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Ein etwas anderer Nachruf auf Jitzhak Schamir

Der israelische Ministerpräsident Jitzhak Schamir muss ein ganz besonders schlimmer Mensch gewesen sein. Anders lassen sich die Schlagworte aus  Nachrufen in deutschen Medien nicht erklären: halsstarriger Ultra-Rechter und „Araberfresser“, unbeugsamer Patriot, unbeugsame Ansichten, umstrittenster israelischer Politiker…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 1. Juli 2012

Seine schillernde Karriere führte ihn vom nationalistisch-extremistischen Partisanen und Verfechter von Terrorakten bis ins höchste Regierungsamt. Er bekämpfte zeitlebens den Friedensprozess. 1991 nahm er widerwillig an der Madrider Nahost-Friedenskonferenz teil. Zeit seines Lebens blieb der Mann mit dem grauen Schnauzbart Gegner des Friedensprozesses mit den Palästinensern. Die Politik des 1996 gewählten Hardliners Benjamin Netanjahu sah Schamir als „zu nachgiebig“ an. Ungeachtet seiner ideologischen Strenge war Schamir den Freuden des Lebens nicht abgeneigt: Er liebe Steaks und Rotwein.

Wenn Schamir ein „hardliner“ war, scheint es bei israelischen „hardlinern“ sogar eine Steigerung zu geben. Denn der „hardliner“ Schamir habe den „hardliner“ Netanjahu für „zu nachgiebig“ gehalten.

Schamirs Beschreibung als „Verfechter von Terrorakten“ würde heute bei BBC nicht mehr verwendet. Das „T“-Wort gilt als Tabu. Heutige „Terroristen“ werden bei Nachrichtenagenturen als „Militante“ oder „Aktivisten“ bezeichnet oder als „Widerstandskämpfer“. Bei Palästinensern gibt es sogar „legitimen Widerstand“. Es entsteht der Eindruck, dass der jüdische Widerstand gegen Briten und Araber der letzte Fall von Terrorismus in der Menschheitsgeschichte war.

Weitere Begriffe wie Ultra-Rechter, nationalistisch-extremistischer Partisan werden in den Medien wie Schimpfworte behandelt. Ob das einen Mann treffend charakterisiert, in dessen Amtszeit als Premierminister kein einziger Krieg mit aktiver Beteiligung Israels ausgebrochen ist, darf bezweifelt werden.

„Er bekämpfte zeitlebens den Friedensprozess“ heißt es weiter. Immerhin beteiligte er sich an der Madrider Friedenskonferenz, wenngleich „widerwillig“. So schob er den Friedensprozess (mit den Palästinensern) an, der erst unter seinem Nachfolger Jitzhak Rabin in Schwung kam. Die Anerkennung der PLO, die Rückkehr Arafats und seiner Kämpfer und die Einrichtung der Autonomiebehörde haben gleichwohl nicht die Ergebnisse gebracht, die man sich 1995 bei der Unterzeichnung der Osloer Verträge erträumt hat. Konservative israelische Politiker wie Schamir hatten davor gewarnt, bewaffnete palästinensische Kämpfer ins Land zu holen. Ob Gegner des Friedensprozesses wie Schamir oder dessen Initiator Rabin (aus israelischer Sicht) recht behalten, werden Historiker entscheiden.

In Israel wird Schamir vorgeworfen, das Prinzip „Land für Frieden“ nicht akzeptiert zu haben. Tatsächlich hat Israel im Tausch für den ganzen Sinai einen Frieden mit Ägypten erhalten. Heute, nach dem Wahlsieg der Islamisten in Kairo, gilt dieser Frieden keineswegs mehr als gesichert. Im Rahmen von „Land für Frieden“ zogen sich die Israelis teilweise aus Westjordanland und Gaza zurück, aus Südlibanon und 2005 aus dem ganzen Gazastreifen. Doch statt zu Frieden führte die israelische Landabgabe zu zwei Kriegen 2006 und 2009, zu der Intifada ab 2000 und neuerdings zu Terroranschläge aus der Sinaihalbinsel. Das Prinzip klingt gut, hat aber nie funktioniert. Und es ist wohl ein Segen, dass Israel keinen Frieden mit den syrischen Präsidenten Hafes oder Baschar Assad mitsamt einem Rückzug von den Golanhöhen geschlossen hat. Heute glaubt in Israel kaum noch jemand, dass man mit Land einen Frieden erkaufen kann.

Die Betonung auf Schamirs Schnauzbart bei einer Zeitung scheint auf einen anderen bekannten Politiker anzuspielen, dessen Schnauzbart zum Markenzeichen geworden ist.

Tatsache ist, dass der wenig charismatische Schamir acht Jahre lang Ministerpräsident Israels war, länger als jeder andere, mit Ausnahme David Ben Gurions. In Schamirs Amtszeit fiel der Irak-Krieg von 1991. Obgleich Israel mit irakischen Scudraketen beschossen worden ist, bestand Schamir darauf, nicht zurückzuschlagen. Es ist erstaunlich, dass dieser Beschluss von Weltrang nicht einmal erwähnt wird.

Man kann Schamir politische Untätigkeit, mangelnde Initiativen und wenig Entgegenkommen gegenüber den Arabern vorwerfen. Immerhin herrschte in seiner Regierungszeit eine relative Ruhe. Auch bei den Israelis war der wenig charismatische und verschlossene Mann nicht sehr beliebt. Dennoch hat er über eine Million Russen ins Land geholt und Zehntausende äthiopische Juden. Für den Staat Israel bedeutete dieser Bevölkerungszuwachs ein großes Plus an Selbstbewusstsein und Gefühl der Sicherheit.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com