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Islam – eine Bedrohung?

Die Hälfte der Deutschen hält den Islam für eine Bedrohung. Das geht aus einer neuen „Religionsmonitor“ Bertelsmann-Studie hervor…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 28. April 2013

14.000 Menschen in 13 Ländern sind befragt worden. Dass Gefahr vom Islam ausgehe, bestätigten sogar 18 % der Moslems in Deutschland und 25 % der Menschen in der Türkei. Die Deutschen stehen mit ihrer Angst nicht alleine da. 76 Prozent der Israelis, 60 Prozent der Spanier, 50 Prozent der Schweizer und 42 Prozent der US-Amerikaner schätzen den Islam ebenfalls als gefährlich ein.

39 Prozent der Muslime bejahten die Aussage, „dass in religiösen Fragen vor allem meine eigene Religion Recht und andere Religionen eher Unrecht haben“ – mehr als dreimal so viel wie Katholiken (12 Prozent) und Protestanten (11 Prozent).

Noch ist der neue „Religionsmonitor“ nicht offen zugänglich, wurde aber exklusiv der „Welt am Sonntag“ zugänglich gemacht.

Die Umfrage befasste sich auch mit ethischen Dingen wie Schwangerschaftsabbruch, dem Verhältnis von Religion und Politik und der Religiosität der Befragten. Aber sie unterschied offenbar nicht zwischen religiösem Glauben und religiös konnotierten politischen Wahnsystemen. Ausgerechnet Fragen nach einem Gefühl der Bedrohung „durch den Islam“ oder durch das Judentum, in dem 19 Prozent der Deutschen in Ost wie West eine „Bedrohung“ sehen, erwecken den Eindruck, als sei das Projekt „Religionsmonitor“ den Dingen nicht wirklich auf den Grund gegangen.

In Europa hat „die Religion“ seit der Aufklärung ihren direkten Einfluss auf die Politik weitgehend verloren. Kirche und Staat wurden getrennt. In der Demokratie entscheidet der Volkswille und nicht der Wille des Papstes. Zwar tragen manche Parteien noch ein „hohes C“ in ihrem Namen. „Westliche Werte“ wie Menschenrechte, Würde des Menschen und Freiheit werden aus dem Christentum abgeleitet. Gleichwohl sind wohl weniger christlicher Glaube die treibende Kraft, als vielmehr das Grundgesetz und Vorstellungen der politischen Parteien.

Das Gefühl „vom Islam“ bedroht zu sein, hängt kaum oder gar nicht mit der Religion des Islam zusammen. Kein Befragter dürfte sich ernsthaft mit dem Islam und seinen Glaubenssätzen befasst haben.

„Der Islam“ ist in der Wahrnehmung der Gesellschaften von aktuellen politischen Ereignissen geprägt. Die ungeheuerliche Gewaltbereitschaft in „islamischen“ Ländern von Libyen über Ägypten, Syrien, Jemen und Irak bestimmt die Sicht des „Islam“ ebenso wie der 11. September 2001, die Bombenattacke in Boston oder die gescheiterte Terrorattacke auf dem Bonner Bahnhof. Angst machen Sprüche extremistischer Scheichs wie Jusuf Kardawi, Salafitenführer oder des Osama ben Laden. Sie predigen eine Vernichtung des Westens, eine Islamisierung Europas und einen Kampf gegen westliche, also vermeintlich christliche Werte.

Der Islam wird heute mit extremistischen politischen Bewegungen identifiziert, die mit Terror und anderen menschenverachtenden Methoden die „Weltherrschaft“ übernehmen wollen.

Fast nach dem gleichen Prinzip handelte Europa in der Zeit der Kreuzzüge. Auch Hitlers Versuch, sich als Erlöser die Welt untertan zu machen, wurde von ähnlichen christlich-religiösen Wahnvorstellungen getragen, wie das der Bonner Forscher Thomas Schirrmacher in seinem Buch „Hitlers Kriegsreligion“ herausgearbeitet hat. Nur würde heute kaum jemand die Ideologie der Nazis oder auch des Kommunismus mit Religion gleichsetzen.

In der Welt des Islam hat es keine „Aufklärung“ gegeben. In „islamischen Republiken“ gibt es deshalb auch keine Trennung von „Kirche und Staat“. Gleichwohl dürfte das Gefühl der Bedrohung durch den Islam, wie es die Bertelsmann-Studie herausfand, nur wenig mit Religion zu tun haben, sondern eher mit politischen Ideologien, wie sie islamische Kreise verbreiten. Der Antisemitismus in arabischen Staaten zum Beispiel wird mit europäischen Machwerken wie Hitlers „Mein Kampf“ und den „Protokollen der Weisen von Zion“ geschürt und weniger mit Koransprüchen. In den Medien wird zurecht zwischen Moslems und „Islamisten“ unterschieden. Unklar ist, ob bei der Bertelsmann-Umfrage zwischen dem Islam als Religion und muslimischen Extremisten unterschieden worden ist.

Problematisch ist dabei, dass selbst „gemäßigte“ muslimische Prediger kaum wagen, sich offen gegen die Radikalisierung oder den mörderischen Terror fanatisierter Moslems aussprechen, wahrscheinlich aus Angst, selber Opfer zu werden. Ein ähnliches Phänomen gab es auch bei christlichen Kirchen in Deutschland während der Nazizeit. Nur wenige wagten offenen Widerspruch gegen Hitler, seine Ideologie oder gar gegen den Völkermord an Juden und anderen.

Eine tiefergehende Prüfung wäre die Feststellung wert, wonach sich 19 Prozent der Deutschen vom Judentum bedroht fühlen. Damit können wohl kaum die 102.797 registrierten Juden in Deutschland (unter 80 Millionen Einwohnern) gemeint sein. Umfragen haben zwar Israel als „Bedrohung für den Weltfrieden“ ergeben, doch das Gefühl einer „Bedrohung durch das Judentum“ dürfte eher mit tief sitzenden antisemitischen Vorurteilen zusammenhängen.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com