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Chasaren, Tempelbau und andere Fantastereien

Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Arno Hamburger, hat deutliche Kritik an einem judenfeindlichen Vortrag von Walter Veith geübt und sieht sich von dem Veranstalter falsch interpretiert. Von „antisemitischen Stereotypen“ in dem Vortrag spricht die Chefredakteurin des jüdischen Magazins „haGalil“. Veith weist den Vorwurf des Antisemitismus zurück…

Von Dietmar Päschel, E.ANN.de, 14.01.2013

Walter Veith, ehemaliger Zoologie-Professor und durch Videos zu Weltanschauungsfragen weltweit bekannt, ist nach antisemitischen Äußerungen einer starken Kritik ausgesetzt. In einem Vortrag im Oktober 2012 in Nürnberg hatte Veith erklärt, dass Freimaurer und Jesuiten den Holocaust herbeigeführt hätten, um die Juden für eine Umsiedlung nach Palästina „zusammenzuherden“. Außerdem seien die heutigen Juden keine wirklichen Juden, sondern in Wahrheit Nachfahren der Chasaren, eines asiatischen Turkvolks.

Die Vorträge Veiths werden von dem privaten Verein „Amazing Discoveries“ organisiert und vertrieben. Unter dem Druck der öffentlichen Kritik hatte der Verein Mitte November 2012 in einem offenen Brief erklärt, dass man „den Vortrag namhaften und politisch einflussreichen jüdischen Mitbürgern“ vorgeführt habe, „um objektiv zu erfahren, ob er als antisemitisch empfunden werden kann“. Als Entlastungszeugen benannte „Amazing Discoveries“ Arno Hamburger, Stadtrat und 1. Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg. Hamburger habe den Vortrag nach Angaben des Vereins mit den Worten kommentiert: „Ich kann keinen Antisemitismus erkennen. Ich würde mich gerne mit diesem Mann unterhalten.“

Wollte Arno Hamburger damit Walter Veith vor Kritik in Schutz nehmen?

Hamburger: Vortrag enthält „Fantastereien und Unsinn“

Hamburger wies diese Einschätzung vehement von sich. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Nürnberg bestätigte, dass ihm gemeinsam mit seinem Stellvertreter eine Aufzeichnung des Vortrags gezeigt wurde. Allerdings sei es „vollkommen falsch“, dass er Veiths Aussagen zugestimmt habe, erläuterte Hamburger in einem zweiseitigen Schreiben.

„Meine Aussage bezog sich auf den Unsinn, der in diesem Vortrag enthalten ist und in dem so unsinnige Behauptungen aufgestellt werden, dass jeder Mensch, der nur den Funken einer Ahnung vom Judentum hat, klar und deutlich erkennen muss, dass aus den falschen Behauptungen des Herrn Veith nicht einmal ein Rechtsradikaler ‚antisemitische Tendenzen‘ erkennen kann.“ Mit anderen Worten: Die Aussagen in dem Vortrag sind offenkundig so sinnwidrig, dass sie selbst für ein antisemitisches Gedankengebäude unbrauchbar sind. Denn nicht einmal ein Rechtsradikaler kann damit noch etwas anfangen.

Die „Fantastereien und Unsinn“ in dem Vortrag seien der wahre Grund dafür, dass Hamburger mit Veith das Gespräch suchen wollte. Hamburger habe damit nicht beabsichtigt, die „fantastischen Thesen gut zu heißen, sondern ihn auf seine fantasievollen Behauptungen hinzuweisen und sie zu berichtigen.“

Mit dem Inhalt des Vortrags ging Hamburger hart ins Gericht. „Allein die Behauptung, dass die osteuropäischen Juden ausschließlich konvertierte Chasaren seien, ist derart absurd, dass man darüber nicht einmal diskutieren kann.“ Die historischen Tatsachen widerlegten die Chasaren-Legende. Juden seien aus ganz verschiedenen Regionen nach Osteuropa eingewandert. Nicht nur aus dem Chasarenreich habe es jüdischen Zuzug gegeben, sondern zudem aus Byzanz, dem Kaukasus und aus Persien.

Auch aus dem Westen seien jüdische Bevölkerungsgruppen nach Osteuropa eingewandert, weil sie durch Kreuzzüge und Pogrome dazu gezwungen worden seien. „Gerade diese Personengruppe setzte sich bei den osteuropäischen Juden durch, sie bewahrten auch in Polen und Russland ihre kulturelle Eigenart“, betonte Hamburger. Die jiddische Sprache mit ihren mittelhochdeutschen Elementen verdeutliche, dass der stärkste Einfluss aus dem Westen gekommen sei. Die Ansicht, dass die osteuropäischen Juden Chasaren seien, könne deshalb nur „absoluter Unsinn“ sein.

