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Jom Kipur 1973 – 2012: Die große Unterlassung

ICH SITZE hier, um diesen Artikel auf die Minute genau zu schreiben , als vor 39 Jahren die Sirenen zu heulen anfingen. Eine Minute vorher herrschte totale Ruhe so wie jetzt. Kein Verkehr, keine Aktivitäten auf der Straße, wenn man von ein paar radelnden Kindern absieht. Yom Kippur, der heiligste Tag für Juden, herrschte absolut. Und dann …

Uri Avnery zu den neuen Erkenntnissenaus Dokumenten zum Jom-Kipur-Krieg 1973

Unvermeidlich beginnt die Erinnerung zu arbeiten.

IN DIESEM Jahr wurden viele alte Dokumente für die Veröffentlichung frei gegeben. Kritische Bücher und Artikel folgten.

Alle beschuldigten die Ministerpräsidentin Golda Meir und den Verteidigungsminister Moshe Dayan.

Beide wurden zwar schon direkt nach dem Krieg getadelt worden, aber nur für oberflächliche militärische Versäumnisse, die man „die große Unterlassung“ nannte. Die Unterlassung war, die Reservisten nicht mobilisiert und die Panzer nicht rechtzeitig an die Front gebracht zu haben, trotz der vielen Anzeichen, Ägypten und Syrien seien im Begriff, uns anzugreifen.

Jetzt wird zum ersten Mal die wirklich „große Unterlassung“ untersucht: der politische Hintergrund des Krieges. Die Ergebnisse haben einen direkten Bezug zu dem, was jetzt geschieht.

ES STELLT sich heraus, dass im Februar 1973, also acht Monate vor dem Krieg, Anwar Sadat seinen Vertrauensmann Hafez Ismail zu US-Außenminister Henry Kissinger sandte. Er bot ihm an, sofort Friedensverhandlungen mit Israel zu beginnen.

Es gab eine Bedingung und ein Datum: der ganze Sinai bis zur internationalen Grenze von 1967 sollte ohne irgend eine israelische Siedlung an Ägypten zurückgegeben werden, und das Abkommen sollte spätestens bis Ende September abgeschlossen sein.

Kissinger mochte den Vorschlag und gab ihn gleich an den israelischen Botschafter Yitzhak Rabin weiter, der im Begriff war, seine Amtszeit zu beenden. Rabin informierte natürlich sofort die Ministerpräsidentin Golda Meir, die das Angebot sofort ablehnte. Es folgte eine hitzige Diskussion zwischen Botschafter Rabin und Ministerpräsidentin Meir.

Rabin, der Kissinger sehr nahe stand, hätte das Angebot gerne angenommen. Golda behandelte die ganze Initiative als einen weiteren arabischen Trick, sie zu veranlassen, die Sinai-Halbinsel aufzugeben und die Siedlungen, die auf ägyptischem Territorium gebaut worden waren, zu entfernen.

Schließlich war der wirkliche Zweck dieser Siedlungen – einschließlich der neuen in hellem Weiß leuchtenden Stadt Yamit – genau die Rückgabe der ganzen Halbinsel an Ägypten zu verhindern. Weder Golda noch Dayan dachten daran, den Sinai zurückzugeben.
Dayan hatte schon den berüchtigten Ausspruch gemacht, er zöge „Sharm al-Sheik ohne Frieden dem Frieden ohne Sharm al-Sheik“ vor. (Sharm al-Sheik, dem schon der hebräische Namen Ophira gegeben worden war, liegt nahe der südlichen Spitze der Halbinsel, nicht weit von den Ölquellen, die Dayan auch nicht aufgeben wollte.)

Selbst vor den neuen Enthüllungen, war allgemein bekannt, dass Sadat mehrere Versuche gestartet hatte, um eine Annäherung und Friedensgespräche mit Israel zu erreichen. So hatte der ägyptische Präsident seine Bereitschaft, ein Abkommen zu erreichen, bei seinen Gesprächen mit UN-Vermittler Dr. Gunnar Jarring zu verstehen gegeben. Dessen Bemühungen waren in Israel schon Gegenstand von Spott und Witz geworden.

