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Er hat Vorschläge gemacht

Gedanken zum Tod des Anwalts Paolo Ravenna in Ferrara…

Von Carl Wilhelm Macke

An der Aussenwand der Synagoge in der Via Mazzini in Ferrara ist eine Gedenktafel angebracht. Dort sind die Namen derjenigen Ferrareser Juden eingemeisselt, die in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden. Und elf Mal wird dort an Mitglieder der Familie Ravenna erinnert, die aus Ferrara deportiert wurden und ihre Heimatstadt nicht wiedergesehen haben. Es sind nicht die engsten Angehörigen von Paolo Ravenna, an deren Vernichtung dort auf der Gedenktafel gedacht wird. Seine engere Familie hat die faschistische Verfolgung im Schweizer Exil überlebt. Paolo Ravenna hätte sicherlich sehr viele Gründe gehabt, skeptisch, vorsichtig zu sein mit Deutschland und uns Deutschen. Wir, die nach dem Krieg Geborenen, sind an den monströsen Verbrechen der Nazis nicht schuld, aber natürlich sind sie ein unauslöschlicher Teil deutscher Geschichte, deren wir uns immer bewußt sein müssen.

Als wir, der um mehr als zwei Jahrzehnte jüngere deutsche Journalist aus München und der Avvocato Paolo Ravenna aus Ferrara uns erst eine kurze Zeit persönlich kannten, bat er mich jedoch sogleich, ihm bei der Recherche nach der Identität eines deutschen Soldaten behilflich zu sein. Während der Nazi-Okkupationszeit in Ferrara sei dieser Soldat täglich in die städtische Bibliothek gegangen, um sich dort mit den italienischen Klassikern zu beschäftigen. Dieser bildungsbewußte Wehrmachtssoldat habe nach Aussagen noch lebender Zeitzeugen alles ihm mögliche getan, um die Bibliothek vor Vandalenakten der deutschen Soldateska, aber auch marodierender italienischer Faschistentrupps zu schützen. Vor allem um die in der Bibliothek liegenden Archivmaterialien der „Jüdischen Gemeinde“ von Ferrara habe sich dieser Soldat große Sorgen gemacht. Paolo Ravenna bat mich, ja forderte mich fast sogar auf, der Identität dieses deutschen Soldaten nachzuforschen. Nach Recherchen in verschiedenen Militärarchiven habe ich dann schließlich die in Stuttgart lebende Familienangehörigen des inzwischen verstorbenen Wehrmachtssoldaten ausfindig machen können.

Nicht alle deutschen Besatzungssoldaten, das habe ich von Paolo Ravenna, aber auch durch die Lektüre des Buches „Il disperso di Marburgo“ von Nuto Revelli gelernt, haben sich in Italien offensichtlich so barbarisch aufgeführt wie die Erschießungskommandos in Marzabotto im Hinterland von Bologna, im toskanischen Santa Anna oder in den Fosse Ardeatine bei Rom. Ein „ziviles Erinnern“ an die Verbrechen der italienischen Faschisten und der deutschen Nationalsozialisten, schließt nicht das Verzeihen ein, aber den souveränen Mut zur Differenzierung, den der jüdische Anwalt aus Ferrara besaß und praktizierte.

Und zu dieser Erinnerung gehört auch die Bewahrung, die Pflege und die Fortsetzung der durch die Faschisten schrecklich gedemütigten, aber nicht vollkommen ausgelöschten Kultur des europäischen Judentums. Zur ganz besonderen Tragik des Paolo Ravenna gehörte seine lebenslange tiefe Verbundenheit mit seinem Vater, der bis zu den ‚Rassegesetzen’ von 1938 der faschistischen Bewegung der Emilia eng verbunden gewesen ist und seiner Stadt Ferrara auch in der Zeit des Faschismus als Bürgermeister ( ‚Podestà’ ) vorstand. Es verwundert nicht, dass die Familie Ravenna nach der Rückkehr aus dem schweizer Exil in Ferrara nicht mit offenen Armen empfangen wurde. In der oft pathetischen Rhetorik des italienische Antifaschismus wurde den verfolgten Juden oft nur Fussnoten gewidmet. Wie sollte man dann auch noch Solidarität mit einem ehemaligen Bürgermeister und Freund von Faschisten zeigen, der für viele Jahre überzeugter Faschist gewesen ist und dessen Familie dann doch verfolgt, aus dem Land getrieben und zu einem Teil vernichtet wurde?! Bewundernswert und überzeugend, wie sehr sich in den Nachkriegsjahrzehnten Paolo Ravenna dieser familiären Tragik gestellt hat.

