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Dresden 5774 / Normal jüdisch?

Jüdische Identitäten in Europa heute: Vier Dresdnerinnen und Dresdner, geboren in der ehemaligen Sowjetunion, erzählen ihre Geschichte. Gezeichnet von der Berliner Comiczeichnerin Elke R. Steiner…

Elke Steiner: Dresden 5774 / Normal jüdisch?

14. Januar – 23. März 2014
Eröffnung: 12. Januar, 17 Uhr

Im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Hasenberg 1
Öffnungszeiten: Sonntag – Donnerstag 12-18 Uhr

Mit Dresden 5774 eröffnet in der Jüdischen Gemeinde eine Ausstellung von Comicerzählungen der Berliner Comiczeichnerin Elke R. Steiner, die eigens für Vot ken you mach? entstanden sind. Vier Dresdnerinnen und Dresdner, geboren in der ehemaligen Sowjetunion, erzählen ihre Geschichte. Die Comicstrips lassen die unterschiedlichen Persönlichkeiten verschiedener Generationen anschaulich werden, in denen jenseits der Frage nach dem Jüdischsein eine ganze Reihe anderer Faktoren eine Rolle spielen, die Forschungsgebiete einer Sprachwissenschaftlerin, der Umgang mit Lampenfieber einer Musikerin und andere alltägliche Beobachtungen des Lebens in Dresden.

Zur Eröffnung findet eine Lesung und Diskussion zum Thema „Normal jüdisch?“ mit der Autorin Viola Roggenkamp und der von Elke R. Steiner porträtierten Sprachwissenschaftlerin Dr. des. Galina Putjata, moderiert durch Valentina Marcenaro (Jüdische Gemeinde zu Dresden) statt. Die Hamburger Autorin Viola Roggenkamp liest aus ihrem 2009 erschienenen Roman Die Frau im Turm, in welchem sie das Verbannungsschicksal der berühmten Gräfin Cosel mit der Lebensgeschichte einer jungen jüdischen Frau auf der Suche nach ihrem Vater in der Nachwendezeit in Dresden und Berlin verwebt. Mit dem jüdischen Vater und deutschen Kommunisten in der DDR, den die Tochter im Verlauf des Romans findet, und der als Concierge im Taschenbergpalais arbeitet, gewinnt der der Roman eine weitere Facette der Widersprüchlichkeiten des Lebens und den Verstrickungen der deutsch-deutsch-jüdischen wie auch israelischen Geschichte (Die Frau im Turm, Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009). Viola Roggenkamp, geboren 1948, legte mehrere wichtige Romane zu jüdischer Identität in Deutschland vor, unter anderem Familienleben. Ein Roman (2004), Tochter und Vater (2011) und Erika Mann. Eine jüdische Tochter (2005).

Normal Jüdisch ? – kann es das in Deutschland überhaupt geben? Auch in der dritten Generation nach der Schoah sind in Deutschland die Muster der Verarbeitung zwischen Befangenheit, Kompensation und Trauma präsent – und dennoch gibt es auch einen ganz ’normalen‘ Alltag, ein Familienleben. Zugleich gibt es eine Vielzahl an individuellen Auffassungen und Lebensweisen des Jüdischseins. Wie ist man in welcher Situation ‚jüdisch?‘, kann und möchte jede/ r einzelne die jüdische Identität überhaupt thematisieren? Wie reagieren Menschen im gesellschaftlichen Umfeld darauf, wenn sie erfahren, dass jemand jüdisch ist? Im Gespräch kommen mit Viola Roggenkamp, als Vertreterin der zweiten Generation jüdischer Identität in Deutschland und Galina Putjata wie auch Valentina Marcenaro Vertreterinnen der dritten Generation zusammen, die jeweils ihre eigene Familiengeschichten und Herkünfte mitbringen. Das Gespräch wurde angeregt von Valentina Marcenaro als Mitinitiatorin des Projektes Vot ken you mach?, um unterschiedliche Erfahrungen, Sehnsucht nach Normalität und zugleich einer lebendigen Identitätsform des Jüdischseins jenseits von Gedenkdiskursen Ausdruck zu verleihen.

Im Anschluss an das Gespräch wird der Film Jew.De.Ru. (Dokumentarfilm, Regie: Tanja Grinberg, D 2010, 51 min) gezeigt. Mit dem Wort Jude assoziieren Deutsche meist nur Hitler und Holocaust. Die Zahl der in Deutschland lebenden Juden geht bei Nachfragen immer in die Millionen. Was ein Kontingentflüchtling ist, weiß niemand. Tanja Grinbergs hochinformativer Dokumentarfilm über Ilia, Swetlana und Lena, die als Kinder und Jugendliche aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland beschreibt drei Lebensgeschichten und drei jüdische Identitätsauffassungen, die in der zweiten Heimat möglich wurden. Die Generation ihrer Eltern dagegen, fremdelt mit Deutschland bis heute. Nicht umsonst hat die junge Filmemacherin ihr Werk ihren Eltern gewidmet: „die ihre Welt aufgaben, um mir eine bessere zu schenken“.

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