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Eine jüdische Stadt in Wetzlar

Kaserne als Wartesaal für über 4.000 Überlebende der Shoa – Auch in der Stadt gründete sich eine kleine jüdische Nachkriegsgemeinde…

Von Jim G. Tobias

Im September 1946 hatte die amerikanische Militärregierung in einer ehemaligen Wehrmachtskaserne am Rande von Wetzlar ein Lager für jüdische Displaced Persons (DP), also entwurzelte und verschleppte Menschen, eingerichtet. Überall in Hessen waren zu dieser Zeit solche Unterkünfte für Juden zu finden, wie etwa in Kassel, Dieburg, Frankfurt oder Eschwege. Zwischen 1945 und 1950 befanden sich bis zu 200.000 Überlebende der Shoa in Deutschland. Die westlichen Alliierten – insbesondere die US-Militärregierung – gewährte den Menschen weitreichende Selbstbestimmungsrechte. Die zumeist aus Osteuropa stammenden DPs betrachteten ihren Aufenthalt im Land der Täter jedoch nur als zeitweilig; sehnsüchtig warteten sie auf eine Möglichkeit zur Auswanderung nach Israel oder Übersee.

Dass auch in Wetzlar Überlebende des Holocaust, zumeist aus Polen, für rund drei Jahre gelebt haben, ist im öffentlichen Gedächtnis kaum verankert. In den einschlägigen Publikationen zur Stadtgeschichte wird die Anwesenheit von jüdischen DPs entweder nur mit einigen dürren Sätzen erwähnt oder auf den angeblich von Juden kontrollierten „schwunghaften Schwarzhandel“ reduziert. Dank umfangreicher Dokumente in amerikanischen und israelischen Archiven ist es jedoch möglich, das verdrängte Kapitel der jüngsten Stadtgeschichte zu erzählen.

Vergeblich sucht man jedoch nach Anknüpfungspunkten zur deutsch-jüdischen Vorkriegsgemeinde Wetzlars; diese wurde während des Nationalsozialismus ausgelöscht. Dennoch hatten sich bereits im Herbst 1945 etwa 20 Juden in der Stadt niedergelassen und eine jüdische Gemeinschaft gegründet. Zunächst waren diese Menschen in den Gebäuden des Ruderklubs in der Inselstraße untergebracht. Später eröffneten sie ein Gemeindebüro und -zentrum in einem Haus in der Nauborner Straße 51-53. Die amerikanische Militärregierung ließ für die Juden außerdem die geschändete Wetzlarer Synagoge in der Pfannenstielgasse wieder herrichten, sodass dort schon bald Gottesdienste stattfinden konnten. Bei den Gemeindemitgliedern handelte es sich zumeist um befreite Häftlinge aus den Konzentrations- oder Arbeitslagern, die, wie die überwiegende Mehrheit der später in der Wetzlarer Kaserne untergebrachten Juden, aus Osteuropa stammten. Letztere waren vor antisemitischen Übergriffen in ihren Heimatländern in das besetzte Deutschland geflüchtet.

Noch bevor der Krieg in Mitteleuropa zu Ende gegangen war, kam es in Osteuropa zu Gewalttaten gegen die wenigen jüdischen Überlebenden, die, insbesondere nach dem Pogrom von Kielce, eine Massenflucht in Richtung Westen auslösten. Im Sommer 1946 lebten rund 100.000 jüdische Flüchtlinge in Westdeutschland. Die bestehenden Unterkünfte reichten nicht mehr aus. Deshalb entschied die US-Verwaltung, überfüllte Notunterkünfte in Cham und Berlin zu entlasten und Ende September 1946 rund 4.000 Juden nach Wetzlar in die Kaserne in der Silhöfer Au zu verlegen.

Klasse der jüdischen Grundschule im DP Camp Wetzlar, Foto: US National Archives and Records Administration (Public Domain)
Klasse der jüdischen Grundschule im DP Camp Wetzlar, Foto: US National Archives and Records Administration (Public Domain)

Schnell richteten sich die Menschen in ihrem neuen Heim ein: Sie wählten eine Selbstverwaltung und diese begann mit der Organisation des Lagerlebens. Da etwa 1.000 Kinder und Jugendliche unter den Bewohnern waren, stand der Aufbau von Bildungseinrichtungen an erster Stelle: An der Volksschule unterrichteten 23 Lehrer die rund 450 schulpflichtigen Jungen und Mädchen; 120 Kinder unter sechs Jahren besuchten den Kindergarten. In den lagereigenen Werkstätten konnten die Älteren eine berufliche Ausbildung absolvieren, wie etwa zum Elektriker, Tischler, Weber oder Damenschneider. Auch für die religiösen Bedürfnisse wurde gesorgt: 80 Jungen lernten an der Talmud-Thora Schule die Grundlagen des Judentums. In der Freizeit versorgten sich die Bewohner der ehemaligen Wehrmachtskaserne in der eigenen Leihbücherei mit Literatur. Im angeschlossenen Lesesaal lag die jiddische Presse aus, wie etwa die Zeitung „Undzer Hofenung“, aus dem jüdischen Lager in Eschwege oder das überregionale Blatt „Unterwegs“, das in Frankfurt-Zeilsheim verlegt wurde. Wer Lust auf Spiel und Bewegung hatte, konnte das in verschiedenen Sportklubs tun. Neben Boxen und Leichtathletik wurde natürlich Fußball gespielt. Während die Elf von Makabi Wetzlar in der Regional-Liga Frankfurt um den Aufstieg in die erste jüdische Liga spielte, kämpfte Bar Kochba Wetzlar bereits in der 1. Division um den Meistertitel in der US-Zone. Doch dazu reichte es nicht. Nach Abschluss der Saison 1947 belegte das Team den 8. Tabellenplatz in der zehn Mannschaften umfassenden Nordgruppe der 1. Fußball-Liga. Meister wurde die Elf aus dem Lager Frankfurt, Hasmonea Zeilsheim, die später im Endspiel gegen den Sieger der Südgruppe, Ichud Landsberg, vor 5.000 Zuschauer im Münchner Stadion an der Grünwalder Straße mit 0:3 verlor.

