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Nach „Stolpersteinen“ nun Altnazi-Gedenktafel?

Ernüchterung in Niederbayerns NPD-Zentralort Deggendorf…

Von S. Michael Westerholz

Vor wenigen Monaten ereichte den über 90-jährigen Felix Ephraim Scharf in Jerusalem eine gute Nachricht: In seiner niederbayerischen Geburtsstadt Deggendorf waren acht „Stolpersteine“ gesetzt worden, die an drei ermordete jüdische Familien erinnern, darunter Vater, Stiefmutter und Schwester des hier einst glücklichen Felix Scharf. Doch in die euphorische Bereitschaft, sich mit den jüdischen Teilen der Deggendorfer Geschichte auseinanderzusetzen, mischte sich jüngst Betroffenheit: Ein Journalist forderte eine Gedenktafel für einen Mann, der jüdische Nachbarn beübelt hatte. Und die NPD zeigte, dass die Donaustadt ihr Zentralort in Niederbayern ist.

Seit einiger Zeit hatten zwei Mitglieder der rechtskonservativen „Republikaner“ (REP) im Deggendorfer Stadtrat die politische Bedeutungslosigkeit ihrer Partei in peinlich-belustigenden gegenseitigen Anzeigen verdeutlicht: Der eine, der sich auf Wahlplakaten gerne in Hitler-Pose mit entsprechendem Schnauzbart und Frisur zeigte, zerstritt sich mit seinem „Parteifreund“ dermaßen, dass sie mittlerweile nur mehr über Juristen miteinander kommunizieren und Prozesse anhängig sind. Beide örtlichen Pracht-Repräsentanten der 1983 überwiegend von Ex-CSU-Mitgliedern gegründeten REP, die seit einigen Jahren zum Kleinverein geschrumpft ist, haben mit der Stadtpolitik so gut wie nichts mehr zu tun.1

Weil sich immer mehr Menschen aller Altersstufen, religiöser und parteipolitischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Gruppierungen im „Netzwerk Bunter Landkreis Deggendorf“ zusammenfanden, kam es im Spätherbst 2012 unter der Verantwortung der Stadt zur Verlegung der „Stolpersteine“. Vor und nach der Veranstaltung unter freiem Himmel, die trotz miesen Wetters zahlreiche Menschen anlockte, beschäftigten sich vor allem Schülerinnen und Schüler mit dem mörderischen Teil der Stadtgeschichte. Und was sich bereits in den letzten Jahren angedeutet hatte, schien jetzt immer gewisser zu sein: Für Nazis ist in der 1200-jährigen bayerischen Stadt kein Platz!

Doch die Veröffentlichung eines Ex-Journalisten trübte die gute Stimmung: In der „Deggendorfer Zeitung“ vom 9. Februar erinnerte er an den aus der Stadt stammenden Gründer der internationalen Hotelkette Steigenberger. Vergeblich suche man am einstigen Bekleidungshaus Schötz eine Gedenktafel, die es für andere berühmte Persönlichkeiten aus der Stadt gebe.2 Hätte der Schreiber nur jene Zeitung gelesen, für die er einst schrieb: Dort und in öffentlichen Vorträgen hatte ein Mitarbeiter des Stadtarchivs Deggendorf anlässlich der „Stolperstein“-Verlegung an antisemitische Ausfälle Albert Steigenbergers gegen die seinerzeit jüdischen Eigentümer des Schötz-Hauses erinnert. Schlimmer noch: Textilkaufmann Georg Schötz, später Eigentümer des Hauses am Deggendorfer Luitpoldplatz, war 1944 als „Rundfunkverbrecher“ von einem NS-Sondergericht verurteilt worden – und nun soll ausgerechnet an seinem Haus an Judenfeind Steigenberger erinnert werden?

Und dann kam es wieder zum Naziaufmarsch zum „Politischen Aschermittwoch“. Der Begriff beschreibt eine altbayerische Tradition, dass nämlich Politiker die großen Bauernmärkte in der Region meist deftigen Auftritten mit oft derben Redensarten nutzten. Der umstrittene CSU-Parteichef Franz Josef Strauß, machte das Aschermittwochtreffen seiner CSU in Passau zu einem alljährlichen Schauplatz politischer Abrechnungen. Dies ausgerechnet in jener „Nibelungenhalle“, für die sich die Nazis bald nach ihrer Machtergreifung hatten feiern lassen. Die Mitglieder der rechtsextremistischen NPD, auch in Bayern aus immer mehr Orten verdrängt, schufen sich ihren niederbayerischen Mittelpunkt in Deggendorf: Ein Wirt, der im Streit mit allen möglichen Behörden sein Lokal den Nazis öffnete, die frechen Redner dieser Partei, gegen die immer mehr Bundesländer einen Verbotsantrag anstreben – das wurde zum ekligen Extremismusgemisch.

Doch in diesem Jahr stellten sich die Demokraten so zahlreich und mutig wie nie gegen die Demokratieverächter: Der bayerische Staatssekretär Bernd Sibler, Lokalpolitiker aus der Stadt und dem Landkreis, in dem Mitbürger aus über 70 Nationen leben, Abgeordnete des Bundes und des Landes, muslimische Geistliche, Repräsentanten der Deggendorfer Hochschule, der Chef des BMW-Betriebsrats, katholische und evangelische Geistliche und viele Jugendliche scharten sich um den Holocaust-Überlebenden Ernst Grube, Der hielt der Polizei vor, sich allzuoft ausgerechnet jene anzuklagen, die sich gegen die Extremisten stellen. Nicht die, sondern die Demokratie sei zu schützen.

Ob sich die NPD-Anhänger noch oft in ihrem Stammlokal in der Donaustadt treffen können, ist ungewiss: Der Gegendruck aus den Reihen der ANTIFA, und des Netzwerks Bunter Landkreis wird immer spürbarer: „Wir müssen der NPD den Stecker rausziehen“, forderte der Chef der Freien Wähler in Deutschland, Hubert Aiwanger. „Verbietet die NPD endlich!“ Und die Sprecher des Netzwerks warnten: „Die Region um Deggendorf weist immer noch starke rechtsextreme Strömungen auf, weil die Nazis mit Deggendorf einen festen Ort als überregionalen, zentralen und leider vielgenutzten Stützpunkt besitzt.“ Es müsse verhindert werden, dass die lebendige, durch die internationale Hochschule weltweit bekannte Stadt mit der NPD, also mit den erklärten Feinden der Demokratie gleichgesetzt werde. „Wir leben inmitten einer weltoffenen Zivilgesellschaft, die auf europäischen Grundwerten aufbaut – das lassen wir uns nicht von Ewiggestrigen kaputtmachen!“

  1. Gabriel, Stefan: Treiber oder drei Zeugen – wer lügt?, Deggendorfer Zeitung (DZ), 09.02.13 []
  2. Bauer, H.: Wer kennt die Steigenbergers? , DZ, 09.02.13 []