Als „noch schlimmer“ bezeichnete Hamburger die Darstellung Veiths, dass der Holocaust durch Jesuiten und Freimaurer initiiert worden sei, um Juden für den Transport nach Israel zu sammeln. Durch den Holocaust sollten Juden nämlich nicht „geherdet“ oder gesammelt werden, sondern vernichtet. „Jeder, der sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt, weiß, dass die Juden wegen der radikalen anti-jüdischen Politik der Nazis versucht haben auszuwandern, um nicht, wie später leider geschehen, in den Konzentrationslagern hingeschlachtet zu werden. Auch ich persönlich (ein Nachkomme der Chasaren?) bin 1939 aus Deutschland nach Palästina ausgewandert, um den Verfolgungen der Nazis zu entgehen“, unterstrich Hamburger, der nach Kriegsende als Dolmetscher an den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen beteiligt war.

Antisemitismus-Expertin erkennt „antisemitische Stereotype“

Für Andrea Livnat, Antisemitismus-Expertin und Chefredakteurin des deutsch-jüdischen Internetmagazins „haGalil“, ist der Vortrag eindeutig von antisemitischen Aussagen durchzogen. „Das steht doch ganz außer Zweifel“, kommentierte Livnat, „Veith transportiert und verbreitet ganz offensichtlich antisemitische Stereotype, nutzt diese gezielt für seine Argumentation und verharmlost den Holocaust.“ Die Verschwörungstheorien, die Ansichten zum Tempelbau und die Behauptung, dass Juden in Wirklichkeit Chasaren wären, seien „haarsträubend“, so Livnat. Historische Fakten würden in dem Vortrag ausgeblendet. „Die Entwicklung des Zionismus im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, die Einwanderungspolitik der Briten nach Palästina und andere Faktoren ignoriert Veith völlig. Juden sind bei ihm nur irgendeine Masse, die verschoben und manipuliert werden kann.“ Ob Veith ein Antisemit sei oder nicht, sei unerheblich. Er bediene sich aber eindeutig antisemitischer Muster und nutze antisemitische Quellen, teilte Livnat aus der „haGalil“-Redaktion in Tel Aviv mit.

Veith weist Antisemitismus-Vorwurf zurück

Veith selbst sieht die Kritik als unberechtigt an. Die beanstandeten Aussagen seien „einfach nur eine Sache der Sprachbarriere … und nichts weiter“, schrieb er Anfang Dezember 2012 in einer Erklärung. Als Südafrikaner ist Veiths Muttersprache Englisch, er spricht aber akzentfrei Deutsch. In einem bei Youtube veröffentlichten Interview entgegnete Veith, dass er schon als Student Rassismus kritisiert habe. Einmal hätten Kommilitonen ihm sogar gegen seinen Willen die Haare geschoren, weil er sich gegen das Apartheid-Regime ausgesprochen habe. „Ich hasse Rassismus“, bekräftigte Veith.

Die Kritik an seinem Vortrag führte Veith in einer ersten Stellungnahme Mitte November 2012 auf eine „Überempfindlichkeit des heutigen Deutschlands in Bezug auf das den Juden vom Naziregime zugefügte Unrecht“ zurück. Dennoch wolle er sich entschuldigen, wo jemand seine Aussagen als Abwertung der Juden missgedeutet habe. Die eigentliche Schuld sehe er jedoch an anderer Stelle. „Meine Aussagen sind verdreht worden, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen waren“, beklagte Veith schließlich drei Wochen später. Einige Menschen hätten ihm böse Absichten unterstellen wollen, weil sie in Wahrheit durch seine Vorträge in ihrem falschen Verhalten ertappt worden seien.

Äußerungen im Vortrag legen dagegen den Schluss nahe, dass sich Veith über die Brisanz seiner Aussagen bewusst war. So behauptete er, dass man den Holocaust als notwendige „Umstände“ herbeiführen musste, damit der Staat Israel jüdische Bewohner erhält und so eine Staatsgründung überhaupt erst möglich wird. Würde diese Behauptung zutreffen, hätte der Holocaust insgeheim ein pro-israelisches Ziel verfolgt. Unmittelbar darauf hielt Veith in dem Vortrag inne und sprach halblaut: „Ich bin auf gefährlichem Boden. Aber ich mache trotzdem weiter.“ Das erweckt den Anschein, dass Veith die Sprengkraft seiner Ansichten vorher erkannt hatte. Selbstkritik an seinen Positionen übte er im Nachhinein nicht. Von der antisemitischen Chasaren-Legende nahm Veith ebenso wenig Abstand wie von der Behauptung, dass Freimaurer den Holocaust als Mittel zu Staatsgründung Israels initiiert hätten.

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, in deren Räumen Veiths Vortrag stattfand, distanzierte sich zwischenzeitlich vom öffentlichen Auftreten Veiths und untersagte ihm, im Namen der Freikirche in Deutschland zu sprechen. Das Verschwörungsdenken und die angstmachende Weltsicht verurteilte die Freikirche als einen „geistlichen Missbrauch“.

Lesen Sie hier die Erklärung von Arno Hamburger im Volltext.