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Das Ende der „Tribüne“

Ein Traditionsblatt stellt die Arbeit ein…

Von Roland Kaufhold

„Seit 44 Jahren engagiert sich die Zeitschrift »TRIBÜNE« für ein – wie es im Untertitel heißt – »Verständnis des Judentums«. Kontinuierlich und unabhängig informiert sie über die breiten Facetten des international weiterhin virulenten Antisemitismus, über die durch den deutschen Nationalsozialismus nahezu ausgelöschte Tradition des Judentums wie auch über die schwierige Lebenssituation in Israel. Der Redaktion – hierunter der frühere WDR-Redakteur Heiner Lichtenstein, welcher sich durch seine jahrzehntelangen Reportagen über deutsche Prozesse gegen nationalsozialistische Kriegsverbrecher bleibende Verdienste erworben hat – gelingt es, regelmäßig kompetente Wissenschaftler und Publizisten aus verschiedenen Gesellschaftsdisziplinen als Mitarbeiter zu gewinnen.“ Diese Beschreibung erschien 2007 in der Zeitschrift psychosozial sowie auf haGalil.

Geändert hat sich hierin nichts. Die TRIBÜNE bleibt wichtig – und doch hat diese beeindruckende Tradition nun, im 51. Jahr ihres Bestehens, ein Ende gefunden. Die TRIBÜNE erscheint wegen der Anzeigenkrise – der soeben auch die Frankfurter Rundschau und Newsweek (31.12.2012) zum Opfer gefallen sind – nicht mehr. Zumindest als Printmedium. Das letzte Heft, Nr. 204, soeben erschienen, ist für 9 Euro erhältlich (Mail: Redaktion(at)tribuene-verlag.de).

218 informative Seiten Aufklärung – gegen den Antisemitismus, gegen Vorurteile, über Israel. Einige Beiträge des letzten TRIBÜNE-Heftes seien genannt: Wie gewohnt finden wir in den Rubriken „Berliner Bühne“,„Israelisches Tagebuch“, „Österreichische Mosaik“ und den „Notizen aus den USA“ ein umfangreiches Informationspool über jüdische Traditionen und die Gefahren des Rechtsradikalismus. Stephan Grigat schreibt über einen „fragwürdigen Verbündeten“, Stephen Tree berichtet über den „ungarischen Blick“. Der Rechtsextremismus Experte Anton Maegerle, seit Jahrzehnten profunder TRIBÜNE-Autor, schreibt über „Obama: Feindbild der Rechten“, der Palästinenser Ahmad Mansour über „Den neuen Antisemitismus“, Riccarda Haase über den sog. „Kampf der Rassen“, Lutz Maeke analysiert in umfassender Weise „Arafats doppelte Deutschlandpolitik“. Ursula Hohman portraitiert das Leben und Wirken Martin Bubers: „Das unbequeme Gewissen Israels“.
Anlässlich des bevorstehenden 90. Geburtstages von Ralph Giordano findet sich ein mit „`Ich bin angenagelt an dieses Land´“ betiteltes Portrait des Jubilars; es folgt ein Portrait des großen jüdischen Historikers Joseph Wulf, der am 22.12. diesen Jahres 100 Jahre alt geworden wäre. Gabriel Berger beschreibt „Die Flucht der Überlebenden. Juden in Polen nach dem Holocaust“ und Wolf Scheller schreibt über „Hitler und der Verlust des Geistigen.“

Noch im März diesen Jahres hatten wir auf haGalil den 50. Geburtstag der TRIBÜNE so gewürdigt: „Ein Blick zurück: Wenig sprach anfangs dafür, dass die TRIBÜNE lange existieren würde. Schon wenige Monate nach ihrer Gründung – aufgebaut wurde sie von dem 1932 geborenen Otto R. Romberg sowie seiner Ehefrau und Herausgeberin Elisabeth Reisch – schien sie bankrott zu sein: „Nach einem halben Jahr waren wir praktisch pleite“, formulierte der seinerzeit 30-jährige Romberg in einem Interview. Absolute inhaltliche Unabhängigkeit, Kampf gegen Antisemitismus, Solidarität mit dem seinerzeit noch jungen Staat Israel – dies waren und sind die Grundsätze des jüdischen Überlebenden Romberg bzw. seines im charakteristischen grünen Einwand erscheinenden Periodikums. Ein Freund gab ihm den Tipp, sich konsequent um einen breiten Stamm von Inseraten zu kümmern – seitdem erblühte die Tribüne auch ökonomisch, behauptete sich fünf Jahrzehnte lang im rauen Zeitschriftenmarkt. Heute schwankt ihre Auflagenhöhe zwischen 5.000 und 7.000 Exemplaren.“

Mit der Einstellung der Printausgabe der TRIBÜNE hat eine beeindruckende Tradition ein Ende gefunden. Und doch geht es weiter.

Die Redaktion bemerkt in ihrem Editorial hierzu: „Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, auch wenn wir uns damit in guter Gesellschaft befinden: Bei Redaktionsschluss stand die »Frankfurter Rundschau« vor dem Aus, während das Ende des traditionsreichen Wochenmagazins »Newsweek« zum 31. Dezember bereits beschlossene Sache ist. Doch nach 51 Jahren journalistischer Arbeit gegen Intoleranz, Vorurteile und Ausgrenzung wollten wir TRIBÜNE nicht einfach von der Bildfläche verschwinden lassen. Im kommenden Jahr widmen wir uns der Digitalisierung aller 204 Ausgaben sowie der beiden Sach- und Autorenregister. (…) Subventionen hat TRIBÜNE nie erhalten. (…) Mit unserer Arbeit haben wir nicht immer nur Zuspruch geerntet. Gerade in der Anfangszeit kam es sogar zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, weil wir Ressentiments aufgedeckt und »Ross und Reiter genannt« haben. Ohne den Beistand von Persönlichkeiten wie Walter Hesselbach, Otto Brenner oder Ludwig Rosenberg hätten wir manche Attacke nicht abwehren können. (…) Wir hoffen, dass Ihnen die digitalisierten Jahrgänge der TRIBÜNE den Abschied erleichtern und Ihr Interesse für deren Themen auch ohne unsere Zeitschrift erhalten werden. Denn der Kampf gegen Vorurteile, Hass und Ausgrenzung muss weitergehen.“

In der Tat. Die TRIBÜNE wird (mir) fehlen. Otto R. Romberg und Elisabeth Reisch haben enorm viel geleistet. Ihnen sei gedankt.

www.tribuene-verlag.de