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Homophobe Demonstration in Stuttgart gestoppt

Im Fahrwasser einer homophob motivierten Online-Petition versuchten vor zwei Wochen in Stuttgart die GegnerInnen der Verankerung der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ ihren Protest in Form einer Demonstration auf die Straße zu tragen. GegendemonstrantInnen sorgten dafür, dass diese Demonstration nach der Hälfte der geplanten Strecke abgebrochen werden musste…

Lucius Teidelbaum

Die Organisatoren der Demonstration „Gegen die Indoktrination unserer Kinder – Stoppt den Bildungsplan 2015“ am 1. Februar 2014 in Stuttgart bezeichneten sich selbst als eine Initiative „Besorgte Eltern Baden-Württemberg“. Genauso wie die Organisatoren einer ähnlichen Demonstration zwei Wochen zuvor in Köln sich als „Besorgte Eltern NRW“ bezeichneten.

In dem Aufruf zur Demonstration in Stuttgart heißt es: Wir empfinden es als eine massive Zwangsindoktrination, wenn den Kindern bereits in der Grundschule ‚die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen‘ nahegelegt werden.

Hier offenbart sich, wie durch die Wörter „Zwangsindoktrination“ und „nahegelegt“ suggeriert wird, bereits im Aufruf-Text ein Missverstehen sexueller Identitäten als eine Art an- und ablegbare ‚Lebensform‘. Dass Verständnis nicht-heterosexueller Identitäten als eine Art Mode-Erscheinung oder gar „psychische Störung“, wie es in Stuttgart auch von einer Person am Mikrofon bezeichnet wurde, ist eine Herabsetzung und Diskriminierung. Ein weiteres Missverständnis war die Verwechselung von sexueller Identität und Sexualpraktiken. So warnten z.B. TeilnehmerInnen auf einem Transparent „Kein Pornounterricht für Kinder!!!“. Weiter hieß es auf Schildern und Transparenten „Nein zur Zwangsindoktrination!“, Finger weg von unseren Kindern“, „Keine Regenbogen-Ideologie“, „Sexualerziehung ist Elternsache“ oder „Keine gezielte Manipulation der Jugend!“.

Unter diesen Parolen versammelten sich 5-700 BildungsplangegnerInnen. Darunter waren auch bekannte Gesichter von Rechtsaußen wie Rodolfo E. Panetta aus Horb. Panetta sitzt für die extrem rechten Republikaner im Kreistag des Landkreises Freudenstadt und ist Stadtrat in Horb. Bei der kommenden Europawahl im Mai besetzt er für seine Partei einen der vorderen Listen-Plätze. Am Samstag in Stuttgart trug Panetta ein Schild mit der Aufschrift „christliches Land => christliche Werte“.

Homophobe.Demo.Stuttgart.01.02.14.Schild.christliches.Land

Nach drei Redebeiträgen am Sammelpunkt der Demonstration in einer Ecke des Schlossplatz startete die Demonstration. Schnell eilten einige GegendemonstrantInnen an die Spitze des Marsches und begannen diesen zu blockieren. Es kam zu Rangeleien, als Demonstrations-TeilnehmerInnen versuchten sich mit Gewalt Durchgang durch die friedliche Blockade zu verschaffen. Nach ein paar Minuten stellte sich die Polizei zwischen die beiden Parteien. Während die DemonstrantInnen „Schützt unsere Kinder!“ skandierten, konterten die GegendemonstrantInnen mit „Vor euch selbst!“.

Homophobe Demonstration in Stuttgart

Immer mehr Menschen stellten sich der homophoben Demonstration entgegen. Die Presse sprach von insgesamt 4-500 GegendemonstrantInnen. Viele der BlockiererInnen kamen vom nahen Schillerplatz, wo unter dem Motto „Homophobie und Menschenfeindlichkeit entgegentreten!“ eine Gegenkundgebung stattfand, an der über 1.000 Menschen teilnahmen. Eine Gruppe in der Gegenblockade führte ein großes Transparent mit der Aufschrift „Sexismus und Homophobie sind Verbrechen“ mit sich, eine andere Gruppe ein Transparent „Gegen Sexismus, Homophobie und Antisemitismus“, dazu die Hauptfigur aus Marjam Satrapis berühmten Comic „Persepolis“.

Zwar rückte die Demonstration mit Hilfe von der Polizei noch ein wenig vor, aber in einer Anlieger-Straße zum Schlossplatz war endgültig Schluss. Die sichtlich überforderte Polizei versuchte erst gar nicht eine erneute Blockade zu räumen.

Eine der Parolen der TeilnehmerInnen der offenen Artikulation von Homophobie am Samstag in Stuttgart lautete: „Wir sind die Mehrheit!“

Dabei ist in Wahrheit die Mehrheit der Bevölkerung von Baden-Württemberg fortschrittlicher als die DemonstrantInnen. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage befürworten 60 Prozent der Baden-Württemberger einen Bildungsplan für die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“, 35 Prozent lehnen ihn ab.

Einem vollkommenen Nicht-Thematisieren homosexuellen Begehrens im Unterricht würde übrigens auch ein Abschnitt aus dem berühmten Tagebuch der Anne Frank zum Opfer fallen: Ich fragte sie, ob wir als Beweis unserer Freundschaft uns gegenseitig die Brüste befühlen sollten. Jacque lehnte das ab. Ich hatte auch ein schreckliches Bedürfnis, sie zu küssen, und habe das auch getan. Ich gerate jedes Mal in Ekstase, wenn ich eine nackte Frauengestalt sehe, zum Beispiel in dem Buch über Kunstgeschichte eine Venus. Manchmal finde ich das so wunderbar und schön, dass ich mich halten muss, dass ich die Tränen nicht laufen lasse.

Hätte ich nur eine Freundin!

(Donnerstag, 6. Januar 1944)