Zuvor hatte der vorherige ägyptische Präsident Gamal Abd-al-Nasser Nahum Goldmann, den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses (und eine Zeit lang der Präsident der Zionistischen Weltorganisation) eingeladen, ihn in Kairo zu treffen. Golda verhinderte dieses Treffen, doch als dies bekannt wurde, gab es in Israel einen Sturm von Protesten, darunter auch der berühmte Briefes einer Gruppe von Zwölft-Klässlern, die zu verstehen gaben, dass es für den Jahrgang 1954/55 sehr hart werden würde, in der Armee zu dienen.

All diese ägyptischen Initiativen konnten als politische Manöver beiseite gewischt werden. Aber eine offizielle Botschaft von Sadat an den amerikanischen Außenminister konnte nicht ignoriert werden. Golda entschied sich, auf Grund der Lehren, die sie aus dem Goldmann-Vorfall gezogen hatte, die ganze Sache einfach geheim zu halten.

AUF DIESE Weise wurde eine unglaubliche Situation geschaffen. Diese schicksalhafte Initiative, die einen historischen Wendepunkt hätte bewirken können, wurde nur zwei Leuten zur Kenntnisnahme gebracht: Moshe Dayan und Israel Galili.

Die Rolle des letzteren muss erklärt werden: Galili war die „graue Eminenz“ Goldas, wie auch ihres Vorgängers Levy Eshkol. Ich kannte Galili gut und verstand nie, wo sein Ansehen als brillanter Stratege herkam. Vor der Gründung des Staates, war er die Lichtgestalt der illegalen Hagana-Militärorganisation. Als Mitglied eines Kibbuzes war er offiziell ein Sozialist, aber in Wirklichkeit war er ein nationalistischer Hardliner. Er war es, der die brillante Idee hatte, Siedlungen auf ägyptischem Territorium zu bauen, um die Rückgabe des nördlichen Sinai unmöglich zu machen.

Die Sadat-Initiative war also nur fünf Personen bekannt: Golda, Dayan, Galili, Rabin und Rabins Nachfolger in Washington Simcha Dinitz, einem Niemand, Goldas Lakai.

So unglaublich es klingen mag: der Außenminister Abba Ebban, Rabins direkter Boss war nicht informiert. Noch waren es all die anderen Minister, der Stabschef und die anderen Leiter der bewaffneten Kräfte, einschließlich der Chefs der Armee-Nachrichtendienste, wie auch die Chefs des Shin Bet (Sicherheitsdienst) und des Mossad. Es war ein Staatsgeheimnis.

Keine Debatte gab es darüber – weder öffentlich noch geheim.

Der September kam und ging vorüber, und am 6. Oktober überquerten Sadats Soldaten den Suez-Kanal und erlangten einen welterschütternden Überraschungserfolg, ebenso wie die Syrer auf den Golan-Höhen.

Als direkte Folge von Goldas „großer Unterlassung“ starben 2.693 israelische Soldaten, 7.251 wurden verletzt und 314 wurden gefangen genommen (wobei die Zehntausende ägyptischer und syrischer Verluste noch nicht erwähnt wurden.)

IN DIESER Woche beklagten israelische Kommentatoren das totale Schweigen der Medien und Politiker zu jener Zeit.

Na ja, nicht alle schwiegen.
Mehrere Monate vor dem Krieg warnte ich Golda Meir bei einer Rede in der Knesset, wenn der Sinai nicht bald zurückgegeben werde, würde Sadat mit einem Krieg beginnen, um den toten Punkt zu überwinden.
Ich wusste, worüber ich sprach. Ich hatte natürlich keine Ahnung von der Ismail-Mission. Aber im Mai 1973 nahm ich an einer Friedenskonferenz in Bologna teil. Die ägyptische Delegation wurde von Khalid Muhyi-al-Din geleitet, einem Mitglied der ursprünglichen Gruppe Freier Offiziere, von denen die 1952er-Revolution ausging. Während der Konferenz nahm er mich zur Seite und sagte mir im Vertrauen, wenn der Sinai nicht bis September zurückgegeben sei, würde Sadat einen Krieg beginnen. Sadat mache sich keine Illusionen darüber, wer siegen würde, sagte er, er hoffe aber, dass ein Krieg die USA und Israel zwingen würden, mit Verhandlungen über die Rückgabe des Sinai zu beginnen.

Meine Warnung wurde von den Medien vollkommen ignoriert. Sie behandelten wie Golda die ägyptische Armee mit abgrundtiefer Verachtung und betrachteten Sadat als Trottel. Der Gedanke, dass die Ägypter die unbesiegbare israelische Armee anzugreifen wagen würden, erschien ihnen lächerlich.

