Siegfried Bernfeld: Die Menschheit ist nicht, sie soll erst werden

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Die Menschheit ist nicht, sie soll erst werden. Sie ist die vornehmste unserer Aufgaben. Auch manche der Ästhetischen erkennen dies. Aber sie behaupten, einen Weg zu wissen, der zur Erfüllung führt, ohne daß sie selber tätig werden müßten…

Siegfried Bernfeld: Zionismus und Jugendkultur, III. Teil, pp. 202

Selbst ohne daß sie gezwungen wären, zum politischen Weltbild sich umzudenken. Solchen Heils- und Zauberweg glauben sie zu gehen durch persönliche Erfüllung des Menschentums. Kein Wort sei gegen diesen Willen an sich gesagt. Es ist ein allgemeines Ziel jedes Menschen. Aber er ist kein Weg, der zur Menschheit führt. Zu allen Zeiten, bei allen Völkern gab es Menschen höchsten Edelsinns, vollkommenster Reinheit der Gesinnung und der Tat, weisester Einsicht in Menschen, Dinge und Beziehungen. Immer waren diese eingestreut in die überwältigende Masse der andern. Sie haben die Menschheit nicht höher gebracht; sie haben die Kluft zwischen Ziel und Gegebenheit erweitert, indem sie ein immer höheres, immer reineres Niveau anzeichneten für den Aufstieg der anderen, die nicht folgen können und wenn sie selbst wollten; allein sie können nicht einmal wollen. Selbst wenn die Zahl der Folgenden immer größer würde – es gibt keine Möglichkeit, keinen Weg, ihr Wachsen zu erzwingen, zu sichern, zu ermöglichen, solange die Menschheitssucher vereinzelt irren.

Die Menschheit ist ein Problem der Gruppen

Die Menschheit ist ein Problem der Gruppen nach jeder Richtung hin. Denn worauf einzig es ankommt, ist, daß die Gruppen sich auf den Weg zur Menschheit machen. Von der Bestialität führt kein Weg zur Humanität als durch die Nationalität. Menschentum verwirklichen, die Idee Menschheit realisieren, ihre ewigen Werte, ihren ganzen Kulturbesitz wahrhaft wirkend zu machen, heißt, den inneren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, geistigen, sittlichen Bau der Gruppen in seinem tiefsten Wesen, in jeder Beziehung nach jenen Werten richten, mit jenen Werken durchtränken, mit jener Gesinnung erfüllen. Das ist die heutige Forderung. Ihr gilt es zugleich, vielleicht vor der persönlichen zu genügen. Dieser Weg ist noch nicht beschritten worden. Er trägt in sich die Hoffnung auf ein Gelingen, und wäre es nur deshalb, weil er allein noch nicht beschwert ist von der Fülle der Mißerfolge und Enttäuschungen, die sich in Jahrhunderten fügte, Glied für Glied in jeder Generation.

Wir brauchen, die Menschheit braucht ihn, den politischen Menschen. Darunter sei einer verstanden, der erfaßt ist von einem leuchtenden Bild zukünftiger Ordnung der menschlichen Dinge, dem dieses Bild das absolute Sollen ist, klar erkannt und so innig seinem Selbst einverleibt, daß es nicht mehr intellektuell in ihm wirkt, sondern Gefühl, Trieb, Wille wurde; einer – und das ist das unerläßliche -, der alle seine schöpferischen Energien, das ganze Maß ihm vergönnter Leidenschaft und Arbeit der Verwirklichung dieser idealen Ordnung widmet.

Dieser politische Mensch hat Sinn und Aufgabe nur in seiner natürlichen Gruppe, in seiner Nation. Sie ist der Ort, das Medium, in dem er wirksam werden kann und muß. Sein Ziel wird sein, die Tatsache der gegenwärtigen Lage seiner Nation so zu verändern, daß in ihr die Menschheit realisiert sei. Wer von den Ästhetischen nicht beim Wort stehen bleiben will, wesenlos und unfruchtbar im tiefsten Grunde, die Verwirklichung der eigenen Worte hemmend, muß politisch werden in diesem Sinn. Hier sieht der assimilatorische Jude im deutschen Lande seinen Weg sich in zwei scheiden. Zwei Nationen erscheinen in gleicher Weise als seine natürliche Gruppe. Und an dieser Stelle muß er sich entscheiden. Denn was ihm als dritte Möglichkeit erschien, ist keine. Er kann nicht in die Menschheit, ohne mit der jüdischen oder der deutschen Gruppe zu gehen.

Erschienen im August 2011 in der Bibliothek der Psychoanalyse, psychosozial-verlag.de

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Siegfried Bernfeld: Zionismus und Jugendkultur
Seine Vision bestand in der Errichtung eines sozialistisch geprägten jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Organisiert nach dem Vorbild der Freien Schulgemeinden sollte dies insbesondere durch die jüdische Jugend geleistet werden, was Bernfeld in seiner Schrift »Das jüdische Volk und seine Jugend« detailliert beschrieb.
Von Bernfelds utopischem Entwurf sind bemerkenswert viele Elemente in den israelischen Kibbuzim wiederzufinden…

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