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Warnung vor Seelenmord an Kindern

Bosnische Flüchtlinge vor der Rückschaffung…

Von Paul Parin

Ich schreibe über «alleinerziehende Mütter» aus Bosnien-Herzegowina und über andere Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien, deren Kinder alle der gleichen Gefahr ausgesetzt sind, wenn sie zurückgeschickt werden. Ich schreibe, um zu warnen und zu bitten.

Meine Warnung richtet sich an die Öffentlichkeit und an unsere Behörden. Es besteht die Gefahr, dass sich die Eidgenossenschaft unwillentlich einer Mithilfe an Verbrechen schuldig macht, dem Seelenmord an einer grösseren Anzahl Kindern. Als Entschuldigung für die Rückweisung jüdischer Flüchtlinge zur Zeit des Hitlerreichs wird der militärische und politische Druck der Achsenmächte angeführt und der Umstand, dass man nicht wusste, welchen Gefahren die Flüchtlinge ausgesetzt waren. Druck und Nichtwissen gelten diesmal nicht. Wenn man von der Wegweisung absieht, lässt sich das Unheil ohne grössere politische oder finanzielle Kosten vermeiden.

Meine Bitte richtet sich an unsere Behörden. Ich möchte nicht noch einmal stummer Zeuge einer unmenschlichen Politik sein, für die sich kommende Generationen entschuldigen und deren wir uns schämen müssen. Ich bin 81 Jahre alt, als Schweizer Bürger geboren, gehöre zur «Aktivdienstgeneration», bin seit 59 Jahren in Zürich wohnhaft; davon leite ich das Recht ab, meine Bitte auszusprechen. Doch glaube ich, darüber hinaus die Pflicht zu haben, mich zu äussern. Mit den Literaturpreisen des Kantons und der Stadt Zürich, einem österreichischen und einem deutschen Literaturpreis und dem Ehrendoktorat der Klagenfurter Universität bin ich ohne mein Zutun zu einem ausgewiesenen Sprecher der humanen und demokratischen Schweiz erklärt worden. Wenn ich über eine Politik schweige, die nicht human ist, über deren Folgen ich als Fachmann – vierzig Jahre Praxis als Psychoanalytiker und «Seelenarzt» – Bescheid weiss, verletzte ich meine Pflicht, die Öffentlichkeit aufzuklären und zu warnen. Unter «Seelenmord» an Kindern verstehe ich das, was in der Fachpresse «sequentielle Traumatisierung» heisst.

Der Begriff ist vom deutschen Kinderpsychiater Hans Keilson geprägt worden. Doktor Keilson ist als Deutscher jüdischer Abstammung nach der Machtergreifung Hitlers nach Holland geflohen, war während der Naziherrschaft im Untergrund des holländischen Widerstands als Arzt tätig und hat sich seit 1945 der Behandlung von Kindern gewidmet, die durch Krieg und Verfolgung schwere seelische Traumen erlitten haben. Das Ergebnis seiner Erfahrungen mit zahlreichen seelisch traumatisierten Kindern – gewonnen aus Einzeluntersuchungen, Langzeitbeobachtungen und an grossen Gruppen – ist: Kinder, die durch Verfolgung, Krieg und Flucht schlimme Schrecken und Angst (auch die Ängste ihrer Eltern) durchgemacht haben, behalten eine Neigung, auf spätere analoge Erfahrungen mit schweren psychischen Erkrankungen zu reagieren. Das gilt für Kinder, die sich in der Zwischenzeit gut entwickelt haben, klaglos die Schule absolvieren konnten, oder andere, bei denen Folgen einer seelischen Verstörung, sogenannte «Brückensymptome» (nervöse Störungen, Alpträume) feststellbar waren. Zur Auslösung der Störungen kommt es, wenn Umstände und Erlebnisse, auch die Umgebung, denen ähnlich sind, unter denen die seelische Verletzung (Traumatisierung) erfolgt ist. Die Angst und Ratlosigkeit der Eltern oder Pflegepersonen haben zur Folge, dass die Psyche der Kinder hilflos der Wiederbelebung der traumatischen Erfahrungen ausgesetzt ist. Gerade auch Kinder, die sich in einer neuen gesicherten Umwelt integriert und gut angepasst hatten, sind noch nach Jahren anfällig. Das «sequentielle» oder Folge- Trauma führt in der Regel zu schwereren Schäden als das erste. Eine Therapie vermag daran meist nichts zu ändern. Die traumatisierten Kinder wachsen zu seelischen Invaliden heran. Häufig bleiben sie zeitlebens verstört, vergleichbar chronisch Geisteskranken.