In den Tagen nach seinem Tod erschienen jetzt in allen Lokalenzeitungen wie auch im mailänder ‚Corriere della Sera’ und der römischen ‚La Repubblica“ bewegende Nachrufe, in denen das jahrzehntelange Engagement von Paolo Ravenna für die zum Schutz italienischer Kulturgüter gegründete Bürgerbewegung „Italia Nostra“, seine – trotz vieler Kritik – große Liebe zur Stadt Ferrara und sein „ziviler Patriotismus“ hervorgehoben wurden. Er repräsentierte ein leider heute immer mehr schwindendes italienisches Bürgertum, das gegen die Tricks, Gaunereien und Schaumschlägereien eines Silvio Berlusconi vollkommen immun ist. Wie leicht haben wir es uns in den Jahren der ‚Studentenbewegung von ‚68 doch oft gemacht in unserer überheblichen, manchmal albernen Kritik an den ‚bürgerlichen Werten’, oder an der ganzen ‚bürgerlichen Gesellschaft’…

Wer in den letzten Jahren über den Schriftsteller Giorgio Bassani und die jüdische Kultur von Ferrara forschte, einen Film drehte oder einen Artikel schreiben wollte, landete irgendwann immer im Studio vom ‚Avvocato’, wie er in Ferrara von allen immer ebenso liebe- wie respektvoll genannt wurde. So ist es ja auch mir ergangen, als ich mehr wissen wollte von dem Autor der „Ferrareser Geschichten“.

Aber da war auch noch Paolo Ravenna, der große Liebhaber klassischer wie moderner Malerei, der seine fundamentalen Lektionen in Kunstgeschichte in den dramatischen Jahren zwischen 1938 und 1943 in der Ghettoschule in der Via Vignatagliata, “la minuscola isola di Vignatagliata“ ( Paolo Ravenna ) bei Giorgio Bassani gelernt hat, der wiederum ein Schüler des legendären Roberto Longhi gewesen ist.

Ich habe immer nur gestaunt über die Personen der jüngeren italienischen Geschichte, die das Leben von Paolo Ravenna gekreuzt haben: Piero Calamandrei etwa oder Primo Levi, Michelangelo Antonioni, Bruno und Tullia Zevi, Indro Montanelli.

Wenn man sich an Paolo Ravenna erinnert, kann man auch nicht seine Leidenschaft für die Photographie vergessen. Dabei gehörte der Jüdische Friedhof an der Via delle Vigne zu seinen bevorzugten Motiven. Obwohl er kein großer Freund rhetorischer Totengedenken gewesen ist, bedeutete ihm dieser Ort, an dem auch seine Eltern , vieler seiner Angehörigen und Freunde begraben sind, sehr viel. Wir haben nie darüber gesprochen, was er sich auf seinem Grabstein wünschen würde. Sicherlich so wenig Rhetorik und Pathos wie mögliche. Ein Gedicht von Bert Brecht hätte ihm aber vermutlich gefallen: „Ich benötige keinen Grabstein, aber/ wenn ihr einen für mich benötigt/ wünschte ich, es stünde darauf/ Er hat Vorschläge gemacht. Wir/ haben sie angenommen./ Durch eine solche Inschrift wären/ wir alle geehrt.“