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Deggendorf in christlichen und jüdischen Nachschlagewerken

Deggendorf in Niederbayern hat in der jüdischen Geschichte Bayerns und Deutschlands eine ganz besondere Rolle gespielt, obwohl die Stadt lange Zeit klein und unbedeutend war. Ein Judenpogrom aus dem 14. Jahrhunderts, dessen mörderische Folgen sowie dessen schändliches Nachwirken noch bis kurz vor Beginn des dritten Jahrtausends werden von christlichen und von jüdischen Lexikonredaktionen erwartungsgemäß höchst unterschiedlich wahrgenommen und wiedergegeben…

Von Robert Schlickewitz

In etwa in der Mitte zwischen den beiden katholischsten (größeren) Städten Deutschlands, Regensburg und Passau, nahe der Mündung der Isar in die Donau gelegen, zudem wohlhabend und an Einwohnerzahl stetig zunehmend, erfreut sich Deggendorf allgemeiner Beliebtheit.

1002 urkundlich erstmals genannt, gehörte der Ort, der sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit den Beinamen „große Kreisstadt“ bzw. „Hochschulstadt“ schmücken sollte, zunächst dem Regensburger Stift Niedermünster an, ehe er 1242 an Herzog Otto II. von Bayern fiel. Später, in den Jahren 1316 bis 1320 empfing Deggendorf die Stadtrechte. Soweit, aber kein Jota weiter, erstrecken sich die auf die Historie bezogenen Ausführungen der allerneuesten Brockhaus-Enzyklopädie 1) von 2006 zu Deggendorf; es wird ferner eine „got. Grabkirche St. Peter und Paul (Baubeginn 1338; barocker Kirchturm 1727, erbaut von J. M. Fischer)“ erwähnt, allerdings ohne weitere Erläuterungen oder Zusammenhänge anzuführen.

Grob eineinhalb Generationen zuvor, in Meyers Enzyklopädischem Lexikon 2) von 1972, wird etwas detaillierter auf die allgemeine Stadtgeschichte eingegangen und zu einem ganz bestimmten Sakralbau diese Information dargereicht: „Die Hl.-Grab-Kirche wurde 1337-1360 als spätgot. dreischiffige Basilika erbaut…“ – und Schluss.

Wieder zwei Jahrzehnte früher, im Brockhaus 3) von 1953 wird eigens hervorgehoben, dass die Deggendorfer Bürger „meist kath(olisch)“ sind und als einzige historische Information jene über den Erhalt des Stadtrechts vermittelt, mehr nicht. Im „Grossen Herder“ 4) aus dem gleichen Erscheinungsjahr erfolgt gar keine Belehrung über etwaige historische Ereignisse – jedoch – die „Heiliggrabkirche mit Wallfahrt zur Deggendorfer Gnad“ findet stolz Erwähnung.

Aus dem dritten Kriegsjahr 1941 stammt der „Neue Brockhaus“ 5). Er nannte sich übrigens nicht Lexikon, sondern, wohl im Sinne der NS-Rückbesinnung auf germanisch-altdeutsches Wortgut, „Allbuch in vier Bänden“. Deggendorf wird hier als „ein wegen seiner schönen Umgebung vielbesuchter Ort am Fuß des Bayr. Waldes“ gepriesen, während zu Geschichte und/oder Kirchen keinerlei Angaben erfolgen. Besonders im Nationalsozialismus lenkte man bekanntlich allzu gerne von den allgemeinen Scheußlichkeiten ab und versuchte die Wirklichkeit in Worten, in Liedern, in Bildern, Skulpturen oder Filmen möglichst heil und idealisiert darzustellen.

Ebenfalls während des Dritten Reiches gedruckt wurde „Meyers Kleines Lexikon“ 6) von 1933. Die letzte der knapp und sehr allgemein gehaltenen Angaben besteht aus dem wenig aufschlussreichen Wort „Sommerfrische“.

Vier Jahre davor, 1929, erschien ein „Großer Brockhaus“ 7), in dem der kleinen Donaustadt (1925: 7840 Einwohner) beträchtliche Aufmerksamkeit – in Form zahlreicher Informationen – zuteil wurde. Wir lesen dort u.a.: „D. ist reich an Kirchen (Wallfahrtskirche zum Heil. Grab, 1337 begonnen…)“; zur Geschichte ansonsten nichts – dafür jedoch folgende Angabe, die uns heute etwas befremdlich anmutet: „Heil- und Pflegeanstalt für Niederbayern, Pflegeanstalt für weibl. Kretinen und Unheilbare.“ 8 ) .