Der Anlass zu diesem Aufsatz ist, dass mich vor einigen Tagen fünf Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien besucht haben, Vertreterinnen einer «unabhängigen Gruppe alleinerziehender Mütter», Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina. Sie haben ein Buch mitgebracht, das etwa sechzig Texte enthält, «aufwühlende Geschichten, die einen knapp, die anderen ausführlicher geschrieben».*

Diese Frauen haben ihre Männer verloren, oft auch Brüder und Väter, die Männer sind gefallen, verschleppt worden oder einfach verschwunden; mancher Vater wurde vor den Augen seiner Kinder ermordet.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie «es» beinahe geschafft haben und dass sie nicht zurückkönnen, dorthin, von wo sie geflohen sind. «Beinahe » – weil sie in diesem Jahr nach dem Willen der Schweizer Behörden zurückmüssen. Was sie geschafft haben, ist, dass sie nach den schrecklichen Erlebnissen bei der Vertreibung und Flucht aus ihrer Heimat bei uns einen Ort und eine Zukunft für ihre Kinder gefunden haben und in der Schweiz bleiben möchten.

Es sind nicht sehr viele Frauen, die meine Besucherinnen vertreten. Ich schreibe keine Zahl hin, weil es zweifellos noch andere Flüchtlinge gibt, die in der gleichen Lage sind und weil sie keine Nummern sind, sondern Menschen mit einem Namen, einem einmaligen Leben und Schicksal und vor allem mit Kindern, die bei einer rücksichtslosen Rückführung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine sequentielle Traumatisierung erleiden würden. Viele der Frauen tragen einen Makel, der sogleich verständlich macht, warum sie nicht zurückkönnen: Ihre Kinder oder sie selber stammen aus «Mischehen». Zum Beispiel kann eine Bosnierin mit Kindern eines serbischen Vaters nicht im ethnisch gesäuberten Gebiet der Bosnier bleiben, weil sie als Verräterin gilt, und nicht im Gebiet der Serben, weil sie eine Feindin der Ethnie ist.

Den alleinerziehenden Frauen ist ein einziges Lebensziel geblieben: die Zukunft ihrer Kinder. Sie wünschen, dass ihre Kinder zur Schule gehen, eine Ausbildung erhalten, behandelt werden, wenn sie krank sind. Diese Wünsche halten sie aufrecht. Wegen ihrer Kinder dürfen sie nicht resignieren oder sich in Lethargie und Depression sinken lassen. Die identischen Lebensziele für die Kinder sind es auch, die bewirken, dass aus den Alleinerziehenden eine schwesterliche Gemeinschaft entstanden ist. Tüchtigere und sprachkundige Frauen helfen den anderen, die weniger ausgebildet oder weniger energisch sind. Auf die gegenseitige Hilfe ist es vor allem zurückzuführen, dass fast alle Kinder dieser rudimentären Familien in Schulen und Ausbildungsstätten einen festen Platz gefunden haben, dass sie deutsch und schweizerdeutsch sprechen, ein Berufsziel anstreben und sich eine Zukunft in der Schweiz wünschen. Die Integration in unsere Gesellschaft – die zu fördern ein wichtiges Ziel unserer Ausländerpolitik ist – haben die alleinerziehenden Mütter für ihre Kinder bereits geleistet. Viele der Mütter haben mit Hilfe von Schweizer Freunden, Lehrern und verschiedenen Institutionen eine Wohnung gefunden, sich weitergebildet und arbeiten, so dass sie kaum jemandem zur Last fallen würden, wenn sie hierbleiben dürften.

Die Frauen wollen nicht zurück, fürchten sich davor und sagen: «Wir können nicht zurück.» Dafür gibt es objektive Gründe: Das Haus ist zerstört oder von anderen Flüchtlingen besetzt, vor allem aber gibt es die Trennung der Bevölkerung in den Territorien, in denen sie vor dem Krieg zu Hause waren. Nach den ethnischen Säuberungen sind sie zu unerwünschten Fremden – oder zu Feinden – geworden. Das Abkommen von Dayton, das vor zwei Jahren unterzeichnet worden ist, hat zwar zum Ziel, allen Flüchtlingen die Rückkehr an ihren früheren Wohnort zu ermöglichen. Dieses Ziel ist für diese Flüchtlinge überhaupt nicht erreicht. Wer nicht mehr in die Entität «passt», kann dort nicht hin. Was mit ihren Kindern geschehen würde, davor haben die Mütter Befürchtungen und Ängste. Sie ahnen, dass ihre Kinder die Heimschaffung «nicht aushalten» würden, dass ihr Leben zerstört würde.

Wir in der Schweiz und unsere Behörden dürfen uns nicht mit Vermutungen oder Ahnungen über das Schicksal der Kinder abfinden. Denn wir wissen, was ihnen droht: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Seelenmord. Darum muss denen, die nicht zurückkehren können, Asyl gewährt werden.

Quelle:  Paul Parin, Warnung vor Seelenmord an Kindern. Bosnische Flüchtlinge vor der Rückschaffung. In: WoZ, Die Wochenzeitung (Zürich), Nr. 5, 29. Januar 1998.
Paul Parin (2005): Psychoanalyse, Ethnopsychoanalyse, Kulturkritik. Paul Parins Schriften auf CD, herausgegeben von Johannes Reichmayr, 19,90 Euro, Psychosozial-Verlag, Gießen, Bestellen?