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Ist mein zionistischer Traum gestorben?

Ich mache mir wirklich Sorgen! Ich sehe eine große Katastrophe auf uns zukommen. Ich kann einfach nicht verstehen, warum die Leute nicht schreien: „Lasst das nicht zu!“…

Von Gershon Baskin, Jerusalem

Wo ist der Ministerpräsident? Wo sind alle die zionistischen Führer? Wo ist die jüdische Weltgemeinschaft? Bald werden wir nicht mehr die Möglichkeit haben, uns für Frieden mit unseren Nachbarn zu entscheiden. Wie lange noch werden wir über zwei Staaten für zwei Völker reden können? Auf der israelischen Seite gibt es für diese Lösung offenbar keinen Partner. Bald wird es auch auf der palästinensischen Seite keinen Partner mehr dafür geben. Die wahren Befürworter dieser Lösung in Israel sind inzwischen nur noch eine winzige Minderheit. Bald wird auch die noch verschwinden. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was kommen wird. Ich will ja gar nicht provozieren, ich kann es mir wirklich nicht vorstellen!

Was machen wir, wenn Teilung nicht mehr möglich ist? Wie werden wir mit den Palästinensern umgehen, die unter unserer Herrschaft leben, die aber nicht mehr mit der Lüge leben wollen, dass sie einen eigenen Staat haben werden? Immer mehr Palästinenser erkennen die Lüge und sagen: „Ich will mich nicht mehr selbst belügen und ich will nicht, dass meine Führer mich belügen! Ich will nicht, dass die Welt mich belügt!“

Lasst uns zur Abwechslung einmal ehrlich sein. Es gibt keine Chance, dass die Regierung von Israel jemals die Herrschaft über die Westbank, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem aufgeben wird. Sie haben ein so ausgeklügeltes Herrschaftssystem aufgebaut, wie kann das jemals abgebaut werden? Es wird keinen Staat Palästina geben, solange Israel das zu entscheiden hat.

Wenn Israel die Tatsache, dass die UNESCO die Geburtskirche in Bethlehem als internationales Kulturerbe unter der Bezeichnung „Palästina“ anerkennt, als Bedrohung für Israel empfindet, welche Chance gibt es dann wohl, dass es jemals einen Staat Palästina geben wird? Gar keine! Denken sie denn, dass Bethlehem nicht in Palästina liegt? Gehört es denn zum Staat Israel? Wenn sie sich durch so etwas schon bedroht fühlen, dann denken sie offenbar, dass Bethlehem zum Staat Israel gehören sollte.

Wir wollen den Tatsachen ins Auge blicken: Keine Regierung von Israel hat sich jemals dazu entschlossen, eine Zwei-Staaten-Lösung zu unterstützen. Das gehörte zu einer hübschen, gut aufgenommenen Rede des Ministerpräsidenten an einer rechtsgerichteten religiösen Universität.1 Sie erfüllte den Zweck, eine Zeitlang die Ängste der Welt zu zerstreuen. Aber wie lange kann die Wirkung der Rede anhalten?

Die Zwei-Staaten-Lösung entspricht nicht der offiziellen Politik des Staates Israel. Dafür hat sich noch niemals irgendeine Regierung entschieden. Niemals wurde in der Knesset ein Gesetz vorgeschlagen, das die Zwei-Staaten-Lösung unterstützt hätte. Die Politik der Regierung unterstützt sie gewiss nicht. Es ist nicht mehr als Gerede, leere Worte auf Papier, die überhaupt keinen Wert mehr haben. Wer glaubt schon, dass es Benjamin Netanjahu Ernst damit wir werden mit allen Waffen kämpfen, die uns zur Verfügung stehen.

Ihr habt das ja schon einmal erlebt. Sicher, wir werden das teuer bezahlen, aber welche Alternative lasst ihr uns schließlich? Erzählt einmal der Welt, Israel betreibe keine neue Form der Apartheid! Wirklich, vielleicht kann mir an dieser Stelle irgendjemand weiterhelfen! Ich versuche wirklich zu verstehen!

Was denken Sie, Herr Ministerpräsident? Was wollen Sie tun? Ich habe immer gedacht, die Zwei-Staaten-Lösung sei der beste Ausdruck eines realistischen zionistischen Traums und einer realistischen zionistischen Vision. Praktischer Zionismus. Pragmatischer Zionismus.

Ich schäme mich nicht, Zionist zu sein. Ich glaube an die zionistische Vision. Das Buch „The Zionist Idea“2 war faktisch meine Bibel, als ich jung war. Ich habe es immer noch; seine Seiten sind vom häufigen Lesen dünn geworden. Aber wirklich, was ist heute aus der zionistischen Vision geworden? Wohin bringt uns der zionistische Traum?

Bringt er uns von Beit HaUlpana zu Beit El? Entspricht die Übernahme privaten palästinensischen Landes und seine Umwandlung in jüdisches Land dem zionistischen Ideal? Geht es
darum? Wenn es so ist, warum sollen wir lügen? Handeln wir einfach und bringen wir es hinter uns! Sagt den Palästinensern, sie hätten keine Rechte. „Eretz Yisrael leAm Yisrael – das Land Israel für das Volk Israel“. Geht es darum,

Herr Netanjahu? Sagen Sie es mir bitte! Ich möchte wissen, woran ich bin! Ich möchte erfahren, ob in diesem Land noch ein Platz für mich übrig ist. Ich möchte wissen, ob mein zionistischer Traum noch irgendeine Gültigkeit hat. Gibt es im Staat Israel einen Platz für einen Juden, einen Zionisten, der glaubt, dass Zionismus bedeute, in Frieden mit
seinen Nachbarn zu leben, damit wir unsere Kraft dazu verwenden können, dieses Land zu dem vorbildlichen Ort zu machen, der es sein könnte?

Gibt es irgendeine Chance, dass Sie, Herr Ministerpräsident, jemals wirklich die Absicht haben werden, die Zwei-Staaten-Lösung umzusetzen? Oder belügen Sie uns nur?

Der Autor ist Ko-Vorsitzender von IPCRI, dem „Israel Palestine Center for Research and Information“, Kolumnist der „Jerusalem Post“, Radio-Moderator bei „All for Peace Radio“ und Initiator und Unterhändler des geheimen „Back Channel“ für die Freilassung des israelischen Gefreiten Gilad Shalit im Oktober 2011. Der Beitrag ist in der „Jerusalem Post“ vom
07.05.2012 erschienen und zuerst bei www.aixpaix.de mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler.Am Erscheinungstag in Israel sagte Netanjahu die angekündigten Neuwahlen ab.

  1. Netanjahus Bar Ilan-Rede am 14. Juni 2009 als Antwort auf die Rede von US-Präsident Barack Obama am 04. Juni 2009. []
  2. Arthur Hertzberg: The Zionist Idea. A Historical Analysis and Reader. 1997. []