Gleichfalls mit dem Erscheinungsjahr 1929 versehen ist das „Jedermanns Lexikon“ 9), dessen mitteilungsarmer Deggendorf-Eintrag jedoch hier ohne Relevanz ist.

Zumindest ein klein wenig auskunftsfreudiger gibt sich hingegen das „Meyers Lexikon“ 10) von 1925: „1 ev(angelische) und 8 kath(olische) Kirchen (darunter die Wallfahrtskirche zum heil. Grab)“.

Zuletzt soll noch „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ 11) von 1904 befragt werden: „…hat 4 katholische und eine evang. Kirche, unter erstern (sic!) die Wallfahrtskirche zum heiligen Grab…“ und schließlich, im letzten Abschnitt der, nach den ernüchternden Erfahrungen mit den jüngeren Lexika, an dieser Stelle unerwartete Satz: „1337 wurden hier sämtliche Juden ermordet.“

Man muss also in christlichen Nachschlagewerken über einhundert Jahre zurückgehen, um sich die traurige Wahrheit über Deggendorfs Vergangenheit zu ‚erlesen‘.

Was nur, folgt aus dieser Erkenntnis, mag 1904 von 2006 so sehr zu unterscheiden?

Natürlich, der Holocaust, der Genozid an sechs Millionen europäischen Juden, jenes einzigartige Verbrechen, verantwortet, verschuldet und begangen von Deutschen und, damit verbunden, das Bedürfnis vieler christlicher Deutscher sämtliche nationalen ‚Sünden‘ auf einen Zwölfjahreszeitraum zu begrenzen bzw. der Wunsch sich in seiner Identität als Deutscher jenseits der Jahre 1933 bis 1945 ‚frei‘ und unbelastet fühlen zu können.

In den 1920er und 1930er Jahren wird es, nach der ebenfalls bitter und schmerzlich empfundenen Schmach des verlorenen Ersten Weltkrieges, das allgemeine Erstarken des Nationalismus gewesen sein, das unkritisch und geschichts- ebenso wie gewissensvergessen machte und die Lexikonredaktionen davon abhielt, den Judenmord des 14. Jh. erneut aufzugreifen.

Werfen wir nun einen, oder besser, mehrere, Blicke in jüdische Nachschlagewerke und lesen wir nach, wie diese Deggendorf wahrnahmen und wahrnehmen. Dabei gehen wir chronologisch gesehen in umgekehrter Reihenfolge vor und arbeiten uns von hinten nach vorne durch. 1927 wird als das Erscheinungsjahr des Berliner „Jüdischen Lexikons“ 12) angegeben, dessen Deggendorf-Eintrag vollständig 13) folgt:

„Deggendorf oder Deckendorf, ein wegen der am 30. Sept. 1337 dort erfolgten grausamen Juden-Verfolgung zu trauriger Berühmtheit gelangter Ort in Bayern. Die Juden wurden dort, wie vielerorts, der Hostienschändung beschuldigt, und man nahm diese Anklagen zum Vorwand, um sich, wie es damals üblich war, der Juden wegen ihrer Schuldforderungen zu entledigen. Das Volk wurde durch die geschickte Inszenierung von Wundervorspiegelungen, die sich an der durchstoßenen Hostie vollzogen haben sollten, gegen die Juden fanatisiert. Ritter Hartmann von D. zog an der Spitze seiner Reisigen auf ein Zeichen der Kirchenglocke in Deggendorf ein und überfiel vereint mit den Bürgern und Räten die wehrlosen Juden. Sie wurden ermordet und verbrannt, und ihr Vermögen fiel dem Raubritter und seinen Helfern zu. Zu Ehren des Ereignisses wurde eine Wallfahrtskirche mit dem Namen zum ‚heiligen Grabe‘ erbaut, die bis auf den heutigen Tag von Gläubigen besucht wird. Auch werden darin Reliquien der Schauermär aufbewahrt und gezeigt. Es soll auch noch immer in vielen Orten Bayerns alljährlich ein altes Passionsspiel aufgeführt werden, das an die angeblichen Juden-frevel und der Juden grausames Ende erinnert. Das Unglück von Deggendorf wirkte damals in der furchtbarsten Weise nach. Verfolgungen, Marterungen und Tötung der Juden breiteten sich über ganz Bayern, Böhmen, Mähren und Österreich aus. Der Schutz des Kaisers versagte. Herzog Heinrich von Bayern und der Pfalz bezeugte den Bürgern sogar seine Huld für diese Taten. Nur Regensburg und Wien schützten die Juden. Der Papst Benedikt XII. ließ zwar die Angelegenheit untersuchen, doch verlief schließlich  alles im Sande. Im Jahre 1800 wurde in Regen ein Drama, das dieses Ereignis behandelt, ‚Der Religionseifer oder die Ausrottung der Juden in Deggendorf 1337‘ aufgeführt (…).“

