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Beschneidung: Das Kölner Urteil

oder:  In Deutschland häutet man nur Zwiebeln…

Von Ramona Ambs

So. Nun ist es soweit. Die christlich-jüdische Symbiose ist mal eben kurz auseinandergebrochen. Das geht ganz schnell und tut auch nur kurz weh. Ähnlich wie die Brith, die Beschneidung, die traditionell am achten Lebenstag eines neugeborenen Jungen im Judentum vollzogen wird. Die geht auch ganz schnell und tut nur kurz weh. Und den Rest des Lebens hat Mann (und Frau) dann nur noch Vorteile dadurch. Aber wir wollen nicht immer nur über (guten) Sex reden…

Zurück zur Symbiose. Also zur deutsch-jüdischen Symbiose. Oder auch christlich-jüdische Tradition genannt. Die ist jetzt nämlich futsch seit dem Kölner Urteil. Und schuld daran sind wieder mal die Moslems, obwohl die auch nix dafür können. Aber die beschneiden ihre Jungen eben auch. Und das stört einige deutsche Gemüter so sehr, dass sie sich dagegen formieren. Offenbar fühlt man sich durch fehlende Vorhäute bedroht. Oder man will eben, dass auch ja alle Schwänze in Deutschland gleich ausschauen. Penis-Einheits-Look sozusagen.

Und nun hat man bei diesem Kampf um die deutsche Vorhautpflicht einen Etappensieg errungen. In Form eines  Gerichtsurteils. Vom Landgericht Köln. Das Kölner Urteil eben. Dieses Gerichtsurteil erklärt, dass die Beschneidung von Jungen Körperverletzung ist. Zumindest für den Richter und die Staatsanwältin. Dass praktisch alle beschnittenen Männer sich nicht im geringsten verletzt fühlen und auch die WHO die Beschneidung unbedingt empfiehlt – geschenkt… Um die und deren Körper geht es nämlich nur vordergründig, denn sonst würde man wissen, dass man hier ein Problem konstruiert, das real nicht existiert. Aber das interessiert halt nicht weiter, weil durch den beschnitten jüdischen oder muslimischen Penis ein paar deutsche Seelen leiden. Also quasi körperverletzt wurden. Oder so ähnlich.

In den letzten Jahren haben sich deshalb regelrechte Gruppen (Mediziner, Journalisten oder eben Juristen) formiert, die in unterschiedlicher Weise gegen die Beschneidung kämpfen. Einer dieser Kämpfer ist Holm Putzke, Strafrechtler an der Universität Passau. Er wird im Gerichtsurteil oft zitiert und so lobt er auch ausdrücklich die Entscheidung des Gerichts: „Das Gericht hat sich – anders als viele Politiker – nicht von der Sorge abschrecken lassen, als antisemitisch und religionsfeindlich kritisiert zu werden“. Und weiter: „Diese Entscheidung könnte nicht nur die zukünftige Rechtsprechung prägen, sondern im besten Fall auch bei den betroffenen Religionen zu einem Bewusstseinswandel führen, Grundrechte von Kindern zu respektieren“, wird Putzke in der FTD zitiert.1

Das ist natürlich sehr fürsorglich. Und es ist gut, wenn sich deutsche Juristen mal wieder darum kümmern, dass Juden (und Muslime) endlich die Grundrechte von Kindern respektieren. Ich mein, hej,-jeder weiß doch, wie es da so zugeht in diesen beschnittenen Familien. Kinder zählen da doch garnix, das ist doch schon mal klar! Deshalb merke: Zu einem ordentlichen Umgang mit Kindern gehört auch eine ordentliche Vorhaut!!!

Putzke ist geradezu besessen von dem Thema, wie ein Blick auf seine Homepage verrät.  Der Konrad Adenauer-Stipendiat  hat mehrere Publikationen, u.a. im Deutschen Ärzteblatt 20082 zu diesem Thema vorzuweisen und arbeitet seit Jahren gezielt darauf hin, Ärzte, die die Zirkumzision durchführen wollen, juristisch einzuschüchtern. Kein Wunder, dass er in Naziforen dafür beklatscht wird. Detlef Nolde beispielsweise lobt Holm ausdrücklich für sein Engagement. Putzkes anderes Steckenpferd, die Zulassung des Lügendetektors als mögliches Beweismittel, ist dafür halt auch weniger geeignet.

