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Apokalyptische Politik und Tausendjähriges Reich

Norman Cohn hat, in der wegweisenden Studie ‚Die Sehnsucht nach dem Millennium‚, als erster systematisch die religiösen Wurzeln von revolutionären Bewegungen der Moderne untersucht. Schon zuvor war oft darauf hingewiesen worden, dass der Kommunismus für seine Anhänger viele religiöse Funktionen erfüllte, etwa in einer berühmten Sammlung von Aufsätzen desillusionierter Exkommunisten, die den Titel Ein Gott, der keiner war trug und bald nach dem Beginn des Kalten Krieges erschien…

Aus John Gray: Politik der Apokalypse – Wie Religion die Welt in die Krise stürzt

»Bald wird das Ende von allem da sein; es wird sein ein neuer Himmel und eine neue Erde«, lesen wir in der Apokalypse. Lasse den Himmel weg, behalte nur die »neue Erde«, und du hast das Geheimnis und die Formel der utopischen Systeme […].
E. M. Cioran

Cohn wies nach, dass die Ähnlichkeiten viel weiter reichten, als man bis dahin angenommen hatte. Auf dem Gipfel seines Einflusses in der ganzen Welt wies der Kommunismus des 20. Jahrhunderts viele Merkmale auf, die auch für die Endzeit-Bewegungen des europäischen Mittelalters kennzeichnend waren. Eine solche Endzeit-Revolution war der Sowjetkommunismus. Dasselbe gilt für den Nationalsozialismus, auch wenn die Zukunftsvision, für die viele seiner Anhänger sich begeisterten, unter bedrohlicheren Vorzeichen stand.

Es empfiehlt sich, zunächst einige zentrale Begriffe zu klären.

Christliche Millenaristen, die man auch als Chiliasten bezeichnet – nach dem griechischen Wort chilioi, »tausend« –, hegen die Erwartung, Jesus werde auf die Erde zurückkehren, um in einem neuen Königreich tausend Jahre über sie zu herrschen, und geben sich einem apokalyptischen Geschichtsbild hin. Apokalypse ist im allgemeinen Sprachgebrauch fast immer ein Synonym für Katastrophe. Im Neuen Testament aber meint dieses griechische Wort, das wörtlich übersetzt »Enthüllung« bedeutet, dass am Ende der Zeiten Geheimnisse, die im Himmel niedergeschrieben sind, offenbart werden. Die Apokalypse beschwört für die Auserwählten kein Unheil herauf, sondern bringt Rettung.

Eschatologie ist die Lehre von den letzten Dingen und vom Weltende (das griechische Wort éschatos bedeutet »letzter «, »äußerster«). Wie ich in diesem Kapitel noch ausführen werde, war das frühe Christentum ein eschatologischer Kult: Jesus und seine Jünger glaubten, die Zerstörung der Welt stehe unmittelbar bevor und daraus werde eine neue und vollkommeneWelt hervorgehen. Nicht jede Eschatologie entwirft ein derart verheißungsvolles Bild der Zukunft: In manchen heidnischen Traditionen erscheint das Ende der Welt als eine finale Katastrophe, in der auch die Götter untergehen.
Eine negative Eschatologie dieser Art war auch in der Ideologie der Nationalsozialisten enthalten, obgleich sie ansonsten auf die christliche Dämonologie zurückgriffen. Fürmittelalterliche und säkulare millenarische Bewegungen, die das Tausendjährige Reich Christi auf Erden erwarten, war im Gegensatz dazu dieApokalypsemit großen Hoffnungen verbunden; sie bereiteten sich auf eine Endzeit vor, in der alle Übel der Welt für immer verschwinden würden. (Gelegentlich unterscheidet man zwischen Millenaristen und Millenialisten. Erstere glauben an eine ganz konkrete Wiederkunft Christi und das Tausendjährige Reich, während Letztere erwarten, dass eine Art heiliges Königreich anbricht. Die Begriffe werden allerdings nicht konsequent voneinander abgegrenzt. Ich benutze sie synonym, soweit ich nicht eigens auf den Bedeutungsunterschied verweise.) Die Formen des Millenarismus, die in westlichen Gesellschaften wirksam waren und sind, stammen vom Christentum ab. In den meisten Religionen gibt es die Vorstellung eines Verlaufs derWeltgeschichte mit einemAnfang und einem Ende gar nicht. Hindus und Buddhisten sehen das menschliche Leben als kurzen Moment in einem kosmischen Kreislauf; Erlösung besteht im Heraustreten aus diesem unendlichen Zyklus des Lebens. Ein ganz ähnliches Bild vom menschlichen Leben entwarfen Platon und seine Schüler im vorchristlichen Europa. Im frühen Judentum findet sich keinerlei Vorstellung der Art, dass die Welt auf ihr Ende zustrebt.