Der Autor dieses Eintrags des Jüdischen Lexikons, der langjährige und auch bei Christen hochangesehene Trierer Oberrabbiner Adolf Altmann 14) sollte das Schicksal der von ihm beschriebenen Deggendorfer Juden teilen, er wurde 1944 von Deutschen im KZ Auschwitz ermordet.

Bei der zweiten Berliner jüdischen Lexikonredaktion, der der Encyclopaedia Judaica 15), wurde Dr. Richard Straus 16) aus München mit der Abfassung eines Deggendorf-Eintrags, beauftragt. Der unten zitierte Band V datiert von 1930:

„Deggendorf, Stadt in Niederbayern, gegenwärtig 15 jüd. Einwohner, war im Jahre 1337 der Schauplatz einer grausamen Judenverfolgung, die aus Anlaß einer Anklage wegen Hostienschändung erfolgte. Das Ereignis stand in Zusammenhang mit den von den ‚Judenschlägen‘ bewirkten Verfolgungen, durch welche viele Gemeinden in Bayern und Österreich zugrunde gingen. Der Vorwurf der Hostienschändung, der in Deggendorf erhoben wurde, unterschied sich in nichts von dem bei solchen Ereignissen üblichen Formen, die damals ganz schematisch entwickelt waren. Historisch wichtig und gesichert sind allein die gewaltsamen Ereignisse, die der Anklage folgten. Die Bürger von Deggendorf versammelten sich, vermutlich im Interesse der Geheimhaltung des Anschlags, außerhalb der Stadt in der Schaching und zogen von dort am 30. September 1337 unter Führung des Ritters Hartman von Degenberg nach einem verabredeten Glockenzeichen in die Judengasse. Sämtliche Juden in Deggendorf sollen damals ihr Leben eingebüßt haben. In einer Erklärung vom 14. Oktober 1338 verzieh Herzog Heinrich den Bürgern und überließ ihnen das Judengut; doch ist daraus zu Unrecht auf seine Mitwisserschaft geschlossen worden, da seine Politik völlig gegenteilig orientiert war (…). Eine gleichartige Erklärung gab der Herzog den Bürgern des benachbarten Straubing (11. Okt. 1338), die die Juden ihrer Stadt ebenfalls getötet hatten. Noch am 21. März 1339 verhandelte er wegen seiner Ansprüche auf das Gut der in seinem Lande (Deggendorf oder Straubing?) getöteten Juden mit den Juden in Regensburg.

Der tumultuöse Ablauf der Ereignisse machte jede Untersuchung unmöglich; Papst Benedikt XII., der an den gleichartigen und gleichzeitigen Beschuldigungen, die gegen die Juden einiger österreichischer Städte erhoben wurden, Zweifel hegte, betraute den Bischof von Passau mit der Untersuchung. Ihr Ergebnis ist nicht bekannt. Die Kirche hat jedoch den Fall der Hostienschändung zu Deggendorf als erwiesen hingenommen. Aus diesem Anlaß wurde in Deggendorf, vielleicht an Stelle der Synagoge, die Kirche zum hl. Grab errichtet, wo die ‚Beweisstücke‘ (die Hostie, die Dornen, die Schusterahle) aufbewahrt und ein Gemälde, das das Ereignis darstellt, gezeigt werden. Die Geschichte ist auch in einem Volkslied und einem Volksspiel festgehalten worden. Noch 1785 sollen 50 000 Wallfahrer zu der Kirche von Deggendorf gepilgert sein. Pater Mittermüller aus dem Kloster Metten bemerkt in seiner Darstellung des Falles (1856), daß nicht die Einzelheiten des Deliktes, nicht einmal das Delikt selbst, welches durch kein Rechtsverfahren erwiesen wurde, wesentlich sei, sondern allein der Umstand, daß überhaupt, wie die spätere Erhaltung der Hostie in Kriegs- und Brandnöten beweise, ein nicht näher zu bezeichnendes Wunder geschehen sein müsse.“