Auf Nachfrage erklärt Putzke seine Sorgen um die Rechte der muslimischen und jüdischen Kinder wie folgt: „Was Ihre Frage angeht, so bin ich sicher, dass weder Juden noch Moslems ihren Kindern aus bösem Willen Schmerzen zufügen. Ich bezweifle aber, dass der archaische Ritus der Beschneidung mit dem modernen Verständnis des Schutzes von Kindern vor Gewalt kompatibel ist. Insoweit bestreite ich in der Tat, dass mit Blick auf den Beschneidungsritus im Islam und Judentum das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht von Kindern in erforderlichem Maße respektiert werden. Denn es handelt sich um einen medizinisch nicht notwendigen Eingriff, der irreversibel und zudem mit Risiken verbunden ist, etwa Komplikationen während der Operation und Traumata wegen des zugefügten Schmerzes, erst recht wenn der Eingriff ohne Narkose durchgeführt wird. Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, wenn auch innerhalb der betroffenen Religionsgemeinschaften eine Diskussion über Alternativen zustanden käme, etwa ein Verschieben der Beschneidung bis zu einem Alter, bei dem der zu Beschneidende selber entscheiden kann, ob er den Eingriff wünscht oder lieber lassen möchte. Alternativ könnte anstelle der irreversiblen körperlichen Verletzung auch ein symbolischer Akt treten.“

Möglicherweise will Herr Putzke umschulen auf Rabbiner. So ein neues religiöses Ritual der Ersatzbeschneidung sollte denn doch auf halbwegs fundierten theologischen Beinen stehen, oder? Oder sollen wir einfach nur noch so beten und leben, wie es sich Deutschlands Juristen vorstellen? Vielleicht hat er ja bereits konkrete Vorstellungen zu der Ausgestaltung des neuen rituellen Akts in der Schublade? Vermutlich merkt er nicht, wie anmaßend sein Vorschlag ist. Putzke wähnt sich nämlich als Fackelträger der Wahrheit, wie seine Festschrift zum siebzigsten Geburtstag von Rolf Dietrich Herzberg belegt. Dort zitiert er Lichtenberg und führt aus: „“Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemanden den Bart zu sengen“. Faul ist etwas in dem Moment, wenn die Bartträger (um bei dem Bild zu bleiben) versuchen, das Ergreifen und Tragen der Fackel zu verhindern. Und erst recht bedenklich wäre es, wenn die Furcht vor den Bartträgern dazu führt, dass niemand mehr die Fackel ergreifen will, sprich aus Furcht vor Repressionen, Selbstzensur an die Stelle vernünftiger Argumentation tritt. Nun geht es hier mitnichten um Religionskritik, denn die Beschneidung ist kein ausschließlich religiöses Phänomen, obwohl in Deutschland die meisten Beschneidungen sicher religiös motiviert sind. Ganz generell wurde die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit dieses chirurgischen Eingriffs hierzulande weder in der Vergangenheit hörbar gestellt* noch wird sie es heute.“3

Ja, ja, – die Bartträger sind gefährlich. Da muss man schon aufpassen was man sagt. Aber man darf sich keiner Selbstzensur unterwerfen. Der Zwiebelhäuter hat das ja auch erst kürzlich gesagt. Also das, was gesagt werden muss… Schade eigentlich nur, dass ein Mann wie Putzke, der doch immerhin während seiner Studienzeit Stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundesverbandes der Liberalen Hochschulgruppen war, nicht liberal genug ist, um Eltern selbst entscheiden zu lassen, ob sie ihr Kind beschneiden lassen oder nicht. Man darf es ja gerne für altmodisch und unmöglich halten – aber muss man Menschen, die das anders sehen und entscheiden ernsthaft strafrechtlich verfolgen? Muss man seine Sichtweise zu einem Thema anderen vorschreiben und Menschen kriminalisieren?

Zurück zum Kölner Urteil.

Dort heisst es: „Die Staatsanwaltschaft Köln wirft dem Angeklagten vor, am XXXX in Köln eine andere Person mittels eines gefährlichen Werkzeugs körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt zu haben“.

Das haben Sie jetzt nicht verstanden?

Das ist staatsanwältisch und heißt auf deutsch, dass der Arzt (Angeklagte) unter örtlicher Betäubung einen vierjährigen muslimischen Jungen (eine andere Person) mit einem Skalpell (gefährliches Werkzeug) von seiner Vorhaut befreit hat (mißhandelt und an der Gesundheit geschädigt). Danach hat er die Wunde ordnungsgemäß vernäht und versorgt. Ein Sachverständigengutachten hat bestätigt, dass der Arzt fachlich einwandfrei gearbeitet hat.

