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Nervige Fragen zum koscheren Essen: Der jüdisch-christliche Dialog steht im Alltag vor Problemen

Zum 60. Mal findet in dieser Woche die „Woche der Brüderlichkeit“ statt. Das Gespräch zwischen Juden und Christen wird in Festreden gern gelobt. Die Realität ist oft anders. Viele Juden möchten nicht als „lebende Museumsstücke“ gesehen werden…

Von Gerald Beyrodt im deutschlandradio

Wenn Hana Gross Süßigkeiten angeboten bekommt, überlegt die Archäologin oft einen Moment – und bei manchen Süßigkeiten lehnt sie dankend ab.

„Ich esse koscher. Dann werden Gummibärchen rumgereicht; mittlerweile sage ich, dass ich Vegetarierin bin. Bin ich auch, und das verstehen dann die meisten. Das erfordert dann zu viel Erklärung, wenn ich sage, dass ich koscher esse, und was da noch dahinter steckt. Die meisten können damit auch nichts verbinden.“

Gummibärchen enthalten Gelatine – und die besteht in der Regel aus Schweineknochen oder Überresten von konventionell geschlachteten Tieren. Nur das Fleisch von geschächteten Tieren ist koscher. Wer sich an die jüdischen Speisevorschriften hält, kann entweder Gummibärchen aus Stärkegelatine oder aus Fischgelatine essen.

Auch wenn neue Freunde Hana Gross zu Hause besuchen, gibt es schnell einen Anlass für jüdisch-christliche Dialoge. Denn kaum jemand weiß, was es mit der kleinen Kapsel an ihrem Türrahmen auf sich hat: Sie nennt sich Mesusa und enthält eine kleine Schriftrolle mit dem „Höre Israel “ – ein Bekenntnis zum einen Gott und zu seinen Geboten.. Für Juden ein gebräuchlicher Alltagsgegenstand.

„Als Jude, zumindest, wenn man sich als Jude zu erkennen gibt, hat man eigentlich jeden Tag jüdisch-christlichen Dialog.“

Sagt die 30-jährige Eva Schafberg, Vorsitzende der Berliner Regionalgruppe der bundesweiten Vereinigung „Jung und Jüdisch“. Die Studenten und jungen Akademiker diskutieren über das Judentum oder gehen auch in die Oper. Leider verlaufe der Dialog im Alltag oft nur in eine Richtung, findet Eva Schafberg: Christen und Andersgläubige fragen, Juden antworten.

„In Gesprächen, in denen rauskommt, dass ich jüdisch bin, gibt es ständig Fragen zum Judentum, was fast schon etwas enervierend sein kann, was natürlich nett gemeint ist. Ich verstehe auch, wenn man dann mal einen Juden trifft sozusagen, dass man dann viel wissen möchte. Aber teilweise kommt man sich schon vor, wie so ’n lebendes Museumsstück, muss ich ehrlich sagen, wenn es dann mit den Fragen überhand nimmt. Zum Beispiel in der Uni, wenn man sich eigentlich auf seine Uni-Arbeiten konzentrieren möchte, und dann von Studenten ausgefragt wird.“

Ärgerlich findet es die deutsche Staatsbürgerin, wenn ihr andere Deutsche Vorwürfe für die Politik der israelischen Regierung machen, so als wäre sie deren Botschafterin. Schon gar nicht möchte sie zwischen Tür und Angel die Frage beantworten, welcher Verwandte von ihr im Holocaust auf welche Weise ermordet wurde.

Doch natürlich kann Eva Schafberg das Interesse am Judentum auch verstehen. Sie stellt sich sogar vor Schulklassen, um Fragen zu beantworten.

„Dann haben sie mal gehört, es gibt es ein Fest, das heißt Chanukka, dann wollen sie wissen, was das ist. Oder sie haben gehört, es gibt koscher oder unkoscher, dann wollen sie wissen, was es damit auf sich hat. Bis hin zu Fragen, man hätte mal gehört, Hitler sei Jude gewesen, Fragen, wo man erst mal schlucken muss, Fragen, wo man ganz bei Null anfangen muss.“

Muslimische Schüler erkundigen sich oft nach Speisevorschriften, wollen wissen, ob sich auch Juden im Alltag benachteiligt fühlen. Fragen zum Nahostkonflikt stellen oft die Lehrer.

Als großen Fortschritt sieht es Eva Schafberg an, dass die großen christlichen Kirchen seit den 60er-Jahren Abschied vom Antijudaismus genommen haben: Sie sind nicht mehr der Ansicht, die Juden als auserwähltes Volk zu ersetzen. Die katholische Kirche hat dies 1965 in der Erklärung „Nostra Aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils dokumentiert und die Evangelische Kirche 1980 im sogenannten Rheinischen Synodalbeschluss sowie weiteren nachfolgenden Erklärungen.

Doch viele Juden sind sich nach vielen Jahrhunderten des kirchlichen Antijudaismus nicht ganz sicher, wie lange der Frieden hält. Immer wieder gibt es aus jüdischer Sicht Anlass zur Sorge: Als palästinensische Christen im sogenannten Kairo-Palästina-Dokument vor drei Jahren ihre Situation beklagten und das Existenzrecht Israels bestritten, rief das in deutschen Kirchengemeinden neben Empörung auch Solidaritätsbekundungen hervor. Der jüdische Historiker Hermann Simon hat daher Hochachtung vor Christen, die sich in Kirchengemeinden für den Dialog einsetzen.

„Ich muss für mich sagen, dass ich diesem Dialog doch immer sehr kritisch gegenüberstand, dass ich von dieser Position etwas abgerückt bin. Weil ich auch früher nicht gesehen habe, dass Menschen in Kirchengemeinden, dass die auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft, für diesen Dialog und um diesen Dialog führen zu können, sich sehr durchsetzen müssen.“

Gleichzeitig suchen viele Christen heute die Nähe zu Juden. Manche begehen tatsächlich jüdische Feiertage: etwa das Pessachfest, mit dem sich Juden an ihren Auszug aus Ägypten erinnern. Nicht selten taucht von christlicher Seite auch der Wunsch auf, gemeinsam mit Juden zu beten. Doch die freuen sich nicht immer über solche Wünsche. Historiker Hermann Simon:

„‚Eine Umarmung kann zum Würgegriff werden, um das mal so ganz drastisch zu sagen.“

Sich nicht vereinnahmen zu lassen, ist für viele Juden wichtig. Jael Botsch-Fitterling ist jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin, die in der Hauptstadt die Woche der Brüderlichkeit ausrichtet. Die gebürtige Israelin ärgert sich über das Motto der diesjährigen Woche: „Verantwortung für den anderen.“

„Ich bin also ein Gegner, Verantwortung für einen anderen zu nehmen, denn das wäre eine Entmündigung.“

Bleibt die Frage, worüber sich Juden und Christen unterhalten sollen und wer dieses Gespräch kompetent führen kann. Denn in den beiden großen Kirchen in Deutschland arbeiten viele Tausend Pfarrer, die über theologische Examina verfügen. Dagegen gibt es weniger als 50 Rabbiner in Deutschland. Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum in Berlin:

„Ich weiß einfach viele Dinge gar nicht, die ein Theologe von mir in einem Dialog wissen will. Natürlich kann ich ihm sagen, wie ich mein Judentum lebe, wie ich persönlich diese Dinge gestalte. Aber wenn er mit mir über bestimmte Stellen diskutiert, es heißt doch dort so und dort so und wie würden Sie das sehen, und vom hebräischen Text her. Das ist nicht mein Part.“