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Nahöstliche Momentaufnahme vom 5. September 1972

Vor genau 40 Jahren wurde die Welt durch einen Terroranschlag auf die israelische Delegation bei den Olympischen Spielen in München aufgeschreckt. Vieles klingt bekannt, aber die Welt war eine andere…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 28. August 2012

„Wie konnte ein Massaker, das weltweit Abscheu erregte und Millionen gegen die (palästinensischen) Fedajin aufbrachte, ein Triumph sein? Wie der Mord an wehrlosen Sportlern ein Erfolg? Wie konnte man ein Unternehmen gelungen nennen, von dem kein einziger Kämpfer zurückkehrte?“ Diese Fragen stellte der „Spiegel“ 1972, nachdem der Guerilla-Führer Georges Habasch den Terrorangriff auf die „fröhlichen“ olympischen Spiele in München einen „Triumph Palästinas“ bezeichnet hatte. Heute würde das niemand mehr fragen.

Israel war noch infolge des Sechs-Tage-Krieges von 1967 vom Hochgefühl geprägt, „unbesiegbar“ zu sein. Das winzige Land mit knapp 3 Millionen Einwohnern hatte die arabischen Armeen bezwungen und ein Gebiet seiner dreifachen Größe erobert: die syrischen Golanhöhen, das jordanische Westjordanland, den ägyptisch besetzten Gazastreifen und die ägyptische Sinai-Halbinsel.

Golda Meir, 1878 in Kiew geboren, war Ministerpräsidentin. Die Regierungskoalition wurde von der sozialistischen Partei angeführt. Am Kabinettstisch saßen neben Golda Meir Veteranen der Staatsgründung 24 Jahre zuvor: General Mosche Dajan, der in Dresden geborene Rabbiner Josef Burg, Schimon Peres, Ezer Weizman und Außenminister Abba Eban. Die „Rechten“ unter Menachem Begin brachten erst mit den Wahlen 1977 eine „Wende“.

Trotz des dreifachen „Nein“ von Khartoum (kein Frieden, keine Verhandlungen, keine Anerkennung) der arabischen Liga 1967 herrschte in Nahost Hoffnung auf einen friedlichen Ausgleich. Genau in diese Kerbe schlugen palästinensische Organisationen. Sie befürchteten, dass die israelisch besetzten Gebiete „an die Araber“ übergeben werden könnten.

Selbst die Araber glaubten nicht, dass Palästinenser Anrechte auf diese Gebiete hätten. Mit Flugzeugentführungen und Terroranschlägen wie 1972 in München befolgten sie zwei Ziele: jegliche Friedensbemühungen in Nahost zerstören und auf ihre „Sache“ aufmerksam machen.

„So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht,“ sagte die israelische Premierministerin Golda Meir im Juni 1969. Jassir Arafat hatte erst 1968 in seiner PLO-Charta den „Arabern Palästinas“ den Namen „Palästinenser“ verpasst. Bei der UNO taucht der Begriff „Palästinenser“ erstmals 1974 auf. Im Archiv des „Spiegel“ kommt der Hinweis „Sie haben sich vertippt“, wenn man „Palästinenser“ vor 1968 sucht. Der vermeintliche „Kern“ des Nahostkonflikts, die Palästinenser, existierte 1972 noch nicht.

Palästinensische Terrororganisationen wurden ähnlich gesehen und gefürchtet, wie heute El Kaeda. Deshalb haben die Medien – aus heutiger Sicht politisch inkorrekt – 1972 noch von „Guerillas“, „Terroristen“, „Fedajin“ oder „Jordaniern aus den von Israel besetzten Gebieten“ berichtet.

Damals war die RAF („Baader/Meinhof Bande“) Deutschlands Erzfeind. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West wurde auch im Nahen Osten ausgetragen. Arafats PLO war mit Moskau verbündet. Die Waffen für die Attacke in München wurden über die DDR geschmuggelt.

Ägypten hatte ab 1970 entlang des Suezkanals einen Zermürbungskrieg gegen Israel gestartet. Guerillas (Palästinenser) infiltrierten aus Jordanien und lieferten sich Scharmützel mit der israelischen Armee. Das endete mit dem „Schwarzen September“ 1970, dem gescheiterten Umsturzversuch Jassir Arafats gegen König Hussein von Jordanien. Nach einem Massaker an etwa 10.000 Palästinensern musste der „Guerilla-Führer“ nach Syrien fliehen, wo ihn ein Todesurteil erwartete. Mit seinen „Kämpfern“ zog er weiter nach Libanon, wo die Palästinenser 1975 einen weiteren Bürgerkrieg anzettelten.

Die Terroristen bei den olympischen Spielen nannten sich „Schwarzer September“. Sie unterstanden dem Befehl Jassir Arafats. Ab Dezember 1971 hatte die Gruppe in Westeuropa sechs Attentate ausgeführt, darunter in Köln und Hamburg.

Die „Siedlungen“ waren überhaupt noch kein Thema. 1972 lebten 1.182 Israelis in Siedlungen im Westjordanland (heute 300.000).

Vor 1972 verunsicherte palästinensischer Terror die ganze Welt, selbst wenn er gegen Israel gerichtet war. 82 Flugzeugentführungen wurden allein 1969 notiert, doppelt so viele wie zwischen 1947 und 1967. In der Folge wurden Sicherheitskontrollen eingeführt. Fortan galt jeder Fluggast als potentieller „Terrorist“. Ab 1970 kam es zu Terroranschlägen auf Flughäfen, erst in München und danach in Wien, Rom und anderswo.

Am 8. Mai 1972, vier Monate vor den Olympischen Spielen, stürmten Elitesoldaten auf dem Flughafen Lod eine entführte Sabena-Maschine.

Verteidigungsminister Mosche Dajan und Geheimdienstchef Zwi Zamir bewiesen ihr Können. Am 30. Mai massakrierten von der PFLP gedungene japanische Terroristen auf dem Flughafen Lod 26 Menschen.

Die Welt war damals eine Andere: Weil es noch keine Handys gab, erfuhr Verteidigungsminister Mosche Dayan von dem Terrorüberfall in München erst um vier Uhr Morgens. Dajan war Gast bei einer Hochzeit.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com