Eigentlich alles ein ganz normaler Vorgang. Und in einem ersten Urteil im September 2011 vom Kölner Amtsgericht dazu, wird das auch noch so gesehen. Der Arzt wurde freigesprochen. In der damaligen Urteilsbegründung hieß es: „Nach Auffassung des Strafgerichts war die durch den Eingriff tatbestandsmäßig vorliegende Körperverletzung  aufgrund der  w i r k s a m e n  Einwilligung der Eltern des Kindes als Personensorgeberechtigten gerechtfertigt, denn dieselbe richtete sich zutreffend an dem „Wohl ihres Kindes“ aus (§ 1627 BGB).“

Doch das Landgericht wollte nun, wenige Wochen später, dem Amtsgericht in dieser Meinung offenbar nicht folgen. Hier heißt es nun, dass weder das Elternrecht noch die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit  diesen Eingriff rechtfertigen könnten. Besonders „lustig“ liest sich der folgende Teil des Kölner Urteils: „Die in der Beschneidung zur religiösen Erziehung liegende Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ist, wenn sie denn erforderlich sein sollte, jedenfalls unangemessen… Zudem wird der Körper des Kindes durch die Beschneidung dauerhaft und irreparabel verändert. Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können, zuwider.“

Man weiss nicht so recht, ob man an dieser Stelle laut lachen darf, weil eigentlich sind ja Urteile von deutschen Gerichten nicht als Witz gedacht.  Aber dennoch: Tausende von beschnittenen Männern haben ihre Religion gewechselt. Manche sogar mehrfach. Mir wäre auch keine Religion bekannt, die beschnittenen Männern die Aufnahme verweigert. Aber vielleicht wissen das die Richter in Köln nicht? Oder die Vorstellung eines beschnittenen Penis hat sie dermaßen aus dem Konzept gebracht, dass ..na lassen wir das.

Jedenfalls ist das Kölner Urteil ein unglaubliches Unheil für dieses Land. Und es wird viel Furore machen. Nicht nur in jüdischen und muslimischen Verbänden, sondern auch unter Ärzten und Chirurgen, die nun kriminalisiert werden.

Juden und Muslime werden sich fortan in Deutschland noch weniger heimisch fühlen. Aber immerhin hat man ihnen jetzt eine Lektion erteilt. Wie man in Deutschland jüdische und muslimische Traditionen lebt, entscheidet immer noch der deutsche Richter. Achja – und nur weils mir grad einfällt:

Demnächst merken die gleichen Leute, die gerade ein Herz für muslimische  und jüdische Vorhäute entdeckt haben, dass sie auch ein großes Herz für Tiere haben. Jede Wette!

Aber glaubt bloß nicht, dass sie dann gegen die Massentierhaltung losziehen werden und sich mit einem Schild „Fleisch muss teurer werden“ an die nächste Würstchenbude stellen. Nein, sie werden dann kommen und sagen, wie bestialisch es ist, Tiere zu schächten. Und dann wird es ein Urteil geben, dass man nicht mehr schächten darf. Und wenn dann der letzte Jude gelernt hat, wie man Kinderrechte respektiert und der letzte Moslem verstanden hat, dass man Tiere nur auf deutsche Art quälen darf, dann werden wir alle wahrscheinlich längst nicht mehr hier sein. Dann sind die christlichen Deutschen wieder unter sich und werden sich Gruselgeschichten erzählen von damals, als in Deutschland noch Juden und Moslems lebten…

Und nicht vergessen: Die Gefahr der unterlassenen Beschneidung: https://www.hagalil.com/2011/02/08/beschneidung-2/
Eine gute juristische Auseinandersetzung zu dem Thema gibt es hier: http://www.jurblog.de/2008/10/01/verbot-der-beschneidung-bei-juden-und-muslimen/

*) wenn man z.B. vom FAZ Aufmacher im letzen Jahr absieht, der damals auch schon Verwunderung hervorrufen musste, in Anbetracht der Dringlichkeit des Themas und seiner prominenten Platzierung auf der Titelseite der FAZ. (Anm. Hsg.).

  1. http://www.ftd.de/politik/deutschland/:koerperverletzung-gericht-stellt-religioese-beschneidung-unter-strafe/70054618.html []
  2. http://www.aerzteblatt.de/archiv/61273 []
  3. http://www.holmputzke.de/images/stories/pdf/2008_fs_herzberg_beschneidung.pdf []