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Benedikt Stilling: Ein Outsider der medizinischen Zunft

Wer heute von Marburg auf der Bahn nach Treysa fährt, übersieht leicht Kirchhain, ein kleines hessen-nassauisches Landstädtchen. Früher einmal, als es zu Kurhessen gehörte, arztete hier vor mehr als hundert Jahren Dr. Justi, ein gemütlicher Kreisphysikus….

Felix A. Theilhaber

Die Sonne guckte verstohlen in die engen Stadtgassen, noch nicht sehr warm, denn es war ein Märztag im Jahre 1814, als der Doktor, begleitet von einem kleinen hübschen Knaben, eines Mittags nach Hause kam. Verwundert begrüßte die Frau Physikus, wie man sie nannte, den fremden, aber zutraulichen Jungen.

„Sieh doch“, sagte jener, „das ist mein neuester Assistent. Nicht wahr, Benedikt, du wirst mir helfen, wenn ich bei deinem Bruder heile-heile mache.“

Der kleine Mann, der gerade sechs Jahre alt war — am 22. Februar hatte er seinen Geburtstag gefeiert —, nickte ernst mit dem Kopfe.

„Der Junge hat vor dem Doktor gar keine Angst. Was willst du denn werden?“

„Doktor“, kam es leise von den Lippen des Knaben.

„Gut, mein Junge! Und nun geh nach Hause, und morgen komm ich wieder.“

„Es ist der Kleine von dem Wollhändler Stilling, dessen neunjähriger Bruder sich heute die Hand schwer verletzt hat“, sagte Dr. Justi zu seiner Frau und zu einem eben dazugetretenen jungen Mann, seinem Neffen, der bei ihm in den Ferien wohnte.

Von dieser Zeit an kam der Knabe oft ins Haus des Arztes, und der Neffe war es, der ihn im Latein für das Gymnasium vorbereitete, während ihn dank seiner Fürsprache ein anderer Geistlicher die griechische Sprache lehrte.

Noch im späten Alter erzählte Stilling diese Geschichte. Gern sprach er davon, daß dieses Ereignis sein Leben entschied. Nachdem er das Gymnasium beendet hatte, bezog er als Studiosus medicinae die Universität Marburg.

In seinen ersten drei Semestern gehörte Stilling dem Korps „Westphalia“ an. Die von der Regierung oft mit drakonischer Strenge verfolgten Verbindungen waren froh, jüdische Mitglieder zu finden. Aber die vielen Abhaltungen, die der Verbindungstrieb mit sich brachte, behagten dem mehr wissens- als bierdurstigen Studiosus nicht allzusehr. Der Duellzwang erschien ihm sinnlos. Trotzdem wurde er in eine Affäre verwickelt und trug bei der Austragung eine schwere Verwundung davon. Kaum genesen, mußte er, in einen Konflikt seines Korps verwickelt, eine Karzerstrafe von sechs Wochen absitzen. Diese Angelegenheit hatte ihr Gutes. Das Korps, der Universität ohnedies mißliebig, wurde über eine weitere Kontroverse aufgelöst. Stilling atmete darüber erleichtert auf. Jetzt hatte er seine Freiheit wieder, und die verwandte er lieber zur Arbeit. Jetzt konnte er ungehindert und ungestört sich dem Studium widmen. Sein fabelhaftes Gedächtnis kam ihm dabei zu Hilfe. Er war berühmt dafür, daß er Vorlesungen, die er hörte, am Abend so niederschreiben konnte, daß er alle wichtigen Ideen des Vortrages wiedergab.

Im Jahre 1832 bestand der fleißige Kandidat die Prüfung mit der seit zehn Jahren nicht mehr erteilten Zensur summa cum laude. Schon wenig später erscheint seine Doktorarbeit, die seine wissenschaftliche Befähigung ahnen läßt. Stilling berichtete in seiner Doktorarbeit von der Verpflanzung und Einteilung eines Stückchens Hornhaut, das er aus dem Auge eines Kaninchens in das eines anderen einsetzte, ohne die Durchsichtigkeit zu gefährden. Um der erblindeten, d. h. verdunkelten Hornhaut die Sehfähigkeit wiederzugeben, versuchte er sich an den Tieren. Es schien ihm ein Weg, analog auch beim Menschen Fälle von Blindheit zu heilen.