Die Jerusalemer Encyclopaedia Judaica 17) des Jahres 1971 beginnt ihren Deggendorf-Eintrag ohne Einleitung mit der Schilderung der wesentlichen Ereignisse:

„In 1338 a night watchman alleged that he had seen a group of Jews in an act of Host desecration while an apparition of Mary admonished them: ‚You Jews, false and blind,/ How dare you martyr my own child.‘ The enraged burghers entered the Jewish street and slaughtered all ist inhabitants…“ Weitere Informationen betreffen den Zeitpunkt der letzten Massenwallfahrt zur Grabkirche, der mit 1843 angegeben wird. Ferner erfährt man, dass im Jahre 1910 in Deggendorf 17 Juden lebten, dass 400 der 500 Häftlinge des am 20. Februar 1945 in Deggendorf eingerichteten Konzentrationslagers Juden gewesen sind 18), dass 1946 zeitweise bis zu 700 jüdische Flüchtlinge in Deggendorf untergebracht waren und auf ihre Ausreise warteten, schließlich, dass zum Zeitpunkt des Entstehens des Artikels (Ende der 1960er Jahre) keine jüdische Gemeinde in Deggendorf existierte.

Das „Neue Lexikon des Judentums“ 19) erschien erstmals 1992; sein Deggendorf-Eintrag findet sich unverändert auch in der überarbeiteten Neuauflage des Jahres 1998 wieder. Aufmerkenswert sind folgende Passagen:

„Nachdem im Gefolge der Armleder-Verfolgungen in Franken und im Elsaß zu Ostern 1338 in Pulkau (Niederösterreich) ein inszenierter Hostienfrevel Judenmassaker ausgelöst hatte, die nach Böhmen, Mähren und Kärnten übergriffen, wurde im Herbst 1338 auch Deggendorf zum Ausgangspunkt einer Verfolgungswelle.“

„Anschließend kam es mit Duldung des Herzogs zu Massakern in etwa 20 weiteren Orten, darunter in Straubing und Landshut. Erst nachträglich wurde zur Rechtfertigung des Verbrechens den Juden ein Hostienfrevel vorgeworfen und die entsprechende Legende nach dem Pariser Vorbild konstruiert.“

Als Köpfe der Verschwörung gegen die Juden, und somit Hauptverantwortliche für den Mord, werden der herzogliche Landpfleger Hartwig von Degenberg, der Landrichter Konrad von Freiberg, der Kämmerer und der Rat von Deggendorf aufgezählt.

Der Lexikonautor teilt abschließend mit, die Wallfahrt trage „neuerdings“ die Bezeichnung „Sühnewallfahrt“.

„Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern“ 20) heißt eine Publikation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung, die nach Regierungsbezirken und dort jeweils gemäß alphabetischer Reihenfolge nachschlagewerksartig bayerische Orte mit jüdischer Vergangenheit und Gegenwart abhandelt. Das Deggendorf betreffende Kapitel beschreibt kurz die gesamte Judengeschichte der Stadt bis in die Nachkriegszeit, widmet sich Standort, Lage sowie Zustand der jüdischen Abteilung des Friedhofs Deggendorf („sehr schön gepflegt“) und es zeigt zwei Abbildungen von Gedenksteinen. Die Vorgänge des Jahres 1337 werden unumwunden und vollkommen zutreffend als „Deggendorfer Pogrom“ bezeichnet. Von Interesse dürften die demografischen Angaben zu Juden in Deggendorf im 19. und 20. Jh. sein: 1875 lebten 5, 1885 ihrer 3, 1901 ihrer 17, 1925 ihrer 15 in der Stadt. 1945 sollen sich 1500 „Überlebende der Nazi-Rassenvernichtung“ in Deggendorf aufgehalten haben, so der Autor.

Wer sich über die jüdischen Gemeinden in Deutschland und im deutschsprachigen Raum der Vergangenheit informieren will, findet hierzu aktuelle und i.d.R. brauchbare Angaben sowie weiterführende Literaturhinweise im dreibändigen Lexikon von Klaus-Dieter Alicke 21) aus dem Jahr 2008.