Mit dem Christentum setzte sich die Idee durch, die Geschichte der Menschheit sei ein teleologisches Geschehen.

Das griechische Wort telos bedeutet »Ende« im doppelten Sinne, nämlich sowohl den Abschluss eines Vorgangs als auch den Zielpunkt oder Zweck, auf den ein Prozess ausgerichtet ist. Die Geschichte hat nach christlicher Auffassung also zum einen ein vorbestimmtes Ende im Sinne eines Ziels und bricht zum andern ab, sobald dieses Ziel erreicht ist. Säkulare Denker wie Karl Marx und Francis Fukuyama haben diese Teleologie übernommen und gelangen so zu ihren Aussagen vom »Ende der Geschichte«. Auch Fortschrittstheorien gründen in einer teleologischen Sichtweise, insofern sie die Geschichte als einen Prozess darstellen, der sich auf ein universelles Ziel zubewegt, auch wenn er es nicht zwangsläufig erreichen wird. Hinter all diesen Vorstellungen steht die Annahme, Geschichte sei nicht dadurch zu begreifen, dass wir nach den Ursachen von Ereignissen forschen, sondern erschließe sich von ihrem Ziel her, das in der Rettung der Menschheit bestehe. Diese Idee fand erst mit dem Christentum Eingang ins abendländische Denken und hat es seitdem entscheidend geprägt.

Endzeit-Bewegungen scheinen freilich nicht auf das christliche Abendland beschränkt zu sein. Im Jahr 1853 gründete der Anführer im Taipingaufstand, Hong Xiuquan, der sich für den jüngeren Bruder Jesu hielt und 1851 das »Himmlische Reich des allgemeinen Friedens« ausrief, in Nanking ein utopistisches Gemeinwesen, das elf Jahre lang existierte, bis es nach Kämpfen, in denen über 20 Millionen Menschen starben, zerstört wurde.4 Der Taipingaufstand zählt zu einer Reihe Apokalyptische Politik von Erhebungen in China, die von millenarischen Ideen inspiriert waren. Dieses Gedankengut kam möglicherweise erst durch christliche Missionare nach China, doch es könnte auch sein, dass ähnliche Ideen schon vorher im Umlauf waren.

Manches weist darauf hin, dass Vorstellungen von einer Zeit der Zerstörung, auf die eine Ära des Friedens unter der Führung eines himmlischen Retters folgt, in China schon seit dem 3. Jahrhundert existierten.5 Jedenfalls übten Anschauungen vom bevorstehenden Weltende oder der unmittelbar anbrechenden Endzeit entscheidenden Einfluss auf das Abendland aus, ob ihre Ursprünge nun ausschließlich in ihm selbst zu suchen sind oder nicht.

*) John Gray ist emeritierter Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. International bekannt wurde er durch zahlreiche Sendungen für die BBC und als Autor herausragender Bücher (insbesondere: ›Straw Dogs‹, dt.: ›Von Menschen und anderen Tieren‹).

Aus John Gray: Politik der Apokalypse – Wie Religion die Welt in die Krise stürzt
Aus dem Englischen von Christoph Trunk, Deutscher Taschenbuch Verlag

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Fortsetzung von: Die Politik der Moderne: Auch ein Kapitel der Religionsgeschichte
Unsere Welt am Beginn des neuen Jahrtausends ist übersät mit den Trümmern utopischer Projekte, die zwar säkular auftraten und sich religiösen Vorstellungen widersetzten, in Wirklichkeit aber von religiösen Mythen getragen waren…