Die Medien beteten Golda an. Auch die ganze Welt, besonders Feministinnen. (Ein berühmtes Poster zeigt ihr Gesicht mit der Aufschrift: „Aber kann sie tippen?“) In Wirklichkeit war Golda eine sehr primitive Person, ignorant und starrsinnig. Mein Magazin haOlam haseh griff sie praktisch jede Woche an, wie auch ich in der Knesset. ( Sie gab mir das einzigartige Kompliment einer öffentlichen Erklärung, sie sei bereit, „ auf die Barrikaden zu gehen“, um mich aus der Knesset zu jagen.)

Unsere Stimme war wie „eine Stimme in der Wüste“, aber sie erfüllte eine Funktion: in ihrem Buch „Marsch der Torheiten“ ) verlangte Barbara Tuchman , dass eine Politik nur dann als töricht gebrandmarkt werden könne, wenn wenigstens eine Stimme zur richtigen Zeit gewarnt hätte.

Vielleicht hätte sogar Golda nachgedacht , wenn sie nicht von so sehr sie preisenden Journalisten und Politikern umgeben gewesen wäre, die ihre Weisheit und ihren Mut zelebrierten und jedem ihrer dummen Aussprüche applaudierten.

LEUTE VOM selben Schlag, manchmal sind es sogar noch genau die gleichen Leute,  tun jetzt gegenüber Benjamin Netanjahu dasselbe.

Wieder starren wir derselben „großen Unterlassung“ ins Gesicht.

Wieder entscheidet eine Gruppe von zwei oder drei Personen über das Schicksal der Nation. Allein Netanjahu und Ehud Barak (wahrscheinlich mit Hilfe Netanjahus Frau Sara’le ) treffen alle Entscheidungen und halten „ihre Karten nah an ihrer Brust“.
Den Iran angreifen oder nicht angreifen?
Die Politiker und Generäle werden im Dunklen gelassen.
Bibi und Ehud wissen es am besten.
Ein Beitrag von anderer Seite ist nicht nötig.

Aber bedeutender als die blutigen Drohungen gegen den Iran ist das totale Schweigen zu Palästina.

Die palästinensischen Friedensangebote werden einfach ignoriert wie diejenigen von Sadat in der damaligen Zeit. Die zehn Jahre alte arabische Friedensinitiative, die von allen arabischen und muslimischen Staaten unterstützt wird, scheint Luft zu sein, als habe es sie nie gegeben.

Stattdessen werden wieder Siedlungen aufgebaut und erweitert, um die Rückgabe der besetzten Gebiete unmöglich zu machen. (erinnern wir uns an jene, die damals behaupteten , die Besetzung des Sinai sei „irreversibel“. Wer würde es je wagen, Yamit zu zerstören?)

Wieder sind es Mengen von Schmeichlern, Medienstars und Politikern, die miteinander in der Lobhudelei des „Bibi, König von Israel“ („Bibi, Melekh Jisrael!“) wetteifern. Wie flüssig und sanft er auf amerikanisch reden kann! Wie überzeugend seine Reden in der UN und im US-Senat! Was für ein Glück, dass unser Staat vom einem so  herausragenden Talent geführt wird!

Nun, Golda war mit ihren etwa 200 Worten schlechtem Hebräisch und primitivem Amerikanisch viel überzeugender, und sie erfreute sich der Lobhudelei der ganzen westlichen Welt. Doch wenigstens hatte sie soviel Ahnung, den amtierenden amerikanischen Präsidenten (Richard Nixon) während einer Wahlkampagne nicht herauszufordern.

IN JENEN Tagen nannte ich unsere Regierung „Das Narrenschiff“.
Unsere jetzige Regierung ist schlimmer, viel schlimmer.

Golda und Dayan führten in eine Katastrophe. Nach dem Krieg, ihrem Krieg, wurden sie hinausgeworfen – nicht durch Wahlen, nicht durch irgendein Untersuchungskomitee , sondern durch einen Massenprotest des Volkes, der das Land Israel erschütterte.

Bibi und Ehud führen uns in eine andere, viel schlimmere Katastrophe. Eines Tages werden sie von den selben Leuten hinausgeworfen, die sie jetzt anhimmeln – falls sie überleben.

Übersetzung Ellen Rohlfs, 09-2012