Auch hier fällt das Schlagwort „Deggendorfer Pogrom“, ferner wird die 1338 vollständig zerstörte Deggendorfer Synagoge erwähnt, die Vorbildfunktion Deggendorfs für Judenmassaker an anderen bayerischen Orten und Städten betont und das Ende der Wallfahrten wie folgt beschrieben:

„Erst im Jahre 1992 (!) wurde diese Wallfahrt von kirchlicher Seite ausgesetzt, als der Bischof von Regensburg die ‚Haltlosigkeit jüdischer Hostienschändungen‘ als bewiesen erkannte.“

Außerdem: „Bis ins 19. Jahrhundert hinein war Deggendorf ein ‚judenfreier‘ Ort; ab ca. 1875 lebten wieder vereinzelt jüdische Familien hier; wegen ihrer zu geringen Zahl  bildeten sie zu keiner Zeit eine eigene Kultusgemeinde; die Deggendorfer Juden waren der Gemeinde in Straubing angeschlossen.

Verstorbene Deggendorfer Juden wurden in Straubing bzw. in Cham beerdigt.“

Den „Alemannia Judaica“ entnimmt der Autor folgende demografische Angaben: 1871 – 2 Juden in Deggendorf, 1900 – 17, 1925 – 15, 1933 – 17, 1939 – 10., um fortzufahren:

„Zu Beginn der NS-Zeit lebten im Ort 17 jüdische Bewohner; im April 1942 wurden sechs jüdische Bürger aus Deggendorf ‚in den Osten‘, ein Ehepaar im September des gleichen Jahres nach Theresienstadt deportiert.“

Abschließend berichtet er:

„Ein Teil des kommunalen Friedhofs war nach 1945 Begräbnisstätte für die hier verstorbenen Juden des UNRRA-Lagers.

Seit 1989 erinnert eine Gedenktafel an die hier beerdigten Juden mit der folgenden Inschrift:

‚Zur Ehre und zum Gedenken den jüdischen Mitbürgern, die an den Folgen unmenschlicher Behandlung im KZ-Theresienstadt, hier in Deggendorf verstorben sind. Den Lebenden zur Mahnung, kommenden Geschlechtern zur Warnung. Errichtet durch die Stadt Deggendorf 1989.‘ “ 22)

Soweit die herangezogenen gedruckten Nachschlagewerke.

Mancher Leser könnte nun einwenden, wer benötigt denn heute noch diese Form von Lexikon, wo wir uns doch im Zeitalter des Internet schon alle virtuell umsehen, wenn wir eine Frage beantwortet bekommen wollen, wozu gibt es denn Wikipedia, oder Vergleichbares.

Es sei erwidert, dass es diese Möglichkeit erst seit relativ kurzer Zeit gibt und dass im Internet noch lange nicht auf alles Wissen der Menschheit zugegriffen werden kann. Wer sich zum Beispiel auf Wikipedia den Deggendorf-Eintrag ansieht, findet zum obigen Thema folgende, doch recht bescheidenen, Angaben, die sich übrigens auf einen Artikel bei haGalil berufen:

„1337 wurde im Verlauf eines Pogroms die jüdische Gemeinde Deggendorfs komplett vernichtet. Das angebliche Wunder, das der den verbrannten Juden vorgeworfenen Hostienschändung gefolgt sein soll, begründete die bis 1992 stattfindende Wallfahrt zur Grabkirche, die sogenannte „Deggendorfer Gnad‚“. Die Grabkirche war kurz nach dem Pogrom errichtet worden. Noch bis 1968 fanden Prozessionen und Veranstaltungen in Deggendorf statt, die den damaligen Judenmord verherrlichten.[4]
http://de.wikipedia.org/wiki/Deggendorf

Auf der Diskussionsseite des Deggendorf-Eintrags bei Wikipedia wird anhand eines Kommentars von 2007 ersichtlich, dass bis dahin (und länger) das Pogrom unerwähnt geblieben war:

„Ich bin wegen der Erbfolgekriege auf Deggendorf gestossen und stellte fest, dass in diesem Artikel nichts zu den Judenpogromen („Deggendorfer Judenmorde“) von 1338 steht (vgl. Grabkirche (Deggendorf)). Ich kenne mich mit der Stadtgeschichte nicht gut genug aus, um hier einen Beitrag zu leisten. Sehe es aber als Desiderat, da doch unten im Artikel zu Deggendorfs „Kultur und Sehenswürdigkeiten“ auch auf die Wallfahrt „Deggendorfer Gnad“ eingegangen wird (angeblicher Hostienfrevel – auch in diesem Artikel Bezug zu Deggendorf). —Deltongo 13:13, 22. Jan 2007 (CEST)“
http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Deggendorf

Das Pogrom blieb unerwähnt, weil es unpopulär ist, und weil die Stadt Deggendorf (die vermutlich Einfluss auf den Inhalt des sie betreffenden Wikipedia-Eintrags ausübt), ebenso wie die Verantwortlichen des Regierungsbezirks Niederbayern, oder jene des Bundeslandes Bayern, oder jene der Bundesrepublik Deutschland es nicht wünschten. Immer erst wenn Privatpersonen, Vereine, oder Eigeninitiativen von sich aus in Buchform oder im Internet aktiv werden und damit die offizielle (staatliche) Geschichtsschreibung unter Druck setzen, können sich allmählich Änderungen in der allgemeinen Historiografie durchsetzen. Traurig, aber immer wieder so erlebt.