Mitten in seine wissenschaftlich ausgenutzte chirurgische Assistentenzeit trifft ihn unerwartet im Jahre 1833 die Ernennung zum Landgerichtsarzt in Kassel, die ihm ein wohlgesinnter Beamter erwirkte.

In Kassel winkte ihm eine wirtschaftlich erträgliche Zukunft, bei einem Verbleiben an der Klinik in Marburg war keine Aussicht für eine Lehrtätigkeit vorhanden. Die Zurücksetzung der Juden war zwar offiziell aufgehoben, aber schon diese Ernennung zum beamteten Arzt war eine Ausnahme. Professor Rubino und Dr. Pinhas überredeten daher Dr. Stilling, die Stelle schon im Interesse der Juden überhaupt anzunehmen.

Rubino konnte ein Lied von der Benachteiligung der Juden singen. Der 36jährige Privatgelehrte war damals ein bekannter Rechtsgelehrter. Seine Untersuchungen über die römische Verfassung hatten ihm zwar 1832 den Titel Professor verschafft, aber die Zulassung zur Universitätskarriere blieb ihm verschlossen, bis er sich schließlich, nach weiteren zehn Jahren, taufen ließ und jetzt rasch sein Ziel erreichte. Dr. Pinhas war der Sohn des Hofmalers und Redakteur der Kasseler Allgemeinen Zeitung, also ein Mann, der die Verhältnisse gut übersah. Stilling, der den Widerstand des Ministers Hassenpflug gegen jüdische Bewerber zur Dozentur auch aus anderen Fällen kannte, mußte den Darlegungen seiner Bekannten rechtgeben. Schweren Herzens resignierte er auf eine akademische Laufbahn. Aber noch als 61 jähriger hätte er alles für eine Professur der Chirurgie hingegeben.

Den Minister Hassenpflug, den allgewaltigen Judengegner, führte das Schicksal merkwürdig rasch mit Stilling zusammen. Auf einer Fahrt durch die Stadt Kassel war dem Staatsrat das Mißgeschick widerfahren, den zehnjährigen Sohn eines Torwarts zu überfahren. Zwei Ärzte, die er mit der Behandlung beauftragte, erklärten die beiden Oberschenkelknochen des Jungen für gebrochen. An diesem Tage ließ sich Stilling, der eben seine neue Stelle in Kassel angetreten hatte, im Ministerium bei Hassenpflug melden, um dem Minister seine offizielle Visite zu machen. Von der Mitteilung der Ärzte über die Schwere der Verletzung des verunglückten Knaben noch ganz erregt, zog Hassenpflug den neuen Arzt zu. Stilling erklärte den ganzen Unfall nur für eine Weichteilverletzung, die in wenigen Tagen behoben sein würde. Da der junge Wundarzt recht behielt, übergab ihm Hassenpflug auch noch die Behandlung seiner Mutter, die seit Jahren an einem schweren Rückengeschwür litt. Stillung glückte die Ausheilung ebenfalls in kürzester Zeit. Der Minister, der selbst an einer Fingergcschwulst litt, ließ sich nun selbst von Stilling operieren. Und er versprach ihm weitgehendste Förderung in einer akademischen Laufbahn, allerdings unter der Bedingung der Taufe. Als Stilling diese conditio sine qua non kategorisch ausschlug, meinte Hassenpflug unwillig: „Dann mögen Sie einst unter Ihren Kollegen eine hohe Stellung, nie aber eine hohe Stelle einnehmen.“

Auch Friedrich Wilhelm, der hessische Kurfürst, der von Stilling hörte, verweigerte dem renitenten Juden die ihm für seine inzwischen erfolgten Arbeiten geplanten Auszeichnungen. Ja, er äußerte sich nicht nur in diesem Sinne zu Hassenpflug, sondern benutzte ganz gern die Vorstellungen von ärztlichen Kollegen, die Stilling seine glänzende Praxis neideten, um ihn zu bestrafen. Er willigte ein, daß unter dem Nachfolger Hassenpflugs seine Versetzung in ein elendes Dorf Eiterfeld ausgesprochen wurde. Vergeblich bemühte sich dagegen sogar der französische Gesandte Graf Belara, der mit Stilling befreundet war. Da Stilling sich nicht mit Weib und Kindern (er hatte drei Söhne) in die Wüste schicken lassen wollte, legte er gezwungenermaßen die amtliche Stelle nieder.