Die Camp-Synagoge in Wetzlar, Foto: US National Archives and Records Administration (Public Domain)
Die Camp-Synagoge in Wetzlar, Foto: US National Archives and Records Administration (Public Domain)

Für die Sicherheit des Lagers war die jüdische Polizei zuständig, deutsche Sicherheitskräfte durften die Kaserne nicht betreten. Zu den routinemäßigen Aufgaben der Lager-Polizei gehörten die Kontrollen am Eingangstor, die Bewachung der Wohnhäuser sowie der Lebensmittel- und Materialdepots. Nicht ohne Grund fürchteten die überlebenden Juden Ausbrüche des bei den Deutschen tief verwurzelten Antisemitismus. Doch nicht nur die eigene Polizei sorgte für Schutz und Sicherheit. Dass in Wetzlar offensichtlich alles ruhig blieb, war hauptsächlich den amerikanischen Besatzungstruppen zu verdanken, die auch dafür sorgten, dass die jüdischen Polizisten eine entsprechende Ausbildung an Schulen der US-Armee in Stuttgart und Regensburg erhielten.

Ab 1946 begann aber auch die jüdische Wehrorganisation Hagana mit der Ausbildung von Sicherheitskräften. Diese Untergrundarmee war bereits in den 1920er Jahren als eine Art Bürgermiliz der jüdischen Bevölkerung in Palästina entstanden. Aus den in Deutschland angebotenen, anfänglich eher theoretisch und ideologisch geprägten Selbstverteidigungskursen entwickelte sich ein umfangreiches militärisches Trainingsprogramm, da absehbar war, dass die Gründung des jüdischen Staates in Palästina nicht ohne kriegerische Intervention der arabischen Nachbarn vonstattengehen würde. Um den Traum von Israel Wirklichkeit werden zu lassen, benötigte man Soldaten für den Unabhängigkeitskrieg. Dementsprechend richtete die Hagana im besetzten Deutschland zunächst zwei geheime Schulen für die Ausbildung von Offizieren ein. Nachdem einige hundert Führungskräfte zur Verfügung standen, wurde ab Ende 1947 mit der Mobilmachung begonnen: „Ich möchte, dass sich die Juden in den Lagern melden. Sie sind praktisch Bürger Israels“, appellierte Nachum Schadmi, Hagana-Kommandeur in Europa, an die Bewohner der Displaced Persons Camps. Wie überall in der US-Besatzungszone entstand nun auch in Wetzlar ein geheimes Rekrutierungsbüro. Alle jungen Männer im Alter zwischen 18 und 35 waren aufgerufen, zur Musterung zu erscheinen. Wer sich der Verpflichtung entzog, musste mit sozialer und moralischer Ächtung rechnen. Im Camp Wetzlar existierte zum Beispiel eine Tafel, auf der die Wehrdienstverweigerer namentlich an den Pranger gestellt wurden. Gleichwohl handelte es sich bei diesem Personenkreis um eine kleine Minderheit, denn an der Gründung und Verteidigung des jüdischen Staates teilzuhaben, empfanden viele Überlebende der Shoa als besondere Ehre.

Die „Schandtafel“ im DP Lager Wetzlar: In jiddischer Sprache wurden die Wehrdienstverweigerer öffentlich als „Verräter des jüdischen Volkes“ gebrandmarkt und die Lagerbevölkerung aufgerufen, sich von ihnen fernzuhalten. Foto: Yad Vashem Archive
Die „Schandtafel“ im DP Lager Wetzlar: In jiddischer Sprache wurden die Wehrdienstverweigerer öffentlich als „Verräter des jüdischen Volkes“ gebrandmarkt und die Lagerbevölkerung aufgerufen, sich von ihnen fernzuhalten. Foto: Yad Vashem Archive

Nach einer kurzen Ausbildung wurden die Rekruten in Richtung Südfrankreich abkommandiert, wo sie ungeduldig auf ihre Überfahrt nach Israel warteten. Seit der Proklamation des jüdischen Staates am 14. Mai 1948 mussten sich die Juden gegen den Angriff von fünf arabischen Armeen zur Wehr setzen, die sich die Vernichtung Israels zum Ziel gesetzt hatten. Insgesamt kämpften über 20.000 Holocaust-Überlebende aus den DP-Camps im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Darunter auch einige aus Wetzlar.

Die letzten Juden verließen die Kaserne in der Silhöfer Au im Frühjahr 1949. Auch die jüdische Nachkriegsgemeinde Wetzlar löste sich Anfang der 1950er Jahre auf. Im Februar 1951 zählte die Gemeinschaft nur noch acht Mitglieder.

Weitere Informationen über die jüdischen DP Gemeinden, Lager und Kibbuzim in der US Zone finden Sie im Internetlexikon:
http://www.after-the-shoah.org