Sattes, bequemes, verlogenes Deutschland 23), sattes, bequemes, verlogenes Bayern 24),sattes, bequemes, verlogenes Deggendorf 25)!

Anmerkungen:

1)      Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig und Mannheim 2006.

2)      Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden., 9. Aufl., Mannheim u.a. 1971-1979.

3)      Der Grosse Brockhaus in zwölf Bänden, 16. Aufl., Wiesbaden 1952-1957.

4)      Der Grosse Herder in neun Bänden, 5. Aufl.; Freiburg 1953-1956.

5)      Der Neue Brockhaus, Allbuch in vier Bänden, 2. Aufl. Leipzig 1941-1942.

6)      Meyers Kleines Lexikon in drei Bänden, 9. Aufl., Leipzig 1933-1934.

7)      Der Große Brockhaus in zwanzig Bänden, 15. Aufl., Leipzig 1928-1935.

8)      Dem Nichteingeweihten sei hierzu ergänzend mitgeteilt, dass es in Niederbayern, in gewissen bäuerlichen Kreisen noch bis vor wenigen Generationen sehr häufig den Inzest gab, der eine zentrale Ursache für die zahlreichen Anomalien war.

9)      Jedermanns Lexikon in zehn Bänden, Berlin Grunewald 1929-1931.

10)   Meyers Lexikon, 7. Aufl., Leipzig 1924-1930.

11)   Meyers Großes Konversationslexikon in zwanzig Bänden, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1903-1909.

12)   „Jüdisches Lexikon“ (fünfbändig), Berlin 1927.

13)   Weggelassen wurden lediglich Literaturangaben und Verweise im eigenen Lexikon.

14)   Einen Abriss von Altmanns Biografie finden interessierte Leser im Anhang, unten.

15)   Encyclopaedia Judaica, mehrbändig, erschienen nur bis zum Buchstaben L (LYRA), Berlin 1928-1934. Die obige Wiedergabe erfolgte vollständig, bzw. gemäß 13).

16)   Bedauerlicherweise war es mir nicht möglich innerhalb zumutbarer Zeit ausreichend verlässliche Informationen über sein Leben und sein Werk zu beschaffen. Möglicherweise ergibt sich die Gelegenheit dieses Versäumnis zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Straus (mit einem End-s!) wird nur in einem einzigen Band der EJ (Bd. 5) in der jeweiligen Liste der Autoren aufgeführt.

17)   In 16 Bänden.

18)   „Of the 500 inmates of the concentration camp established in Deggendorf… 400 were Jews.“

19)   Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) Julius H. Schoeps, Gütersloh und München 1992 und 1998 (überarbeitete Neuausgabe). Als Autor des Deggendorf-Eintrags wird Prof. Dr. Friedrich Lotter (Göttingen/Kassel) angegeben.

20)   Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, München 1992/2. Zugleich: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung, Publikation A85. Hier: S. 336f.

21)   Klaus-Dieter Alicke, Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Gütersloh und München 2008: „Deggendorf“ (Band 1, Spalte 872f).

22)   Ganz typisch für die Wortwahl bei den in Stein verewigten ‚Gedenksprüchen‘ in der BRD bei solchen Gelegenheiten ist, dass die Täter der Jahre 1933 bis 1945 so gut wie nie genannt werden. Selbst wenn die Mörder, Schinder und Denunzianten namentlich bekannt sind, werden sie auf Mahnmalen anonymisiert. Jedoch nicht nur Personennamen werden unterdrückt, sondern auch jedwede nationalen, regionalen oder lokalen Bezüge. Vollkommen undenkbar wäre es, wenn auf so einem Gedenkstein etwa „Deutsche“, „Bayern“, „Niederbayern“ oder gar „Deggendorfer“ als Verursacher, Verantwortliche oder Täter in Marmor oder Granit gemeißelt, angeprangert werden würden. Lieber verbirgt man sich hinter platten, beliebigen, alles oder nichts ausdrückenden Formeln wie „Die Barbarei des Nationalsozialismus“, „Ein mörderisches Regime“, „Die Nationalsozialisten“, „Das Unrecht des NS-Staates“, oder, noch eleganter, man bedient sich eines unpersönlichen Passivs: „…wurden abgeschlachtet/niedergemetzelt/ermordet“. Die deutsche Sprache lässt sich mit ein wenig Geschick für solche Zwecke geradezu meisterlich biegen, beugen, korrumpieren.