Für die mangelhafte Förderung durch die hohe Obrigkeit entschädigte ihn eine glänzende Privatpraxis, die ihn zum beschäftigsten Arzte Kassels machte. Im übrigen veröffentlichte er trotz der Überlastung mit vom Amte her stammenden Aufgaben und der ärztlichen Tätigkeit, die ihn auch an den Hof führte, in den ersten Jahren seines Kasseler Aufenthaltes bereits wissenschaftliche Arbeiten.

Damals waren Bauchoperationen und Operationen an den weiblichen Unterleibsorganen etwas Ungebräuchliches. 1809 hatte ein Virginier, MacDowell, eine Eierstockausschneidung vorgenommen, der erst zehn Jahre später der deutsche Arzt Chrysmar in Isny folgte. Bis 1837 war der Eingriff dreißigmal wiederholt worden, wobei die Mehrzahl der Operierten starb. Stilling ging nun bei der Operation seinen eigenen Weg. Er öffnete nicht die Bauchhöhle, sondern schnitt die Eierstockgeschwulst außerhalb derselben aus, wodurch er zwei Vorteile für die Operation gewann. Er vermied damit die in der voraseptischen Zeit besonders gefürchtete und gefährliche Infektion, konnte also mit großer Chance auf einen glücklichen Ausgang rechnen und vermied durch die von ihm gewählte Technik die Gefahr einer Blutung. Stilling veröffentlichte seine Erfindung in Hölschers Hannoverschen Annalen der gesamten Heilkunde (im I.Jahrgang 1841). Die Zeit war aber für diese geniale Operation nicht reif. Man stand ihr interesselos gegenüber. Später konnte sich Stilling mit Recht darüber beschweren, daß man in Deutschland das Stillingschc Verfahren als das „englische“ ansprach. Der Engländer Duffin hatte nämlich sechs Jahre später dieselbe Operationsmethode aufgebracht, und so kam Stilling um den wohlverdienten Ruhm. Im März 1866 kam er nochmals auf seine Entdeckung zu sprechen, berichtete von zehn Eingriffen, von denen sieben geheilt waren. Erst viel später fand diese mutige ‚Fat ihre Anerkennung.

Im Jahre 1840 publizierte Stilling trotz der Aufregungen und Abhaltungen, die sein Kampf mit den Kollegen in der judenfeindlichen Regierung mit sich brachte, seine große Lehre von dem vasomotorischen Nervensystem.

Vor dem Jahre 1840 war die Vorstellung über die Gesetze der Blutverteilung in den Adern noch eine recht primitive. Die Physiologen schrieben dem Herz, dem Motor des Blutkreislaufes, die fast ausschließliche Rolle zu, und nur Widerstände in den Organen, in den Gefäßen selbst (Verengung und Verschließung der Adern) schienen die Veränderung der Blutversorgung zu bedingen. Stilling fand den autonomen Einfluß der Gefäßnerven, die unabhängig vom Herzen und von den Organen die Blutverteilung regulieren. Damit erklärte er die plötzliche lokale Blutüberfüllung, die durch besondere Einflüsse bedingt sein kann. So bringt Scham eine Rötung der Wangen hervor, also einen Andrang des Blutes (es steigt zum Kopfe), oder ein Schreck macht das Gesicht „weiß wie die Wand“, weil sich die Blutgefäße schließen. Noch 1837 hatte der berühmte Physiologe Joh. Müller bestritten, daß die Blutgefäße überhaupt mit einer Muskelschicht ausgestattet seien. Stilling aber lehrte, daß Gefäßnerven diese Muskeln zusammenziehen respektive erweitern könnten. In diesem Jahre (1840) erbrachte auch Henle den mikroskopischen Nachweis der Gefäßmuskel. Von Stilling stammte die Erkenntnis, daß die Blutbewegung vom Herzen, die Blutverteilung von den Gefäßen abhängig ist. Dem Physiologen Valentin, einem Breslauer Juden, den das Schicksal nach Bern vertrieben hatte, war vorher geglückt, den Einfluß von Nerven auf die Zusammenziehung der Gefäße zu beobachten. So hatten Valentin und besonders Henle Stilling vorgearbeitet.

