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Lokalgeschichte, die nicht verweht

Landsberg am Lech – Alpha und Omega des Holocaust…

Von Hermann Kriegl

Weltbekannt und konkurrenzlos: Landsbergs „Hitler-Zelle“ – Geburtsstätte von „Mein Kampf“, Evangelium der NS-Erweckungsbewegung. Vom 11. November 1923 bis 20. Dezember 1924 genoss Adolf Hitler auf der Festung Landsberg die Privilegien politischer Ehrenhaft.

In der nun erarbeiteten Dokumentation „Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg“ ist noch vernehmlicher geworden, was die völkisch kostümierte Sammlung schon zu Beginn der Hitlerei in den Gemütern ausgelöst hat.

Das Ineinander von typisch Landsberger Militär-Bewunderung und Antipathie gegen alles Jüdische, Rassenwahn, Arisierung und Verfolgung sind alles andere als angenehme Tatbestände in der Vergangenheit einer Stadt, die ihr Heil suchte in militaristischen Sitten und Gebräuchen, Hakenkreuz-Flaggen und Führeranbetung – ein mehrdimensionaler Effekt wie Landsberg ihn mochte, Huldigungsstürme und sentimentale Nibelungentreue inbegriffen.

In der Ehrenstadt des Nationalsozialismus erzeugte die „Stürmer“-Propaganda fanatische Resonanz und exaltierte NS-Lehrer, „arische Bluterben“ mit nordisch stilisierten Gefühlen, predigten Rassenhass in der Schule.

Der Aufstieg zur „Hitler-Stadt“ suggerierte Identität, und der braune Qualitätsgewinn, zu dem auch der „Historische Verein“ sein parteiisches Scherflein beisteuerte, das mit solider Heimatforschung wenig gemein hatte, verrät einiges über Fehleinschätzungen, wie sie tonangebende Weichzeichner heute noch verbreiten.

Distinguierte Legenden-Verwalter, die allzu gern nur die eigene Meinung hören wollen, probieren nach wie vor auf Teufel komm raus, das Vergangene ruhen zu lassen. Mithin ist es erneut geboten, Landsberg den Spiegel seiner Vergangenheit vorzuhalten, historische Abläufe ungeschminkt abzufassen und transparent zu machen.

Unbeschreiblich grausam: Schlussakt der Ausrottung

Im Mai 1944 startete westlich von Landsberg das „kriegsentscheidende“ OT-Rüstungsprojekt „Ringeltaube“, im einzelnen also Bunkerwerke mit Tarnnamen „Diana II“, „Walnuss II“ und „Weingut II“, vornehmlich zur unterirdischen Produktion des Strahljägers ME 262. An der Bahnlinie Kaufering-Landsberg entstand ein Konzentrationslager, ab Juni 1944 Unterkunft für jüdische Zwangsarbeiter. Zweckorientiert errichtete man insgesamt elf Konzentrationslager um Landsberg, bekanntlich das gewaltigste Lager-System im Dritten Reich. Dort herrschte ein brutales Schreckensregiment.

KZ-Häftlinge mussten unmenschliche Sklavendienste verrichten, mindestens 15.000  Zwangsarbeiter wurden durch körperliche Schwerstarbeit systematisch beseitigt. Nach jüngster Forschung soll sich diese Zahl angeblich nicht belegen lassen (Ludwig Eiber, Hitlers Bunker – Hitlers Gefangene: Die KZ-Lager bei Landsberg). Die Bevölkerung hatte Kenntnis von den Konzentrationslagern in und um Landsberg. Manch einer wusste Bescheid über die „Entsorgung“ von Toten, beispielsweise im KZ-Lager I. Die Mordmaschinerie funktionierte bis zuletzt nach der Devise „Vernichtung durch Arbeit.“ KZ-Häftlinge mussten schuften bis zum Umfallen.

