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Die Entdeckung der Liebe

Die Deutschen sind schon ein seltsames Volk. Einerseits haben sie Angst, dass sie aussterben, weil zu wenig Kinder geboren werden. Andererseits wollen sie aber kaum noch Kinder haben. Höchstens eins oder maximal zwei. Familien mit mehr als zwei Kindern gelten nämlich schon tendenziell als assozial. Und ab dem dritten Kind steigt das Armutsrisiko ja auch überproportional an…

Von Ramona Ambs

Kindergärten werden geschlossen, weil sich Anwohner über Kinderlärm – übrigens eine Wortkombi, die so in keiner anderen Sprache existiert – beschweren. Spielplätze haben engste Benutzungszeiten. Von Bolzplätzen red ich erst gar nicht. In diesem reichen Land gehen einige Kinder hungrig zur Schule, sie werden gemobbt, wenn sie keine Markenklamotten tragen, sie werden von ihren Lehrern aussortiert, wenn sie Kevin, Chantal oder Mehmet heißen, weil bei diesen Namen ja jedem Lehrer von vornherein klar ist, dass diese Kinder garantiert nix aufm Kasten haben können1

Ein Hartz-IV- Kind bekommt weniger Geld für die Grundversorgung als ein Polizeihund. Überhaupt sind Tiere im Zweifel wichtiger als Kinder, denn Kinder sind laut, ungezogen und machen Dreck. In einigen Restaurants und Hotels sind Kinder mittlerweile ganz offiziell unerwünscht oder sogar verboten. Kinder werden in diesem Land vor allem einsortiert, aussortiert und verwaltet.

Aber nun ist alles anders.

Die Deutschen haben nämlich die Liebe zu Kindern entdeckt. Ganz plötzlich. Quasi über Nacht.

Und weil sie sich nun plötzlich für Kinder und deren Rechte erwärmt haben, möchten sie ihren Protest – leidenschaftlich wie sie nun mal sind – auf die Straße tragen. Menschenketten bilden für Kinderrechte!2

Jaaa, genau! Die Deutschen, die bei den Kippa-Flashmobs nach dem Angriff auf Rabbiner Alter und seine kleine Tochter gefehlt haben, die, die nach der NSU-Mordserie einfach gemütlich auf dem Sofa sitzen geblieben sind, die stehen jetzt auf und zeigen Gesicht. Das ist der langersehnte Aufstand der Anständigen. Und sie gehen das Problem mit deutscher Gründlichkeit an. Sie haben eine Webseite geschaltet. Pro Kinderrechte heisst die.3

Und dort sammeln sie auch richtig viel Knete, um Kinder aus der Armut und der gesellschaftlichen Ächtung rauszuholen… äh… oder neee, -sorry. Ich hab da was verwechselt.

Da geht es doch um was ganz anderes. Es geht gar nicht um Kinder, sondern um Pimmel. Die sollen nämlich im Namen des Humanismus unbeschnitten bleiben. Das ist ganz wichtig…

Grenzt zwar an Verbrauchertäuschung, wenn da was von Kinderrechten steht, aber was solls. Pro Pimmelrechte klänge ja auch ein bißchen dämlich… Und „Menschenkette für vollbehäutete Schwänze“ ebenfalls…
naja.
Schade eigentlich.

Wär ja auch zu schön gewesen, wenn die Deutschen mal für Kinder, Juden und Migranten, eben einfach für vielfältiges, buntes und menschenwürdiges Leben auf die Straße gegangen wären, aber sowas lockt wohl keinen Schwanz hinterm Ofen vor…

  1. http://www.zeit.de/wissen/2009-9/vorurteile-namen-grundschullehrer []
  2. http://www.muelheimer-freiheit.net/nachrichten.php?ID=6595 []
  3. http://pro-kinderrechte.de/ []