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Alltag in Offenbach: Mach dir nichts d’raus!

Gestern musste ich etwas äußerst unangenehmes und traumatisierendes erleben, hier in Offenbach, der Stadt wo ich seit 15 Jahren als Gemeinderabbiner und Chabad Gesandter lebe. Dies ist nicht das erste Mal. Öffentlich verbal angegriffen zu werden ist ein alltägliches Ereignis…

Von Rabbiner Menachem Mendel Gurewitz

Es vergeht keine Woche, in der meine Söhne oder ich nicht belästigt und beleidigt werden, nur wegen unserer jüdischen Erscheinung. Normalerweise ruft man uns nach „Jude ..“, „sche… Jude“, „viva Palestina“.

Das gestrige Ereignis hat mich allerdings aufgerüttelt!

Als ich ein paar Erledigungen im hiesigen KOMM Einkaufszentrum nachging, hörte ich die nicht ungewöhnlichen Rufe „Jude, Jude“. Wie ich mich nach den Stimmen umdrehe, sehe ich eine Gruppe „Jugendlicher“ in einem Schnellimbiss. Ich beschloss zu handeln und die Gang mit meinem Handy zu fotografieren, um damit später zur Polizei zu gehen. Danach ging ich weiter, um bei Tegut einzukaufen. Als ich durch die Gänge lief, sah ich zwei Sicherheitsleute in Begleitung von ca. 10 „Jugendlichen“.

Sie umzingelten mich und der Sicherheitsmann begann: „Haben Sie Bilder von diesen Jungs gemacht?“ Als ich erklärte, weshalb ich das getan habe, wandte einer der Jungen ein: „Wir haben gar nicht Sie gemeint mit „Jude“, wir haben unseren Freund gemeint. Der war geizig und wollte sein Essen nicht mit uns teilen.“

Der Sicherheitsmann ignorierte die Bemerkungen und rief: „Ich habe gesagt, Sie sollen diese Bilder löschen, JETZT“. Ich sagte, ich würde sie löschen, wenn wir die Polizei kontaktieren. Während der Sicherheitsmann die Polizei anrief, umzingelten mich die Jugendlichen weiter und schreien, ich soll die Bilder löschen.

Der Sicherheitsmann gab mir sein Telefon mit der „Polizei“ in der Leitung. Nachdem ich mich vorgestellt und vom Vorfall berichtet habe, antwortete die „Polizei“, was geschehen sei ginge sie nichts an und ich müsse die Bilder auf der Stelle löschen.

Danach wurde ich von den Sicherheitsleuten und den Jugendlichen nach draußen verfolgt. Sie schrien auf mich ein, ich solle beweisen, dass ich die Bilder gelöscht habe – gleichzeitig fotografierten sie mich und drohten ihrerseits, sie würden die Sache öffentlich machen. Sie schrien und brüllten und niemand, nicht einer der vielen Passanten, reagierte. Manche kicherten sogar bei dem Anblick.

Die Lage wurde brenzlig, als einer der Jugendlichen mir den Weg versperrte und mich nicht weitergehen ließ. Er begann, mich zu schubsten und schrie auf mich ein. Ich versuchte zu flüchten, aber ich war umzingelt und in Gefahr. Plötzlich kam ein Freund zufällig (!) vorbei und sah mich. Ich sprang in sein Auto und konnte wundersamer weise entkommen.

„Mach dir nichts d’raus“ lautet das Mantra, das ich die letzten 15 Jahre wiederholt habe. Ich habe mir selbst beigebracht, das alles zu ignorieren und weiterzumachen. Ich redete mir ein, das wären nur junge Leute, unwissend und ohne Erziehung. Es ist nicht so ernst, es wird schon alles wieder gut.
„Mach dir nichts d’raus“, so brachten meine Frau und ich unseren Kinder bei, mit der Lage umzugehen. „Trag doch eine Kappe über deiner Kippa“ ..“versteck deine Tzitzit“ … „vergiss nicht, immer ein Handy dabei zu haben“ ….“mach es nicht zu offensichtlich!“

Vor Kurzem besuchte ich ein Rabbiner-Seminar in Halle. Wir hörten einen Vortrag über die Reaktion der Juden auf ihre Lage Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre unter dem Nazi Regime. Damals wurden Juden in der Öffentlichkeit angegriffen, geschubst, geschlagen, beleidigt. Niemand protestierte, es war OK, weil es um Juden ging.

Und so wurde ein jüdisches Kind, das gestern noch ganz „normal“ war und mit seinem besten Freund spielte über Nacht verraten und von genau diesem besten Freund beschimpft. So wandten sich frühere Nachbarn, Freunde, Kollegen und Schulkameraden gegen ihren „Juden“.  Es handelte sich nicht mehr um einen Menschen, sondern um einen „Juden“. Ich frage mich, was dem Kind durch den Kopf ging? Was haben seine Eltern ihm erzählt? Möglicherweise „Mach dir nichts d’raus“?
Darauf hoffen, dass das alles vorbeigeht und man weiterleben kann.

Nach den gestrigen Ereignissen stelle ich diese gesamte Einstellung, die „Mach dir nichts d’raus“ sagt, ernsthaft in Frage. Wären die 30er Jahre anders verlaufen, wenn wir nicht einfach gesagt hätten „Mach dir nichts d’raus“?
Es sind andere Requisiten, aber das Drehbuch bleibt in beunruhigender Weise gleich.

Heute, 2013 in Deutschland – oder anderswo – , sollten wir da sagen „Mach dir nichts d’raus“?

PS
Die Polizei fand das Verhalten der „Sicherheitsleute“  sehr seltsam.
Sie untersuchen den Vorfall und den problematischen Anruf bei derPolizei„.
Ich will mich bei den Offenbacher Polizisten bedanken, die sich wirklich aufopfern, um unsere Stadt sicherer zu machen.