Stilling zeigte nun die Rolle, die der Nervus sympathicus dabei spielt. Dieser nur lose mit dem Rückenmark in Beziehung stehende Nerv wurde von Stilling in seinem Hauptzwecke gut erkannt. Nach seinen Untersuchungen vermittelt und reguliert der Sympathikus die dem Willen entzogenen Bewegungen und den Füllungsgrad der Gefäße. War Henle der anatomische Vater des vasomotorischen Nervensystems, so wurde Stilling der physiologische. Die Bedeutung der Lehre vom vasomotorischen Nervensystem geht unter anderem daraus hervor, daß ihmVulpian im Jahre 1875 eine Monographie in zwei Bänden widmete, in denen allerdings Stillings, des Entdeckers, kaum gedacht ist. Etwas trug an dieser mangelhaften Beachtung der Stillingschen Publikationen die Darstellung schuld. Der gelehrte Autor beschränkte sich in ihr nicht lediglich auf ein Problem, auf die Entdeckung der vasomotorischen Nerven. Sein spekulativer Geist belastete die Arbeit mit einer Reihe von recht umstrittenen anderen medizinischen Theoremen, die diese wichtige Entdeckung fast in den Hintergrund drängten.

Nach weiteren Arbeiten, deren Bedeutung an die früheren nicht heranreicht, ging Stilling an die Erforschung der Anatomie des Rückenmarks. Er schuf die Grundlage der modernen Anatomie des Zentralnervensystems. Kußmaul nennt ihn hier „den Bahnbrecher, den Kolumbus einer neuen Weit“. Er zerschnitt in mühseliger Arbeit das Rückenmark in eine große Anzahl dünner, durchscheinender Scheiben, die eine mikroskopische Betrachtung zuließen. Diese Schnitte wurden so angefertigt, daß sie den Verlauf der Nervenfasern von oben nach unten und in querer Richtung aufzeigten. Stilling untersuchte die ganze Anatomie des Rückenmarks bis hinauf in das Kleinhirn. Er wollte eine genaue Grundlage der Rückenmarksanatomie geben, damit man „wie aus dem Studium der verschiedenen Durchschnitte eines Bauplanes, den Bau eines komplizierten Gebäudes erkennt“.

Anno 1842 veröffentlichte er das erste Werk über die Anatomie des Zentralnervensystems, 1878, nach 36 Jahren, das letzte. Die Ergebnisse füllen eine Reihe von dicken Bänden und eingehenden anatomischen Atlanten. Nur die Ärzte und von diesen wiederum die Anatomen können die Leistung voll würdigen. Eine unerhörte Hingabe, tiefes Wissen, ein besonderer Scharfblick vermochten ihn dazu zu befähigen, auf diesem Gebiete alle die Entdeckungen zu machen, die sich auf Kleinhirn, die Medulla oblongata, die Varolsbrücke beziehen. Kein Wunder, daß sich auch Irrtümer einschlichen, Fehler sich nachweisen ließen. Der Mann, der aus dem Erträgnis seiner Praxis die wissenschaftlichen Arbeiten bestritt, saß fern der wissenschaftlichen Forschung, ohne Verbindung mit klinischer Kontrolle, in einer Provinzstadt, wo es kein Institut gab, das ihm irgendwelche Förderung erteilen konnte.

Hatten Forscher vor Stilling für das Rückenmark den Zusammenhang der Nervenwurzel mit der grauen Markmasse entdeckt, so war es Stilling vorbehalten, von den meisten Wurzeln der Gehirnnerven den Ursprung im grauen Mark der höher gelegenen Teile des Zentralhirns nachzuweisen.

Durch die Benennung dieser Teile als „Stillingsche Nervenkerne“ ist wenigstens der Name des Entdeckers in der Anatomie erhalten geblieben. „Eine Entdeckung von gleicher Bedeutung hat die neuere Anatomie, wenn wir von den rein histologischen Gebilden absehen, nicht aufzuweisen. Sie verleiht dem Namen Stilling Unsterblichkeit.“

Diese Anerkennung zollte ihm der Festredner auf der 52. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte, Professor Kußmaul, in Baden-Baden am 18. September 1879, cmige Zeit nach dem Tode Stillings.

