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„Arbeit macht frei“ Parolen bei Fußball-Spiel

Als im Februar der jüdische Fußball-Spieler Itay Schechter von den eigenen Fans des 1.FC Kaiserslautern u.a. als „Drecksjude“ antisemitisch beleidigt wurde, reagierte die Fußball-Gemeinde und auch die Öffentlichkeit mit Entsetzen…

Von C.S.

Aus der Vereinsführung heraus wurde klargestellt, daß man sich von antisemitischen und rassistischen Beleidigungen distanziere. Auch eine Reaktion des designierten DFB-Präsidenten, Wolfgang Niersbach, ließ nicht lange auf sich warten. Er wünsche sich „eine konsequente Verfolgung durch die Behörden“. „Mit allen Mitteln, die dem Fußball zur Verfügung steht, müssen wir uns dagegen wehren“, so Niersbach.

Warum der DFB die sich ständig wiederholenden antisemitischen Anfeindungen und Beleidigungen beim Fußball jedoch unterschiedlich bewertet bzw. solche und ähnlich gelagerte Parolen scheinbar nach dem Zufallsprinzip registriert und sanktioniert, ist nicht nachvollziehbar. Denn Anfang März riefen einige hundert Fans des Chemnitzer FC Parolen, mit denen sie den Holocaust verspotteten. Nur in diesem Fall bleibt folgenlos, was nur wenige Wochen zuvor einhellig verurteilt wurde.

Als am 03.03.12 bei der Begegnung des SV Babelsberg 03 gegen den Chemnitzer FC die Mannschaften auf das Spielfeld liefen, grölte der Chemnitzer Anhang laut und deutlich „Arbeit macht frei-Babelsberg 03!“. Wer nah genug stand, konnte dabei auch die amüsierten Gesichter vieler Fans des CFC erkennen. Dieser Slogan ist leider schon beinahe „Standard“ bei Begegnungen der Babelsberger gegen Vereine, die in ihrem Anhang einen Mix aus dumpfen Rassisten bis hin zu Kadern der rechtsextremen Szene dulden.

Die Fan-Szene in Babelsberg ist eine der wenigen in Deutschland, die sich konsequent antirassistisch und in Teilen auch antifaschistisch positioniert. Und sie waren die Einzigen im Stadion, die auf die sich wiederholenden Beleidigungen von NS-Opfern von den Chemnitzern reagierten. Ansonsten war keinerlei Reaktion zu beobachten. Nicht vom Stadionsprecher, nicht von den Trainerbänken oder den Spielern, und auch nicht von den Ordnern oder gar der Polizei.

Oftmals werden rechtsextrem motivierte Gesänge auch als „übliche Anfeindungen gegen das jeweilige andere Fan-Lager“ gedeutet, die dann folgenlos bleiben. Eine Beobachtung, die besonders in unteren Spielklassen immer wieder zu machen ist. „Du Jude“ z.B. gilt unter manchen Fans als nur eine von vielen anderen gängigen Beleidigungen. Oft steckt nicht einmal ein gefestigtes rechtsextremes Weldbild dahinter, wie man vermuten könnte. Slogans wie „Arbeit macht frei-Babelsberg 03“ verstoßen klar und deutlich gegen nationale und internationale Regeln und Bestimmungen im Fußball. Sie sind eine Verunglimpfung von Opfern des NS-Regimes und somit sogar juristisch eindeutig eine Straftat. Nicht so die bei den wenigen antifaschistischen und fortschrittlichen Fußball-Fans in Deutschland gern benutzte Metapher: „Bomber Harris – do it again“. Ein Spruch mit dem öfter mal Nazi-Gesängen im Stadion entgegnet wird. Zur Erklärung, Sir Arthur Harris war ein Pilot der Royal Air Force im 2. Weltkrieg und an der Bombardierung deutscher Städte beteiligt.

Nun war beim Spiel am 03.03. vielen Babelsbergern bekannt, daß nur 2 Tage später eine Nazi-Demo in Chemnitz stattfinden sollte. Auf dieser Demo sollten, ähnlich wie z.B. in Dresden, die Angriffe der Alliierten im 2. Weltkrieg relativiert und der sog. „Bomben-Holocaust“ auf „unschuldige“ deutsche Städte bejammert werden. Allgemein sind die Fans vom CFC und die Nazi-Szene in Chemnitz eng miteinander verwoben. Um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, haben antifaschistische Fans ein Banner mit der Aufschrift „05.03. – Bomber Harris do it again!“ sichtbar aufgehangen.