Jedenfalls braucht(e) sich, auf diese schonende Weise mit Gedenkworten konfrontiert, tatsächlich niemand im Lande der Täter persönlich angesprochen, niemand zum echten Nachdenken veranlasst, niemand mit Verantwortung belastet oder gar betroffen fühlen.

Ein unpersönliches ‚Es‘ übernimmt die Funktion des Sündenbocks, wird kollektiv ‚aus dem Dorf getrieben‘ und ‚Alles‘ ist scheinbar wieder gut. Genau so, und nicht anders, sieht unser feiger und verlogener Umgang mit unserer ungeliebten Vergangenheit seit nun schon drei Generationen aus und eine etwaige Änderung dieses Zustands ist nicht in Sicht.

Übrigens weist gerade Deggendorf eine ganz besonders beschämende NS-Geschichte auf, die bisher noch viel zu wenig, vor allem am Ort selbst (!), bekannt ist. Es sei daher auf die Arbeiten seriöser Autoren verwiesen.

23)   Deggendorf ist nur einer von Hunderten von deutschen Orten und Städten in Ost und West, die über Jahrzehnte hinweg ihre, teilweise bis zu tausendjährige, Minderheitengeschichte verdrängt, geschönt oder geklittert haben. Ganz Deutschland hat wahrlich Grund sich darob zu schämen.

24)   Über Bayerns unrühmliche Sonderrolle in der europäischen Geschichte und seine besonders schwere Verantwortung habe ich hier auf haGalil mehrfach berichtet. Gleichfalls habe ich die fehlende Bereitschaft der Bayern aufzuklären und auch aufgeklärt zu werden angeprangert.

25)   Deggendorf muss sich seiner Vergangenheit stellen und sich offen zu ihr bekennen. Die kath. Kirche hat mit ihrer Bronzetafel an der Gnadkirche einen ersten begrüßenswerten Schritt getan. Jedoch reicht dies bei weitem nicht. Viel zu wenige Deggendorfer kennen die eigene Judengeschichte; von über zweihundert von mir befragten Bürgern konnte nur eine Minderheit die näheren Zusammenhänge korrekt wiedergeben. Die Stadt ist gefordert besser, mehr und öfter aufzuklären. Die Bürger sind gefordert ihre Gleichgültigkeit (endlich) abzulegen und sich zu kümmern.

Im Internet:

Deggendorfer Gnad

Die Heilig-Grabkirche St. Peter und St. Paul ist eine Filialkirche der Deggendorfer Pfarrei Mariä Himmelfahrt, zu der die antijüdische Wallfahrt Deggendorfer Gnad führte, bis sie im März 1992 vom Regensburger Bischof mit einer Bitte um Vergebung aufgelöst wurde. Bei der „Gnad“ handelte es sich um eine alljährlich stattfindende sogenannte Hostienwallfahrt, die auf einer mittelalterlich-judenfeindlichen Hostienfrevel-Legende bzw. Judenmord beruht.
http://de.wikipedia.org/wiki/Grabkirche_%28Deggendorf%29
http://www.judentum.org/judenmission/antijudaismus/hostie-0.htm

Deggendorfer Wallfahrt

http://www.judentum.org/judenmission/antijudaismus/hostie-1.htm

Anhang:

Adolf Altmann kam am 8. September 1879 im, in der einstigen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie gelegenen, Hunsdorf (ungar.: Hunfalva/Hunfalu, slowak.: Huncovce) zur Welt; der Ort war lange Zeit Sitz einer berühmten Jeschiwa gewesen und beherbergte ein altes Ghetto, das angelegt worden war, um, dort wie anderswo, den christlichen Alltag vom jüdischen zu trennen; heute liegt Hunsdorf auf dem Territorium der Slowakei.

Nach Besuch der örtlichen Jeschiwa, absolvierte Altmann 1900 bis 1902 die in Preßburg (Bratislava) gelegene Landesrabbinerschule. Bereits früh war der überzeugte Zionist publizistisch tätig geworden; so verfasste er Beiträge u.a. für die deutschsprachige „Ungarische Wochenschrift“.