Der Name „Nervenkerne“ stammt von Stilling selbst. Er hat diese Kerne im Großhirn, im Rückenmark, im Kleinhirn nachweisen können. Allerdings hat er den Trigeminuskern mit dem Fazialiskern verwechselt, ferner den Glosso pharyngeus mit der hinteren Akustikuswurzel; aber der Ursprung des Hypoglossus, des Vagus, Abducens, Trochlearis, Okulomotorius usw. hat er richtig erkannt und gedeutet. Der Gang der einzelnen Stränge in Hirn und Rückenmark, die Übergänge von Fasern aus der grauen Substanz und Seitensträngen, der Nachweis einer vorderen und hinteren grauen Kommissur, die Clarkeschen Säulen des Rückenmarks, die er als Dorsalkernc ansprach, und so vieles andere, was für den Laien eine ferne Welt ist. Stilling stellte das erste brauchbare Rückenmarkschema auf, das über die wirklich nicht einfachen Verhältnisse der Nervenstränge Aufschluß gibt.

Daß ein praktischer Arzt, der vor allem als Chirurg sich betätigte, ein solch tiefschürfendes anatomisches Werk durchführte, muß unser Erstaunen wecken. Solche mikroskopische Forschungen, physiologische Experimente (z. B. zahlreiche Tierexperimentc, die die Funktionen des Rückenmarks aufzuklären hatten), eingehende wissenschaftliche Darstellungen sind sonst stets nur Fachleuten vorbehalten, die Zeit und Möglichkeiten dafür haben. Selbst auf seinen Reisen gab er sich nicht der Ausspannung hin. 1855 beim Besuch in Nizza, stellte er mikroskopische Untersuchungen am Zitterrochen an. Unterwegs und zu Hause kannte er nur die Arbeit, die Forschung. Stilling erkämpfte sich die Muße für sein Werk durch Überarbeitung. Auf dem Höhepunkt seiner Schaffensperiode im Jahre 1859 erfolgte ein Zusammenbruch, der ihn zwang, fast ein Jahr die Praxis aufzugeben. Nach Abschluß der Arbeiten im Jahre 1873 schloß sich wieder eine längere Erkrankung an.

Seine letzten Arbeiten Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts und Anfang der siebziger galten chirurgisch-anatomischen Zwecken, hauptsächlich der Behandlung des Blasensteins, der Operation an der Harnröhre, unter anderem der Bildung einer künstlichen Harnröhre. Die Behandlung der Harnröhrenverengung hat er in weitschweifiger Manier in mehreren Bänden behandelt.

In Frankreich krönte die Academie des sciences vier seiner Arbeiten, unter anderem mit einem großen Monthyonschen Preise. Der große Pariser Wissenschaftler Cl. Bernard sagte zu ihm: „Je suis imbû de vos travaux, je serai votre apôtre, il faut presenter tout cela à l’Académie; nous serons charme d’avoir vos travaux, il nous faut de bonnes choses et les vôtres sont excellentes.“

In Deutschland hatte der Eigenbrötler und Außenseiter des wissenschaftlichen Betriebes wenig Anerkennung gefunden. Die Frankfurter Zeitung faßte diese Methode der Mißachtung berühmter Leute, die nicht betitelt sind, am 2. Februar 1879 in folgenden treffenden Worten zusammen: „Das geflissentliche Totschweigen von Leistungen, welche nicht unter den Allongeperücken entstanden sind, erhöht den Kothurn der Wissenschaftspächter in Deutschland nicht mehr.“

Als Preußen Kurhessen annektiert hatte, verlieh ihm der neue Landesherr wenigstens den Titel Geheimer Sanitätsrat, eine Auszeichnung, die an viele gesinnungstüchtige, aber geistig unbedeutende Ärzte verliehen wurde. Nicht einmal ein Orden fiel für ihn ab, obgleich sonst so viele davon alljährlich verteilt wurden.

Von dem einfachen jüdischen Doktor in Kassel hatte man nichts gehört.

Die letzten Studien galten dem eigenartigen Schicksal des französischen Physikers Denis Papin, einem Hugenotten, der 1688—1704 Professor in Marburg war. Papin hatte eine Dampfmaschine erfunden und fuhr 1707 auf einem selbstkonstruierten Schiffe mit Schaufelrädern auf der Fulda von Kassel bis Münden, wo es von den neidischen Schiffern zertrümmert wurde.

Das Leben dieses Forschers war auch, von außen gesehen, ein verpfuschtes, ein von seiner Zeit nicht verstandenes. In dem Werke über diesen ihm verwandten Mann wollte Stilling gewissermaßen das eigene Leben widerspiegeln. Der Tod aber nahm ihm Anno 1879 die Feder aus der nimmermüden Hand.

Felix A. Theilhaber:
Schicksal und Leistung,
Juden in der deutschen Forschung und Technik
Heine Bund 1931