Ein bestialisches Verbrechen von historischer Tragweite geschah im so genannten „Krankenlager“ bei Hurlach, also unmittelbar vor Landsbergs Türschwelle. Am 27. April 1945, wenige Stunden vor Ankunft der US-Soldaten, ließ SS-Arzt Dr. Blanke das gesamte Invaliden-Revier anzünden und verurteilte dadurch entkräftete Häftlinge zum qualvollen Tod in den Flammen. Die ungeheure Schandtat bleibt im Gedächtnis der Menschheit unauslöschlich eingebrannt.

Das braune Erbe

Die Situation ist höchst bezeichnend. Die Stadt Landsberg hat das Buch „Die ‚Hitler-Stadt’“, Hass auf Juden, NS-Dynamik, „Endlösung“ (2009) bisher offiziell nicht zur Kenntnis genommen, zumal dieses seit langem vorliegt.

In der Studie „Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg“ (2012) kommen bislang unveröffentlichte Dokumente zum Vorschein und Abhandlungen aus der Publikation „Die ‚Hitler-Stadt’“ – nun komprimiert, ergänzt und zugeschnitten auf die befragten Themenfelder – stellen abermals die Misere im Hitler-Taumel und das einzigartige Klima der braunen Provinz am Lech zur Diskussion – das kann gar nicht oft und eindringlich genug wiederholt werden.

Die außergewöhnliche NS-Ortsgeschichte greift – wie die Fakten in den vorgenannten Bänden beweisen – in ihrer Maßgeblichkeit erheblich über die Lokalereignisse hinaus. Darüber werden diejenigen sich hinwegsetzen, denen die Aufarbeitung der impliziten Verherrlichung der NS-Zustände und des fatalen Kultstatus in der „Hitler-Stadt“, nicht wirklich etwas bedeutet.

Stadtarchiv Landsberg am Lech

Schonungslose Vergangenheitsanalyse aber empfindlich stört, wenn die zeithistorische Aufklärung nicht im Einklang mit dem Landsberger Erwartungshorizont steht. Was es damit auf sich hat, belegt hinreichend ein Fall von Amts- und Rechtswillkür, der sich  2011 ereignete.

Die Stadtarchivarin erlaubte dem Verfasser nicht das Archiv zu betreten, sondern äußerte sich aus dem Fenster im ersten Stock des Gebäudes dahingehend:

Durch seine Dokumentation „Die ‚Hitler-Stadt’“ sowie die Buchkritiken im Internet (z. B. Historisches Niemandsland?) hätte er die Stadt Landsberg, das Stadtarchiv und das Werk, herausgegeben von Volker Dotterweich und Karl Filser, „Landsberg in der Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Landsberg – In Verbindung mit Elke Kiefer und der Stadt Landsberg am Lech“, schlecht geredet. Das allein sei Grund genug, ihm den Zutritt zum Stadtarchiv zu verwehren, damit der Stadt kein weiterer Schaden entstehe.

Obwohl lange genug anhängig, möchte die Stadtbehörde darauf nicht näher eingehen, dem Stillschweigen nach zu urteilen. Insofern hat der Münchner Rechtsanwalt Alexander Grundner-Culemann am 23. Januar 2012 die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns unter anderem informiert wie folgt:

„1. Eine Besprechung mit der Rechtsdirektorin der Stadt Landsberg am 10. November 2011 brachte insoweit Klarheit, dass die Tatsache, dass die Stadtarchivarin die Tür nicht öffnete, seinen Grund im Sicherheitssystem der Stadt hatte.
2. Die Nutzung des Archivs ist meinem Mandanten nicht möglich, solange dessen Personal sich so verhält.
3. Es liegt in der Natur der Sache, dass damit die Nutzung des Archivs nur noch eingeschränkt möglich ist. Das gilt nicht nur für meinen Mandanten, sondern für das Archiv insgesamt. Es wird sich in betroffenen Kreisen die Meinung durchsetzen, dass auf die Nutzung des Archivs besser zu verzichten ist, will man sich nicht Anschuldigungen aussetzen.“

Ein keineswegs abgeschlossenes Thema. Mehr dazu, in: „Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg“ und im Internet: „Zutritt zum Stadtarchiv verweigert“ (Augsburger Allgemeine).