Vorübergehend als Religionslehrer angestellt gewesen, nahm Altmann, inzwischen verheiratet und Familienvater, 1906 in Bern das Studium der Philosophie, der Geschichte und der Germanistik auf. Seine Dissertation vom Jahre 1912 schrieb er über die Geschichte der Salzburger Juden. Noch während seines Studiums war er, im August 1907, Rabbiner in Salzburg geworden. Sein Streben dort galt insbesondere der Gründung einer selbständigen Salzburger jüdischen Kultusgemeinde.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zum Rabbiner der Südtiroler Stadt Meran ernannt, verbrachte Altmann die Kriegsjahre 1915 bis 1918 als Feldrabbiner an der Südfront. Seine Kriegserlebnisse, zu denen offensichtlich auch das Erleben von beträchtlichem Antisemitismus unter den eigenen Kameraden gehörte, veranlassten ihn Material für ein Buch zu sammeln, in dem er den heldenhaften und patriotischen Einsatz jüdischer Frontsoldaten zu dokumentieren beabsichtigte. Aus den vorliegenden Unterlagen geht bedauerlicherweise nicht eindeutig hervor, ob dieses Werk jemals veröffentlicht worden ist oder nur Projekt blieb.

Nach dem Kriege zunächst wieder bei seiner Gemeinde in Salzburg tätig, folgte Altmann jedoch bald dem Ruf der traditionsreichsten, deutschen, jüdischen Gemeinde, derjenigen von Trier, wo man ihn zum  Oberrabbiner ernannte. Altmann pflegte in Deutschland gute Kontakte sowohl zu christlichen Kirchenkreisen als auch zu Politikern der Weimarer Republik.

Folgt man einer Quelle, so erhielt er im Februar 1935, im Namen Hitlers, das Ehrenkreuz für Frontkämpfer für seine Verdienste im Ersten Weltkrieg verliehen. Jedoch verschlechterten sich die Lebensbedingungen für Juden im Deutschen Reich kontinuierlich und der Rabbiner entschloss sich, noch vor der Reichspogromnacht, im April 1938, Deutschland zu verlassen. Mit seiner Familie wechselte er in die Niederlande über. Seine Stationen dort waren Scheveningen, Groningen und ab Frühjahr 1943 das Ghetto Amsterdam. Deutsche deportierten ihn von da ins KZ Westerbork, dann nach Theresienstadt und schließlich, im Mai 1944, nach Auschwitz. Dort haben ihn, seine Frau und zwei seiner Kinder nur kurze Zeit nach der Einlieferung Deutsche umgebracht.

Adolf Altmann war der Autor von zahlreichen Beiträgen in Periodika und von selbständigen Werken:

Zionismus und Antizionismus (1903), Dreierlei Peßach (1913), Geschichte der Juden in Stadt und Land Salzburg von den frühesten Zeiten bis auf die Gegenwart (zwei Bände, 1913 und 1930), Unser Kaiser – Ein König des Volkes (1917), Jüdische Welt- und Lebensperspektiven (1926), Sinn und Seele des „Höre Israel“ (1928), Schicksalmomente im Judentum (1929), Das früheste Vorkommen der Juden in Deutschland (1932), Mensch und Prophet im Rhythmus der Zeit (1932), Lebenskampf und Weltanschauung (1932), Ähren und Beeren (?), Predigten an das Judentum von heute (1935), Volk im Aufbruch – Diaspora in Bewegung (1936), Die jüdische Volksseele (1937) u.a.

Artikel von und über Adolf Altmann finden sich u.a. in der historischen Zeitschrift „Der Israelit“.

1958 benannte die Stadt Trier eine Straße nach dem Ermordeten; dreißig Jahre später war man auch im österreichischen Salzburg soweit, sich einen Juden, der sich um die Stadt Verdienste erworben hatte, zum Namenspatron einer Verkehrsader zu erwählen: im Salzburger Stadtteil Gneis gibt es seit 1988 eine Dr.-Adolf-Altmann-Straße.

Die physische Vernichtung der Familie Altmann hat der älteste Sohn, Alexander Altmann (geb. 1906) überlebt. Er wurde ebenfalls Rabbiner und Gelehrter, zunächst in Berlin (ab 1931), dann im britischen Manchester. In letzterer Stadt begründete Alexander Altmann das Institute for Jewish Studies. Später lehrte er als Professor Philosophie des Judentums an der angesehenen Brandeis University, außerdem ernannte man ihn zum Leiter des Lown Institute of Advanced Judaic Studies.