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Deggendorfs „Heldenhain“

85 Jahre pflegte Deggendorf seinen „Heldenhain“, seit 1985 alljährlich gedachten Oberbürgermeister und Stadträte, Veteranen, Bundeswehrsoldaten und Pfarrer der katholischen und der evangelischen Kirche in dem Hain an exponierter Stelle der Stadt der Gefallenen beider Weltkriege…

Von S. Michael Westerholz

In Touristikwerbungen der Stadt, auf Wikipedia und im RegioWiki wurde der „Heldenhain“ teils ausführlich beschrieben. Doch nach einem Kommentar eines Anonymus zu einem haGalil-Bericht wollte vor wenigen Wochen niemand mehr von den „Helden“ reden. Jetzt benannte Oberbürgermeister Dr. Christian Moser (CSU) den Wald am Geiersberg in „Gefallenenhain“ um. Die Kriegerehrungen sollen zu Friedensfeiern umgedeutet werden. Weitere Veränderungen sind nicht ausgeschlossen.

Am 22. April 2013 hatte haGalil den Beitrag: „Auszeichnung für standhafte Wirte“ über Regensburger veröffentlicht, die in ihren Lokalen bekannte und erkennbare Neonazis nicht mehr bedienen. Am 9. Mai 2013 kommentierte ein anonymer @kritisch, Deggendorf habe in der Abwehr von Neonazis und anderen reaktionären, extremistischen Staatsfeinden allen Grund, sich darüber Gedanken zu machen, dass in der Stadt immer noch ein „Heldenhain‘“ gepflegt werde, in dem es jedes Jahr eine Gefallenen-Gedenkfeier gebe. Schlimm sei, dass der „Hain“ mit Namenstafeln von gefallenen Soldaten beider Weltkriege gespickt sei, worunter sich auch die Tafel des SS-Mannes Robert K. befinde. Weiters gebe es vier Tafeln für SS-Leute, auf denen man die SS-Mitgliedschaft der darauf genannten Kriegstoten verschwiegen habe.

Kaum hatte sich der Kommentar in der Stadt herumgesprochen, wollte niemand mehr mit diesem „Hain“ zu tun haben. Oberbürgermeister Dr. Moser las den haGalil-Beitrag und handelte: Unverzüglich wurde der neue Name „Gefallenenhain“ in die Einladung zur Gedenkfeier 2013 geschrieben. Mitte Juni fanden sich die üblichen Teilnehmer an der heurigen Gedenkfeier dort ein. Karl Kahles vom Bayerischen Soldaten-Bund (BSB) äußerte das offenbar allgemeine Unbehagen an der überkommenen Art solcher Feiern: „Aus Feinden von damals sind vielfach Freunde geworden.“ Folglich sollten solche Veranstaltungen Friedensfeiern sein und so propagiert werden. Kahles hatte in Eger im benachbarten Tschechien ein Schlüsselerlebnis gehabt, das ihn sehr berührte und umtreibt. Als nämlich dort ein deutscher Soldatenfriedhof eingeweiht wurde, sprach der Egerer Bürgermeister die deutschen Gäste als Freunde an und erinnerte an das Unrecht der Vertreibung der Deutschen aus dem Land, welches die Deutschen seit 1938 besetzt und terrorisiert hatten. Kahles: „Mich hat das bewegt, und mir ist klargeworden, dass wir aus den alten `Heldenhainen´ lieber Friedensorte machen sollten, Plätze, an denen wir unseren Friedenswillen öffentlich und glaubwürdig verdeutlichen.“

„So, wie es da angesprochen wurde, konnte ich die Überlegungen bejahen“, sagt auch Pfarrer Gottfried Rösch, der bei der heurigen Feier anwesend war, in den Vorjahren „aber doch auch manchmal Unbehagen spürte.“ Pfarrer Rösch ist kein Reaktionär und kein Opportunist. Vielmehr gehört er einer Arbeitsgemeinschaft „Bunter Landkreis Deggendorf“ an, die sich seit Jahren gegen Extremisten stellt und den Neonazis in und um Deggendorf seine und seiner Freunde Botschaft vom Miteinander in gegenseitiger Achtung und Toleranz unmissverständlich ins Gesicht sagt. Menschen aus allen demokratischen Politik- , Wirtschafts- und Gesellschaftskreisen haben sich dem Bündnis des Geistlichen angeschlossen, die Aktionen finden stetig mehr Zulauf. Auch ihm wäre die weitere Umbenennung des „Hains“ in Friedenswald oder ähnlich lieb.

Gut möglich, dass künftige Gedenkfeiern in dem Waldstück am Deggendorfer Geiersberg weniger martialisch ablaufen: Ohne Böllerschüsse wie bisher, ohne laute Kommandos beim Aufzug von Bundeswehrsoldaten, liebend gerne aber mit musikalischer Begleitung von Bundeswehrmusikanten.

Ein Frage allerdings blieb in all den plötzlichen Diskussionen unbeantwortet, weil @kritisch anynom blieb: Warum der offensichtlich ortskundige haGalil-Leser und -Kommentator nicht längst der Stadt Veränderungsvorschlage gemacht hat? Alt-Oberbürgermeister Dieter Göritz (CSU) ließ verlauten: „Das hätte ich jederzeit zur Diskussion gestellt!“

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