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Verklemmte Beziehungen

Die deutsch-israelischen Beziehungen sind pathologisch verklemmt und von vermeintliche Tabus, wie das „Verbot, Israel kritisieren zu dürfen“ überschattet…

Ein Kommentar von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 1. Juni 2012

Sie sind einem klinischen Verfolgungswahn unterworfen, während es gleichzeitig ein obsessives Bedürfnis gibt, selbst kleinste Schöneheitsfehler im jüdischen Staat anzuprangern. Israel wird nicht als normaler Staat gesehen, sondern gilt laut Umfrage als aggressiv, unsympathisch, und rücksichtlos gegenüber anderen Völkern. Entsprechend wurde nach Herzog, Rau, Wulff, Brandt, Kohl, Schröder, Merkel und anderen der wiederholte Besuch eines Bundespräsidenten und hunderter deutscher Politiker in Israel als „historisch“ und „schwerer Gang“ in „heikler Zeit“ präsentiert, wobei jene Träne und jede Emotion einzeln registriert wurde. Den Unterschied zwischen „Staatsraison“ oder „an Israels Seite stehen“ vertanden nur die Deutschen, zumal Israel seit seiner Gründung und trotz Kriegen, Attacken, Raketenbeschuss und gewaltsamen Grenzverletzungen niemals fremde Soldaten, gar Deutsche um Hilfe für seine Verteidigung gebeten hatte.

Zugleich grenzt es an Ungeheuerlichkeit, wenn deutsche Politiker, darunter Gauck, den Israelis politische Vorschriften machen, die Menschenleben kosten könnten. Wieso forderte Gauck allein von Israel „Gesten“ in der Siedlungspolitik, nur weil die palästinensische Führung „von Extremisten bedrängt wird“? Wieso forderte er keine Gesten von den Palästinensern, eine Abkehr von ihrer gehässigen Hetze oder von Delegitimierungskampagnen, zumal Israel ebenso von „Extremisten“ bedrängt wird (Islamisten, Hisbollah, Hamas, eigenen Rechtsextremisten und wenig gemäßigten Iranern)? Schlimmer noch: Wie kommt Gauck dazu, vertrauliche Informationen, wonach Israel keinen militärischen „Erstschlag“ plane, in alle Welt rauszuposaunen. So hat Gauck dem Iran signalisiert, dass es neben Diplomatie nichts zu befürchten gibt.

Umgekehrt sind die israelisch-deutschen Beziehungen inzwischen so normal, dass sogar der Staatsbesuch eines Bundespräsidenten nur ein Bild oder eine kurze Meldung auf hinteren Seiten der Zeitungen wert ist. Kein einziger Kommentar befasste sich mit dieser vermeintlich so „historischen“ Visite. Manche Israelis wussten vom Staatsbesuch, hatten aber den Namen Gauck nie gehört. Kein Israeli käme auf die Idee, die Kanzlerin Merkel von der „national-religiösen Partei“ (CDU) als „hardliner“ zu bezeichnen, wegen Griechenland, „Hells-Angels“ oder dem Mangel an Kita-Plätzen. Touristen und andere Deutsche in Israel können bezeugen, dass ihnen trotz der Vergangenheit kaum je Gehässigkeit begegnet ist und dass der Umgang mit Israelis viel unkomplizierter ist, als man sich das in Deutschland vorstellen kann.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com