Das macht die Runde

Dazu auszugsweise der Leserbrief vom 21. November 2012 (Landsberger Tagblatt) des Historikers Anton Posset, Träger des „Étoile Civique d’ Or“, 1. Vorsitzender der „Bürgervereinigung im 20. Jahrhundert zur Erforschung Landsberger Zeitgeschichte“ und Ehrenpräsident der Europäischen Holocaustgedenkstätte:

„Seit Jahren beschweren sich nationale und internationale Forscher zur Landsberger Geschichte bei den Besuchen der Europäischen Holocaustgedenkstätte über die ‚vernachlässigende und wenig kooperative Behandlung’ seitens der Archivarin. Eine deutsch-amerikanische Historikerin aus den USA wies mich darauf hin, dass sie nirgends so unwirsch behandelt wurde wie hier!

Einer der internationalen Besucher für ein Buchprojekt, der französische Fernsehjournalist Bernard Benyamin, hat im April 2012 die gleichen Erfahrungen gesammelt. Im Anschluss an seinen Archivbesuch hat er sich bei mir über die ’arrogante und herablassende Behandlung’ bei seinen Recherchearbeiten mit einem deutschen Übersetzer beklagt. In seinem Buch („LE CODE D’ ESTHER – Et si tout était écrit“) wird nun weltweit die Behandlung seitens der Verwaltungsarchivarin auf den Seiten 161 bis 171 behandelt.

So geht jetzt die beamtenrechtlich abgesicherte Hilfe von Frau Kiefer in die Welt hinaus! Ihr Verhalten ist untragbar geworden.“

Schockierende Ausschreitungen

Eine erste Reaktion auf diese Stellungnahme von Anton Posset: Nachts wurden seine Briefkastenanlage am Gartenzaun demoliert, die Namensschilder abgerissen und die Klingel beschädigt. Das lässt befürchten, dass hasserfüllte Übergriffe auf seine Person nicht mehr auszuschließen sind. „So ist es in dieser so lieben und friedlichen Stadt“, resümierte er am 3. Dezember 2012.

Diese Gemeinheit bietet zugleich Anlass, an die Gewalt in der NS-Diktatur zu erinnern und kulturpolitische Denkanstöße wie „Stolpersteine“, Gedenktafeln und Umbenennung von Straßen in Landsberg – vorgeschlagen in der Arbeit „Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg“ – aufs Neue zu intensivieren.

(Zum Teil bereits veröffentlicht, in: Hermann Kriegl, Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg, Landsberg am Lech 2012, S. 5, 18-19, 26-27, 299-301)

Kriegl, Hermann, Vom Wesen der NS-Provinz Landsberg, ISBN 978-3-938774-04-5, 336 Seiten, 221 Abb.

Dr. phil. Hermann Kriegl ist Historiker, Autor und Verleger. Studium der Rechte, selbständiger Unternehmer, Studium der Neueren Geschichte, Archäologie und Bibliothekswissenschaften, Promotion bei Prof. Dr. Karl-Heinz Ruffmann (Universität Erlangen/Nürnberg); 1993 Verleihung einer Urkunde durch die Theodor-Heuss-Stiftung als Anerkennung für einen Beitrag zum Jahresthema „Wege aus der Politikverdrossenheit“. Das Buch „Adolf Hitlers ‚treueste Stadt’ – Landsberg am Lech 1933 – 1945“ stand auf der Auswahlliste zum „Geschwister-Scholl-Preis 2004“. Weitere Veröffentlichungen: Ärgernisse mit Bonn (Auszug),in: Wider die Politik(er)verdrossenheit, Ergebnisse einer Ausschreibung, hg. von der Theodor-Heuss-Stiftung (1994); Sinnlos in den Krieg gejagt, Das Schicksal von Reserve-Offiziers-Bewerbern 1945, Zeitzeugen und Dokumente (1995); Kapitulations-Inhaftierte unter alliierter Herrschaft 1945 (2005); Die „Hitler-Stadt“, Hass auf Juden, NS-Dynamik, „Endlösung“ (2009).