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1000 Jahre jüdisches Bamberg

Eine Ausstellung macht die Geschichte einer Minderheit sichtbar…

Von Jim G. Tobias

Das historisch bedeutsame Bamberg, mit seinem weltbekannten Dom, blickt auf eine Kultur und Tradition zurück, die den Vergleich mit europäischen Metropolen nicht zu scheuen braucht. Mit der Gründung des Bistums im Jahre 1007 begann die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Stadt. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch bald Juden innerhalb der Mauern niederließen. Erste gesicherte Zeugnisse über eine jüdische Gemeinde gehen auf das 11. Jahrhundert zurück. Gestaltete sich das Zusammenleben zwischen der christlichen Mehrheitsgesellschaft und der jüdischen Minderheit lange Zeit als weitgehend friedlich, kam es aber auch in Bamberg, etwa im 13. und 14. Jahrhundert zu gewaltsamen Übergriffen. Dennoch lebten und leben Juden – bis auf kurze Zeiträume – über die Jahrhunderte in der Bischofstadt und hinterließen entsprechende Spuren. Gleichwohl vernichteten die wiederholten Gewalttaten und insbesondere der nationalsozialistische Terror viele historische Zeugnisse.

Für die Ausstellung „Jüdisches in Bamberg“ haben die Mitarbeiter des Stadtmuseums in mühsamer jahrelanger Arbeit historische Quellen ausgewertet, Objekte aufgespürt und Zeitzeugenaussagen zusammengetragen.

Präsentiert werden die Ergebnisse der Spurensuchen in der 1884 erbauten Villa der jüdischen Hopfenhändlerfamilie Dessauer. Nach dem Krieg hatte die Stadt Bamberg das Gebäude gekauft und nutzt es seit 1987 als „Stadtgalerie Bamberg“ für Exhibitionen und andere kulturelle Veranstaltungen. Einen besseren authentischen Ort hätten die Ausstellungsmacher nicht wählen können.

Siegel der Vertretung der Juden im Hochstift Bamberg, © Historischer Verein Bamberg
Siegel der Vertretung der Juden im Hochstift Bamberg, © Historischer Verein Bamberg

Auf zwei Etagen zeigt die Schau beispielsweise Objekte wie das Siegel der Judendeputierten aus dem 18. Jahrhundert, die Fensterrosette der Bamberger Synagoge von 1853, einen Sederteller von 1774 sowie zwei Repliken der Statuen Ecclesia und Synagoge, die für Judentum und Christentum stehen. Die Originale befinden sich seit Anfang des 13. Jahrhunderts am Bamberger Dom und stehen einerseits für die triumphale Heilsgewissheit des Christentums und andererseits für die „blinden“ ungläubigen Juden. Mit diesen dreidimensionalen Stücken, aber auch Rekonstruktionen und zahlreichen Bildern soll die verloren gegangene vielfältige jüdische Lebenswelt veranschaulicht werden. Daneben wird anhand von Ritualien und Sakralgegenständen in die Religion eingeführt. Über den historischen Ausstellungsteil hinaus nimmt die Geschichte des jüdischen Lebens in Bamberg in den letzten hundert Jahren breiten Raum ein. Dabei wird werden nicht nur die Shoa, sondern auch die Entwicklung nach 1945 ausführlich thematisiert. Kurz nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus lebten wieder bis zu 2.000 Juden in der Stadt. Anknüpfungspunkte zur Vorkriegsgemeinde sucht man allerdings vergeblich. Nur eine Handvoll einheimischer Juden hatte den Tag ihrer Befreiung erlebt. Die überwiegende Mehrheit der in Bamberg Gestrandeten stammte aus Osteuropa, sogenannte Displaced Persons (DPs), die auf ihre Ausreise nach Erez Israel oder Übersee warteten.

Ein jüdischer Bankier stiftete 1915 diesen am Bamberger Marktplatz aufgestellten hölzernen Stadtritter. Gegen eine Spende für die Kriegskasse durfte man Nägel in die Statue einschlagen. © Jim G. Tobias
Ein jüdischer Bankier stiftete 1915 diesen am Bamberger Marktplatz aufgestellten hölzernen Stadtritter. Gegen eine Spende für die Kriegskasse durfte man Nägel in die Statue einschlagen. © Jim G. Tobias

Mit der Emigration der osteuropäischen Juden drohte die jüdische Gemeinde in Bamberg auszusterben, da sie nur wenige Rückkehrer und einige in der Stadt verbliebene DPs zu ihren Mitgliedern zählte. Erst mit dem Niedergang der Sowjetunion und der Zuwanderung der „jüdischen Kontingentflüchtlinge“ nach 1990 wuchs die Gemeinde wieder und zählt heute 900 Personen. Bamberg ist mit Dr. Antje Yael Deusel eine der wenigen deutsch-jüdischen Gemeinden mit einem weiblichen Rabbiner und Mohel.

Abgerundet wird „Jüdisches in Bamberg“ durch medial aufbereitete Zeitzeugenberichte, in denen die Lebenswege von Juden die vor den Nationalsozialisten ins Ausland flüchteten nachgezeichnet werden. Die Schau hat den Anspruch „deutsch-jüdisches Leben als Teil der Stadtgeschichte“ zu dokumentieren, denn die Geschichte der Juden in Bamberg ist, so Kurator Dr. Timo Saalmann, „historisch und gesellschaftlich von großer Bedeutung“.

Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter und farbiger Katalog mit 21 Essays zur 1000-jährigen jüdischen Geschichte erschienen.

Regina Hanemann, Jüdisches in Bamberg, Michael Imhof Verlag, 324 Seiten, 19,95 €,  Bestellen?