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Netanjahus UNO-Auftritt

Der Streit um die „roten Linien“ zum iranischen Atomprojekt, von Israels Premier gefordert und vom amerikanischen Präsidenten als „störende Hintergrundgeräusche“ zurückgewiesen, ist in Wirklichkeit kein echter Streitpunkt. Israel und die USA sind sich einig, dass der Iran unter keinen Umständen zur Atommacht aufrücken darf…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 28. September 2012

Wegen der täglichen Drohungen iranischer Politiker und Militärs, Israel buchstäblich zerstören zu wollen, bedeutet eine iranische Atombombe nicht nur existentielle Gefahr für den jüdischen Staat. Eine Atombombe in den Händen der Ajatollahs würde zu einem atomaren Wettrüsten in der ohnehin extrem instabilen arabischen Welt führen, die Energieversorgung der Welt durch die Meerenge von Hormus und die amerikanischen Stützpunkte im persischen Golf akut gefährden.

Im Widerstreit steht bestenfalls die Taktik, wie der Iran daran gehindert werden könnte, seine Zentrifugen zur Anreicherung von Uran weiterhin auf Hochtouren laufen zu lassen. Infolge israelischer Warnungen wurden harte Sanktionen über den Iran verhängt. Doch die haben bisher nicht gefruchtet. Die diplomatischen Verhandlungen werden von Iran geschickt in die Länge gezogen. Um der Diplomatie mehr Nachdruck zu geben, fordert Premierminister Benjamin Netanjahu jetzt eine „rote Linie“, also ein Ultimatum mit klarem Datum. Doch ein Ultimatum setzt nicht nur der anderen Seite Grenzen. Es verpflichtet auch jenen, der das Ultimatum verhängt. Eine Verpflichtung, nach Ablauf des Ultimatum zur Not mit Gewalt vorzugehen, will der wahlkämpfende US-Präsidenten Barack Obama jetzt nicht eingehen. Gleichwohl ließ er offen, wie Amerika reagieren würde, falls Iran den „Punkt ohne Umkehr“ erreicht oder eine physische Zerstörung des Atomprojekts unmöglich geworden ist. Die Amerikaner hätten da dank besserer militärischer Möglichkeiten  einen längeren Atem als Israel.

Selbstverständlich kann Israel den Amerikanern weder die eigenen Interessen noch das Vorgehen vorschreiben. Umgekehrt ist aber auch Israel ein souveräner Staat. Die USA können kein Veto gegen Israels Recht auf Selbstverteidigung einlegen, zumal es im Falle einer iranischen Atombombe um die physische Existenz geht. Treffend hat es Ajatollah Rafsandschani formuliert: „Die Verwendung nur einer Atombombe in Israel würde alles zerstören, aber der islamischen Welt nur geringen Schaden beifügen“.

Nach dem Holocaust haben die Juden geschworen, nie wieder ihr Schicksal anderen Völkern zu überlassen. Das ist das Spannungsfeld zwischen amerikanischer Diplomatie und israelischem Vertrauen. Zurecht oder unrecht glauben die Israelis, nicht mit einer Atombombe in den Händen religiöser Fanatiker leben zu können, die täglich die Vernichtung Israels und der Juden beschwören, damit der schiitische Messias Mahdi kommen möge.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com