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Gedenkstätte Happurg und Hersbruck

Es ist ja nicht so, dass Bayern sich für Ungewöhnliches in ihrem Lande nicht interessieren: Höhlen, Gruben, Stollen werfen Fragen auf. In den sogenannten Doggerstollen zwischen Happurg und Hersbruck in der mittelfränkisch-bayerischen Provinz starben in nur elf Monaten 4.000 KZ-Häftlinge. Ihrer und der Ursachen ihres Sterbens soll jetzt öffentlich unübersehbar gedacht werrden…

Von S. Michael Westerholz

Als das Nazigrauen 1945 endete, als Europa in weiten Teilen ein Trümmerfeld war, übersät mit Abermillionen Kriegs-  und Mordopfern, als Millionen Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht werden mussten, US-Soldaten, UNRRA-Helfer aus aller Welt und jüdische Freriweillige aus Palästina den wenigen KZ-Überlebenden Erste Hilfe leisteten, waren die Deutschen blitzschnell zu einem inneren Entschluss gekommen: Niemand wollte sich als schuldig durch eigene Verbrechen, oder als  mitschuldig durch Wegsehen bekennen. Die Standardformel lautete:  „Wir haben nichts gesehen!“

Theresienstadt mitten in Böhmen an uralten Hauptstraßen –  von niemand gesehen? Flossenbürg hoch an einem Berg mit einer weithin sichtbaren Steinbruchebene –  von  niemand gesehen? Flossenbürgs Nebenlager in Plattling inmitten der Innenstadt zwischen Pfarrkirche und Rathaus in einer großen Schule, die Häftlinge täglich durch die Innenstadt getrieben  – von niemand gesehen? Bis heute ist eine seit Jahren versprochene Gedenktafel dort nicht vorhanden, während die Straßenwidmung für einen Arzt noch immer nicht aufgehoben wurde, der gestützt auf Nazigesetze 2000 wehrlose Menschen überwiegend zwangsweise sterilisiert hat.

Ist es verwunderlich, dass eine derartige Haltung gegenüber der Wahrheit sich zum fruchtbaren Boden für den starken Neonazismus auch in Bayern entwickelte? Während sich das bayerische Innenministerium mit allein vier „braunen“ Kameradschaften in Niederbayern und zahlreichen weiteren im ganzen Lande herumschlägt, geht jetzt die Stiftung Bayerischer Gedenkstätten einen offensiveren Weg: Sie macht Plätze des Grauens so sichtbar, dass auch die Alten, die immer noch leugnen, was vor ihren Augen geschah, widerlegt werden.

Der CSU-Landtagsabgeordnete und Direktor der Stiftung, Karl Freller, hat das Konzept dieser offensiven Aufarbeitung jüngst öffentlich bekannt gemacht. Es setzt beim Nebenlager Happurg des KZ Flossenbürg an. Im namengebenden „Houbirg“  hatten ab Mai 1944 bis April 1945 insgesamt rund 9.500 Häftlinge  ein riesiges Stollensystem  von rund 3,5 Kilometern Länge in den Sandstein gebrochen und dabei rund 500.000 Kubikmeter Abraum nach draußen befördert.  750 Meter Stollen  waren am Kriegsende bereits betoniert. In den elf Monaten wurden in jeweils zwei Schichten rund 15.000 der eigentlich 100.000 geplanten Quadratmeter gegraben.

Mindestens 4.000 der überwiegend jüdischen KZ-Häftlinge aus Polen und Ungarn, einiger Polizeihäftlinge und Zwangsarbeiter  waren den unvorstellbaren Strapazen erlegen. In Hersbruck befand sich ihr Lager, von dem aus sie in unübersehbaren Elendsgruppen täglich fünf Kilometer zur Arbeit und wieder zurück in ihre Baracken wankten. In dem kleinen Ort befanden sich auch die Bauleitung und der SS-Führungsstab. In den Jahrzehnten danach war dieses Lager in Vergessenheit gebracht worden. In den seither verschlossenen Stollen gibt es teilweise hohe, zu regelrechten Hallen ausgedehnte Räume, da die kriegswichtige BMW-Flugzeugmotoren-Fabrik aus München-Allach dorthin verlegt werden sollte. In der „Hauptstadt der Bewegung“ Adolf Hitlers waren die Bombenangriffe mittlerweile so heftig geworden, dass die Flugzeug-  und Waffenproduktion kaum mehr aufrecht erhalten werden konnten. Doch tatsächlich wurde in den Stollen mitz dem GTarnnamen „Esche 1“ kein einziger Flugzeugmotor  mehr gebaut.

Was 1944/45 in Happurg und Hersbruck geschah, hatte nicht unbemerkt bleiben können – und doch dauerte es über 60 Jahre, bis jetzt die politischen Gremien der Gemeinden die Errichtung der Gedenkstätte beschlossen: Sie kostet rund 600.000 €. Vorgesehen ist eine gedankliche Verlängerung des Stollensystems durch  eine Aussichtsplattform, von der aus Stollen und die beiden Gemeinden zu sehen sind. Auf dem einstigen KZ-Nebenlagerplatz in Hersbruck entsteht neben Finanzamt, Tennisplätzen und einer Therme ein Pavillon, in dem die Geschichte des schrecklichen Orts erzählt wird. Auch persönlich-menschliche Schicksale werden dargestellt. Der äußerst umtriebige und mitfühlende Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, ist auch für diese Gestaltung mitverantwortlich und der Garant dafür, dass dieser Gedenkort nicht zu einem Ort romantischer Höhlenwanderungen mit Gruseleffekt verkommt. Ihm ist es zu verdanken, dass Flossenbürg nicht wie bereits begonnen endgültig sozusagen von der Bildfläche und damit aus der Erinnerung verschwand, ihm gelang es auch, zahllose Einzelschicksale aufzuklären und Opfern ein Gesicht zurück- und ein ewiges Gedenken zu geben.

Dass die Bundesrepublik Deutschland sich nicht an den Kosten beteiligt, bedauert der Abgeordnete Freller. Aber es wurde bereits mit den Bauarbeiten begonnen. Freller: „Wir packen das !“ Denn in den beiden Gemeinde stießen Planer, Politiker und Dokumentaristen auf einhellige Zustimmung. Freller: „Was hier gescheiht, ist der beste Weg, der rechten Szene Grenzen aufzuzeigen und in der Öffentlichkeit nachzuweisen und ehrlich zu bekennen, was durch Deutsche verbrochen worden ist. Gegen die braune Flut müssen wir Demokraten halt einfach zusammenhalten!“