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Die Kehrwoche, die nicht stattfand

Es wird ungemütlicher in Deutschland für Juden. Das liegt vor allem an dem deutschen Judenhass, es liegt aber auch an einigen jungen Muslimen mit und ohne Migrationshintergrund und ihrem sehr eigenen, und leider sehr gefährlichem Antisemitismus. Und es liegt an den Beschwichtigern, Relativierern und Kleinrednern in den jeweils eigenen Gemeinschaften, die lieber Dinge unter den Teppich kehren…

Von Ramona Ambs
Zuerst erschienen bei: publikative.org, 07.09.2012

Ich bin Jüdin. Meine Haarfarbe ist schwarz, meine Muttersprache deutsch. Ich komme einigen Leuten spanisch vor. Aber das ist nur äußerlich. Ich verstehe kein Wort spanisch. Ich verstehe ein bisschen englisch, ein bisschen fränzösisch, ein bißchen hebräisch, ein bisschen dänisch und ein bisschen türkisch. „Yahudiler domuz“ zum Beispiel. Wenn ich das höre, weiß ich, dass es besser ist, dass ich den Leuten spanisch vorkomme und nicht etwa jüdisch.

Yahudiler domuz“ – das hör ich ab und an. Auf Straßen, in Cafes oder Clubs. Und wenn man das hört, dann ist man fast froh, nicht alles zu verstehen. Wobei diese Freude dann auch nur kurz währt, denn mittlerweile hört man`s eh auch variantenreich auf Deutsch. „Du Jude“ ist ein absolut gängiges Schimpfwort. Auch ohne das rosa Tier mit dem Ringelschwänzchen.

Es wird ungemütlicher hier in Deutschland für uns Juden. Das liegt vor allem an dem deutschen Judenhass in der Mitte der Gesellschaft, der sich immer wieder in vielfältiger Weise Bahn bricht. Aber es liegt auch an einigen jungen Muslimen mit und ohne Migrationshintergrund und ihrem sehr eigenen, und leider sehr gefährlichem Antisemitismus. Und es liegt an den Beschwichtigern, Relativierern und Kleinrednern in den jeweils eigenen Gemeinschaften, die lieber Dinge unter den Teppich kehren, als endlich mal richtig hinzuschauen und aufzuräumen.

Vor der eigenen Tür kehren

Aber ok, ich gebs auch zu: Ich rede nicht gerne über jüdischen Rassismus. Ich rede auch nicht gern über Islamhass in isrealsolidarischen Gruppierungen. Das hat zweierlei Gründe. Zum einen sind mir derlei Phänomene – auch wenn ich nichts dafür kann – irgendwie persönlich peinlich. Zum anderen ist das (öffentliche) Reden darüber an sich durchaus verhängnisvoll – wird derlei doch schnell von Antisemiten linker und rechter Couleur aufgegriffen und beklatscht: „Ja ja, die Juden, so sind sie…. sie sagens ja sogar selbst!“ und dann ist man intern der „Nestbeschmutzer“, weil man mal kurz vor der eigenen Haustür gekehrt hat….

Dennoch fand ich es immer nötig und sinnvoll, Missstände in den Communities, in denen ich mich aufhalte und zu denen ich irgendwie gehöre, zu kritisieren. Eben vor der eigenen Tür zu kehren.

Rassistisch und islamophob?

Das Kehren vor der eigenen Tür im übertragenen Sinne wurde kürzlich auch von Dieter Graumann empfohlen. Nach dem antisemitisch motivierten Überfall auf Rabbi Daniel Alter durch mutmaßlich arabische möglicherweise muslimische Jugendliche. Graumann forderte die muslimischen Verbände auf, sich stärker gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu engagieren. Die pikierten Reaktionen darauf zeigen, wie notwendig diese Forderung ist.

Denn es sind die immer gleichen Reflexe, die in öffentlichen Stellungnahmen von Verbandsvorsitzenden, direkten Gesprächen oder auch in Internetkommentaren zu Tage treten: Bereits die Wortkombination aus „muslimisch“ oder „migrantisch“ im Zusammenhang mit dem Wort „Antisemitismus“ sei rassistisch und islamophob, wer sie benutzt, muss also ein Rassist sein, bekommt man dann zu hören. Dass es aber einen spezifischen Antisemitismus unter muslimischen Deutschen und Migranten gibt, der anders motiviert ist und anders gefüttert wird, als der Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft, und dem folglich anders begegnet werden sollte und muss, wird dabei völlig negiert.

Stichwort: Nahost

Dabei könnten grade die muslimischen und migrantischen Verbände hier viel effektiver arbeiten, weil sie eben zu der gleichen Gruppe gehören. Aber dazu kommt es offenbar zumeist gar nicht. Wenn also die Verbände, die hier teilweise erst mit zweitägiger Verspätung und nach mehrmaliger Aufforderung auf den antisemitischen Angriff reagieren, dann meist nicht ohne folgende Botschaft mit einzupacken:

1. Es mögen zwar vielleicht und unter Umständen muslimische Täter gewesen sein, aber der Islam ist dafür nicht verantwortlich.
2. Das eigentliche Problem dieser Gesellschaft ist die Islamophobie /der Rassismus, diese gilt es (ebenso wie den Antisemitismus) zu bekämpfen.

Auf eine Stellungnahme, die zum Beispiel mal ganz eindeutig sagt „der Nahostkonflikt rechtfertigt in keinster Weise Gewalt an den hier lebenden Juden.“ warte ich schon länger. Dabei wäre das schon mal ein erster Schritt, denn der Antisemitismus unter jungen Muslimen nährt sich vor allem aus diesem Konflikt, wie Anne Goldenbogen feststellt: „Je stärker die Jugendlichen sich als Muslime definieren […] und je autoritärer die Religionsvorstellung auch ist, […] desto stärker ist die Tendenz, diesen Konflikt nicht nur als einen politischen oder territorialen Konflikt wahrzunehmen, sondern auch als eine Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Juden oder Muslimen und dem Westen, was auch oft gleichgesetzt wird, und desto stärker äußern sich dann auch antisemitische Ressentiments, die auf so einer Weltsicht fußen.“

Frustration

Passend dazu sind die Kommentare von einigen Muslimen im Internet. Bei der leisesten Kritik am Umgang und der Wahrnehmung des innermuslimischen Antisemitismus hört man zum Beispiel : „Schon interessant, wie versucht wird den eigenen Rassismus dadurch zu relativieren, indem man andere beschuldigt noch viel viel schlimmer zu sein, statt gegen alle Formen einzutreten. Ein Armutszeugnis…“ Ein vorhandenes Problem wird einfach abgewiegelt mit dem Verweis auf den restlichen Antisemitismus im Land.

In persönliche Gesprächen ist es meist auch nicht besser: Kaum spricht man bei Muslimen einen vermeintlich islamisch motivierten Antisemitismus an, wird aufgezählt wann, wo, welcher muslimische Mensch Opfer einer rassistischen Gewalttat wurde. Davon scheint auch alles besser zu werden. In den wenigsten Fällen bisher hab ich aufrichtige Anteilnahme vermittelt bekommen. Das frustriert. Und es lässt mich durchaus ratlos zurück, denn eigentlich hat man ja ein gemeinsames Ziel: friedlich miteinander Leben und rechte Gewalt abwehren.