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50 Jahre TRIBÜNE

Die in Frankfurt am Main erscheinende TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums vermag auf eine beeindruckende Geschichte zurück zu blicken. Kürzlich erschien die 200. Ausgabe dieses Periodikums, zugleich das 50. Jahr ihres Bestehens…

Von Roland Kaufhold

Dieses Jubiläum wurde Ende vorigen Jahres in Frankfurt/M. mit einem großen Fest gefeiert, welches durch zahlreiche Fachvorträge versierter Referenten eingerahmt war.

Dementsprechend waren in der 200., wie immer 200 Seiten umfassenden Jubiläumsausgabe (Heft 4/2011) zahlreiche prominente Autoren vertreten, u.a. Barbara von der Lühe, Ilan Hameiri, Tekla Szymanski, Johanna Holler, Ricarda Haase, Nina Dehos, Salomon Korn, Matthias Küntzel, Angela Borgstedt, Emmanuel Nahshon, Angela Merkel, Wolfgang Thierse, Berthold Huber und Claudia Roth.

Ein Blick zurück: Wenig sprach anfangs dafür, dass die TRIBÜNE lange existieren würde. Schon wenige Monate nach ihrer Gründung – aufgebaut wurde sie von dem 1932 geborenen Otto R. Romberg sowie seiner Ehefrau und Herausgeberin Elisabeth Reisch – schien sie bankrott zu sein: „Nach einem halben Jahr waren wir praktisch pleite“, formulierte der seinerzeit 30-jährige Romberg in einem Interview. Absolute inhaltliche Unabhängigkeit, Kampf gegen Antisemitismus, Solidarität mit dem seinerzeit noch jungen Staat Israel – dies waren und sind die Gründsätze des jüdischen Überlebenden Romberg bzw. seines im charakteristischen grünen Einwand erscheinenden Periodikums. Ein Freund gab ihm den Tipp, sich konsequent um einen breiten Stamm von Inseraten zu kümmern – seitdem erblühte die Tribüne auch ökonomisch, behauptete sich fünf Jahrzehnte lang im rauen Zeitschriftenmarkt. Heute schwankt ihre Auflagenhöhe zwischen 5.000 und 7.000 Exemplaren.

Der WDR-Journalist Heiner Lichtenstein war mehrere Jahrzehnte lang Rombergs redaktioneller Kollege. Kürzlich ist Lichtenstein verstorben; an seine Stelle ist Anja Schader als Redakteurin getreten.

Einige Angaben zur Biografie Otto R. Rombergs, die sein entschiedenes Engagement verstehbar machen – ich habe sie dem Beitrag „Am Anfang stand die „Schmierwelle“. Zum 50-jährigen Jubiläum der TRIBÜNE“ von Salomon Korn entnommen, publiziert im Jubiläumsheft Nr. 200 der Tribüne.

Romberg wurde 1932 in Budapest als Otto Roboz geboren, wo er auch aufwuchs. 12-jährig erlebte er als Jude die Besetzung Ungarns durch die Deutschen, er erlebte die Deportationen. Es folgte eine lange Reihe traumatischer Erfahrungen. Sein Vater wurde zur Zwangsarbeit gezwungen, kam ins Konzentrationslager Bergen Belsen, wo er 1944 verstarb. Dies erfuhr Romberg erst vor einigen Jahren. Romberg und seine Mutter saßen schon im Viehwaggon nach Auschwitz, als ihn der berühmte schwedische Diplomat Raoul Wallenberg mit schwedischen Schutzpässen rettete – wie Zehntausende andere ungarische Juden.

Im stalinistischen Ungarn der Nachkriegszeit wurde Romberg als Jude wegen Verdachts „politischer Umtriebe“ zum Tode verurteilt, entkam jedoch nach Österreich. 1956 begann der 27-jährige eine journalistische Tätigkeit als Deutschlandkorrespondent. Es gelang ihm schrittweise, sich in Deutschland zu Hause zu fühlen. Bald folgte die Gründung der TRIBÜNE – und somit ein 50 Jahre übverdauerndes Engagement. Dennoch: Die Zweifel, die Schuldgefühle blieben. Ist es richtig, als Jude in Deutschland zu leben?

Das soeben erschienene Heft 201 (1/2012) der TRIBÜNE sei kurz vorgestellt: Es sind, wie in allen Ausgaben, die regelmäßigen, stets sehr sorgfältig recherchierten Rubriken Berliner Bühne, Rechts im Blick, Israelisches Tagebuch und Notizen aus den USA vertreten. Alexander Frisch schreibt über „Der letzte Grund“ – ein Rekurs auf Versuche, Alfred Anderschs Reputation zu erschüttern. Katrin Diehl wählt in „Versuchte Demontage“ ein vergleichbares Thema: Sie analysiert kritisch ein Buch über den Kunstsammler Heinz Berggruen (1914-2007). Es folgt eine biografische Skizze über den jüdischen Journalisten und Schriftsteller Peter Finkelgruen sowie ein Nachruf auf den international renommierten Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Der stets ausgezeichnet informierte Rechtsextremismus-Experte Anton Maegerle ist ebenfalls vertreten, diesmal mit „Bundesrepublik und Rechtsextremismus“ – eine neun Seiten umfassende minutiöse Studie über ein leider dauerhaftes Thema. Maegerle gehört zu den regelmäßigen Autoren der TRIBÜNE, der sich mit seinen Recherchen über Rechtsextremismus überdauernde Verdienste erworben hat. Peter Steinbach erinnert in einer umfangreichen Studie an die Wannsee-Konferenz vom 20.1.1942, Emmanuel Nahshon, Gesandter des Staates Israel in Deutschland, steuert eine lesenswerte Abhandlung über „Erinnerung an die Shoah“ bei, in der er sich für ein lebendiges Gedenken statt überholter, unproduktiver Ritualisierungen einsetzt. In gleich drei Beiträgen wird jüdisches Leben in Deutschland beschrieben: Von der stets gut informierten Ricarda Haase über den 1893 gegründeten „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, ein Artikel über das Hamburger Grindelviertel sowie Ursula Homanns Beitrag über „Juden der zweiten Generation“: Sie vergleicht die Biografien und Werke der Schauspielerin Adriana Altaras sowie der Schriftstellerinnen Viola Roggenkamp, Barbara Honigmann und Lena Gorelik – sie alle haben inzwischen ein breites Lesepublikum gewonnen. Informativ auch der Beitrag von Margret Karsch über das Jüdische Museum in Istanbul. Sie hebt hervor: „In der Türkei besteht noch viel Aufklärungs- und Forschungsbedarf – nicht nur zur Rolle des Staates während des Holocaust, sondern auch zum türkischen Nationalismus und dem Umgang mit Minderheiten insgesamt. Das gilt auch für die weiter zurückliegende Vergangenheit“ (S. 157). Und abschließend hebt sie hervor: „Heute leben in der Türkei lediglich noch rund 20.000 Juden; in Israel sind es um die 100.000 Juden mit türkischen Wurzeln. Das Jüdische Museum stellt durch die Lücken in der Geschichte auch die fehlende Meinungsfreiheit in der Türkei zur Schau“ (S. 157). Abgeschlossen wird auch diese Tribüne-Ausgabe durch einen 13 Seiten umfassenden, wertvollen Rezensionsteil.

Die TRIBÜNE ist und bleibt ein wichtiges, ein unverzichtbares Periodikum!

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit: http://www.tribuene-verlag.de