Was nun folgt, ist an Ignoranz kaum zu überbieten und stellt sowohl die Vereinsführung des SVB als auch den DFB in ein denkbar schlechtes Licht, denn dieses Banner sorgte im Nachhinein für Aufregung.

Am 16.03. stellte das DFB-Sportgericht schließlich seine Prioritäten klar und verurteilte den SV Babelsberg zu einer Geldstrafe von 5000 Euro wegen dem unsportlichen Verhalten seiner Fans! Ein Urteil welches sich auf §9 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB bezieht, in dem der Diskriminierungstatbestand erläutert wird. Offensichtlichlich kommt dieser Paragraph für eine schriftliche Aussage antifaschistischer Fans, aber nicht für eine verbale Verunglimpfung von Holocaust-Opfern durch den neo-nazistischen Mob aus Chemnitz zur Anwendung.

Und auch in der Geschäftsführung des SVB sieht man keinen Anlass, gegen diesen Bescheid vorzugehen oder gar zu protestieren. Mit Demut und Einsicht wird die Strafe akzeptiert, sind doch schließlich die eigenen Anhänger diejenigen, die sich unsportlich und unfair verhielten. Die Vereinsführung übt sich in Reue und verliest bei einem Spiel am 17.03. eine Erklärung, in der man sich von den eigenen Fans für das zeigen des Banners schäme und diese unter Umständen zur Verantwortung ziehen werde. Schließlich würde der Slogan der SV-Fans für Außenstehende auch dazu führen können, „daß er einen Massenmord gutheiße“, so der Geschäftsführer des SVB zur „Jungle World“. Spätestens mit dieser Aussage wird der Bock zum Gärtner gemacht, und aufgezeigt, wie die Vereinsführung beim SVB 03 „tickt“, nämlich nicht unbedingt richtig. Anscheinend sieht man bei „Bomber Harris-do it again“ einen Zusammenhang zum Massenmord. Zynische „Arbeit macht frei“-Parolen im eigenen Stadion hingegen bleiben unkommentiert.

In einschlägigen Fußball-Fan-Foren im Internet ist den allermeisten Einträgen zu diesem Thema zu entnehmen, daß von den Babelsbergern die eigentliche kritikwürdige Aktion an diesem Spieltag ausging, welche mit ganzer Aufrichtigkeit verurteilt wird. Selbst bei denen, die sich klar von Nazis abgrenzen. Ganz nach dem Motto „die Nazisprüche sind daneben, aber das Banner geht ja überhaupt nicht!“.

Auch dort hat der Geschichtsrevisionismus in Bezug auf deutsche Opfermythen Einzug gehalten. Oft ist der vermeintlich unpolitische Sportsgeist das Maß aller Dinge. Zum Beispiel wenn vor der „Politisierung durch Antifa-Banden“ gewarnt wird, die selbst beim Fußball „die Ermordung und Bombardierung der eigenen Landsleute fordern“. Seltsamer Weise sind es immer die gleichen Reaktionen, wenn es um Aktionen von linken Fußball-Fans geht, bei denen dann eine Vermischung von Sport und Politik ausgemacht wird, die es konsequent abzulehnen gilt. Rassistisch und antisemitisch motivierte Vorfälle finden hingegen eher selten Beachtung beim Austausch im Netz.

Was bleibt ist die Frage, wie es zu solchen Unterschieden bei der Bewertung und Bestrafung durch den DFB (oder anderen Verbänden) kommt, wenn es um vermeintliches oder tatsächliches Fehlverhalten von Fußball-Fans geht? Auch muss man sich fragen, warum oftmals diverse Äußerungen und Gesänge von anwesenden Vertreter_innen der Medien nicht wahrgenommen werden, obwohl es sonst für alle im Stadion zu hören ist. Es gibt leider noch immer viel zu tun, wenn NS-Verherrlichung, Antisemitismus und Rassismus wirksam und nachhaltig klar die Rote Karte im Stadion gezeigt werden soll.

Erst vor kurzem bestätigte eine repräsantive Umfrage den noch immer tief sitzenden Antisemitismus in Deutschland. Besonders häufig ist er beim Fußball zu bemerken. Am deutlichsten brachte es Dieter Graumann mit seinen Worten bezüglich der antisemitischen Beleidigungen gegen den Spieler des 1. FCK, Itay Schechter, auf den Punkt: „Wer solche Fans hat, ist gestraft. Wer solche Fans duldet, gehört bestraft!“ An Möglichkeiten der Sanktionierung solcher menschenverachtenden Statements im Fußball fehlt es nicht. Es mangelt vielmehr an der Bereitschaft, konsequent dagegen vorzugehen.