im Grünen Band“, vorgetragen vom Vorsitzenden der Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Berkach, Herrn Khalsa Singh und seinem Stellvertreter, Herrn Meier, sowie eine tänzerische Einlage mit chassidischen Weisen rundete den Festakt in der   Synagoge harmonisch ab.

Den Initiatoren des Festprogramms – allen voran Herrn Khalsa Singh und seinen zahlreichen Helfern, aber auch allen, die die Aktion durch ihre Kooperation oder als Sponsoren unterstützten – ist es in der Tat gelungen, ein beispielloses Ereignis stattfinden zu lassen. Allen, die sich eingebracht haben, gebührt Anerkennung und Dank jener Menschen, denen der ehrliche   Umgang mit der Geschichte ihrer Heimat ein Herzensanliegen ist. Es ist aber auch zu hoffen, dass durch diesen Festakt und durch die in seinem Verlauf neu geknüpften Kontakte der Weg zu einem noch besseren christlich-jüdischen Miteinander in der Region und darüber hinaus auch in ganz Deutschland geebnet werden möge.

„JUDEN ALS NACHBARN IN SÜDTHÜRINGEN“ – GEDENKSCHRIFT ZUM 160. JUBILÄUM DER EINWEIHUNG VON SYNAGOGE UND JÜDISCHER SCHULE ZU BERKACH IM GRABFELD AM SONNTAG, DEM 1. JUNI 2014 (YOM RISHON 3.SIVAN 5774)

Berkach - JUDEN ALS NACHBARN IN SÜDTHÜRINGENZum Jubiläum erschien eine Festschrift, herausgegeben vom Projektbeirat des Ensembles Franco-Judaicum im Grünen Band und dem Vorstand der Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Berkach (GBBB) e.V.

Nach einem Vorwort von Herrn Gursangat Singh Khalsa, dem Vorsitzenden der Grabfelder Bildungs- und Begegnungsstätte Berkach e.V. und Mitglied des Projektbeirats Ensemble Franco-Judaicum im Grünen Band , einem Geleitwort des Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Herrn Prof. Dr. Ing. habil. Reinhard Schramm und einem Grußwort des Bürgermeisters der Gemeinde Grabfeld, Herrn Christian Seeber berichtet der Leiter des Staatsarchivs Meiningen, Archivdirektor Dr. Johannes Mötsch in den ersten beiden Kapiteln der Dokumentation sehr einprägsam über die Juden in den Dörfern des Grabfelds und über die Geschichte der Bauerbacher Juden. Der nachfolgende Abschnitt enthält Bemerkungen der Bauerbacher Ortschronistin Sonja Lüdicke, während das nächste Kapitel, konzipiert von Gundela Bach und Otto Neubert, die Juden in Berkach sehr eindrucksvoll beschreibt. Während die nächste Arbeit von Torsten Lieberenz sich intensiv in Wort und Bild mit der Geschichte Berkachs und seiner jüdischen Gemeinde“ auseinandersetzt schildert Hartwig Floßmann im darauffolgenden Kapitel die Schicksale jüdischer Bürger Bibras. Es folgen zwei Vorträge von Margot Natowitz geb. Höxter, aus Bibra stammend, in englischer Sprache: einer, zum 9. November und ein weiterer anlässlich eines Gedenkens an die Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten – beide gehalten in den USA. „Episoden, die von den Vorfahren überliefert wurden“ heißt das nachfolgende Kapitel von Gudrun Zöller, an das sich zwei Abschnitte über die Juden in Waltershausen/Unterfranken, bearbeitet von Eberhard Wüstling, anschließen: „Die Annahme fester Familiennamen durch die Walterhäuser Juden“ und „Einstige jüdische Häuser in Walterhausen“. Im letzten Teil der Gedenkschrift mit der Überschrift “ Auch sie waren Themarer“ bringt Sharon Meen, PhD, dem Leser in Wort und Bild viel Wissenswertes über die Jüdische Gemeinde Themar von ihrer Entstehung bis zum Gedenken an sie in der Gegenwart nahe. Eine Literaturauswahl und eine Übersicht über die einstigen jüdischen Gemeinden des Grabfeldes runden diese sehr interessante und schön illustrierte, mit viel Liebe konzipierte Dokumentation harmonisch ab.

Den Herausgebern der Festschrift und den Autoren aller Beiträge ist es in der Tat gelungen, den ausgelöschten Jüdischen Gemeinden und ihren Mitgliedern ein bleibendes Denkmal zu schaffen. Dafür gebührt ihnen der Dank und die Anerkennung aller, denen das Bewahren auch des jüdischen Anteils der Geschichte ihrer Heimat ein Herzensanliegen ist.

Die Dokumentation ist zum Preis von EUR 7,50 plus Porto erhältlich bei Khalsa Singh, Mühlfelder Straße 6, 98631 Grabfeld (OT Berkach), Email: khalsasingh08(at)gmx.de